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Campus Cinema Thriller "EGO" mit Kameramann Tilmann Wittneben

In dieser Campus Cinema-Ausgabe stellen wir einen Thriller vor, der an der Hochschule für Fernsehen und Film München entstanden ist und mit ganz reduzierten Mitteln auskommt: eine Frau, ein Auto, eine äußerst missliche Lage, nämlich ein Unfall, im Wald, mitten im eiskalten Winter. Um die Frage „Wie kommt die Frau da wieder lebend raus?“ dreht sich „EGO“. Dazu sprechen wir mit dem Mann, der bei den Dreharbeiten auch mit extrem reduzierten Mitteln bzw. extrem wenig Platz auskommen musste: Tilmann Wittneben. Er führte bei EGO die Kamera und ist auch Kamerastudent an der HFF München.

Von: Florian Kummert

Stand: 28.03.2019

Campus Cinema "EGO" | Bild: BR

Tilmann Wittneben musste sich mit seiner Alexa-Mini-Kamera samt Objektiv ins Auto quetschen, um von Hauptdarstellerin Jeanette Hain die passenden Einstellungen zu bekommen. Bilder, die einen in ihre Welt der Angst, der Klaustrophobie transportieren.

"Das war von vornherein das, was mich am meisten an dem Buch gereizt hat. Wie minimalistisch kann ich arbeiten, um spannende Blicke zu finden. Dazu sind wir zu Schrottplätzen gefahren, um uns Unfallautos anzusehen und um zu sehen, wo ich im Auto überhaupt Platz habe. Wir haben dann in einem tatsächlichen Unfallwagen gedreht. An dem Airbag war noch richtiges vertrocknetes Blut zu sehen."

(Tilmann Wittneben)

In gut 13 Minuten erzählt EGO von einer Frau, die neben einer stark befahrenen Autobahn in einem Autowrack eingeklemmt erwacht. Ihre schweren Verletzungen lassen sie langsam verbluten und die Kälte wird während der verzweifelten Suche nach Hilfe zu einem ihrer größten Feinde. Mit aller Kraft versucht sie auf sich aufmerksam zu machen und ihre Hoffnung auf Rettung nicht zu verlieren, doch schließlich findet sie eine Notiz, die ihr Schicksal unter einem völlig anderen Licht erscheinen lässt…

Die äußeren Umstände machten die Dreharbeiten zu einer echten Herausforderung. Temperaturen von minus 16 Grad herrschten im Wald. Tilmann konnte sich zwar von Decken, Wärmflaschen und Winterjacken wärmen lassen, als Kameramann mussten aber die Finger immer freibleiben. Handschuhe waren für ihn keine Option, nur viel Ingwertee. Aber auch für Technik in der Kamera sind solche Temperaturen ein Extremfall. Das Wetter hat dadurch eine wichtige Rolle im Film bekommen. Raureif, Atem vorm Mund. Bei minus 16 Grad war das kein Spezialeffekt, sondern Realität.

Ein Trick, um mehr Einstellungsmöglichkeiten zu bekommen und den kleinen Raum größer zu machen: die Arbeit mit Spiegeln.

"Wir sind in den Baumarkt gefahren und haben uns Spiegel zurechtschneiden lassen und die dann im Auto montiert. Zum Beispiel haben wir einen Spiegel an die Autodachdecke gehängt und konnten über Jeanettes Kopf nach unten filmen. So konnten wir in Blickwinkel kommen, die wir mit der Kamera nie erreicht hätten. Solche Tricks gehören zum Kamerahandwerk. Man muss da auch spielerisch rangehen, weg von der Konvention. Schön war auch: je härter die Drehbedingungen wurden, desto mehr rückte das Team zusammen."

(Tilmann Wittneben)

Sechs Kameramänner und –frauen werden im Durchschnitt pro Jahrgang an der HFF zum Studium zugelassen. Da es an der HFF weniger Kamerastudenten als Regisseure pro Jahrgang gibt, hat man die Möglichkeit mehr Projekte zu realisieren.

Mit dem Regisseur von EGO, Lukas Baier, hat Tilmann bereits mehrere Filme gedreht. Andere HFF-Kameraabsolventen haben sogar den Sprung nach Hollywood geschafft. Markus Förderer hat mit Roland Emmerich „Independence Day 2“ gedreht, nachdem er von dessen Arbeit im HFF-Film „Hell“ beeindruckt war.

"Wichtig ist es hier ein Netzwerk aufzubauen. Man lernt so viele verschiedene Regisseure und Filmbegeisterte kennen, mit denen man Sachen ausprobieren darf, das ist fantastisch. Das Handwerk kann ja eigentlich jeder lernen, aber letztlich ist die HFF eine Kunsthochschule. Daher ist es wichtig, hier seine Persönlichkeit miteinzubringen."

(Tilmann Wittneben)

Filminfos

EGO (13`28) 
Deutschland 2018
Buch: Christine Heinlein
Regie: Lukas Baier
Kamera: Tilmann Wittneben
Besetzung: Jeanette Hain (Marie Schmidt)
Produktion: finyl UG in Koproduktion mit BR und Hochschule für Fernsehen und Film München
Preise / Auszeichnungen (Auswahl):       

  • 2018  Next Generation Short Tiger

 


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