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Campus Cinema "Queen of Oasis" und "Rotkäppchen"

Campus Cinema trifft Filmemacherin Lynn Oona Baur, die in ihren Filmen "Rotkäppchen" und "Queen of Oasis" das Private und das Politische verbindet. Sie erzählt von kleinen, privaten Geschichten in die die große Weltpolitik einbricht - zwei Kurzfilme, die sie während ihrer Studienzeit an der Hamburg Media School gedreht hat.

Von: Campus Cinema

Stand: 18.03.2019

Szenen aus "Rotkäppchen" und "Oasis of Queen" | Bild: Lennart Deuss, Philip Matousek, Montage: BR

"Queen of Oasis" – Film 02

Queen of Oasis, Lynn Oona Baurs Zweitsemesterfilm an der Hamburg Media School, erzählt von zwei Mädchen. Die jüngere, ein kleines Mädchen namens Dima (ChahrazadHassan), sieht sich als die titelgebende Königin der märchenhaften Oase, in der sie ganz alleine lebt: Mit Hilfe ihrer Phantasie schafft es das kleine Mädchen Dima, der Kriegsrealität, in der sie groß wird, jeden Schrecken zu nehmen. Sie verharrt, zurückgelassen in einem menschenleeren, kriegsgeschädigten Häuserblock. Eines Tages findet das etwas ältere Mädchen Manal (Sofia Bolotina) Zuflucht im Gebäude auf der anderen Straßenseite. Manal ist auf der Flucht - auch sie alleine. Ihr Ziel: eine sichere Zukunft, jenseits des Krieges. Als Dima in Gefahr gerät, muss sich Manal entscheiden: Kämpft sie weiter für sich allein, oder geht sie hinüber, in das Haus auf der anderen Straßenseite, und übernimmt Verantwortung für einen weiteren Menschen - für Dima?

"Sehe ich mich als politische Filmemacherin? Ein Stück weit ja, aber es ist nicht mein vordergründiges Thema. Ich will nicht Leute erziehen, aber mich beschäftigt das sehr. Ich bin politisch, und deshalb sind meine Filme auch immer ein Beitrag dazu. Aber ich mache keine rein politischen Filme."

Lynn Oona Baur

Queen of Oasis, zum großen Teil in einem leerstehenden Häuserblock in Berlin-Lichtenberg gedreht, ist ein ruhig erzählter Film, der bewusst auf Dialoge verzichtet, mit Blicken und Gesten arbeitet und mit dem Stilmittel der Suspense.

"Bei Queen of Oasis“ ging es mir auch um die Frage der Traumabewältigung. Wie gehen Menschen, die solche Kriegsgräuel erlebt haben, damit um? Wie verarbeiten das insbesondere Kinder? In meinem Film zeige ich zwei Strategien. Das ältere Mädchen blickt pragmatisch nach vorne. Das jüngere Mädchen zieht sich komplett zurück in ihre eigene Traumwelt, und stellt sich ihr zerbombtes Zimmer als wunderschöne Oase vor. Die beiden Mädchen geben sich viel, ergänzen sich, und so gelingt ihnen letztlich gemeinsam die Flucht."

Lynn Oona Baur

„Queen of Oasis“ blickt ins Ausland, Lynn Oona Baurs Erstsemesterfilm „Rotkäppchen“ hingegen auf Deutschland, aber auf ein Deutschland der Zukunft, eine Diktatur, die im Jahr 2032 von der Partei „Das Volk“ dominiert wird. 

„Rotkäppchen“ – Film 01

Der Erstlings-Film „Rotkäppchen“ ist als Reaktion auf die Machtergreifung von Donald Trump und das Erstarken vieler rechten Parteien in Europa entstanden. Rotkäppchen“ ist Teil des sechsteiligen Kurzfilmprojekts „2032 - eine deutsche Dystopie“. 24 Studierende haben sich in sechs Viererteams - Regie, Produktion, Drehbuch und Kamera - zusammengetan, um voneinander getrennt erzählte Geschichten zu entwerfen, die aber in einer gemeinsamen Welt spielen. Lynn Oona Baurs Beitrag „Rotkäppchen“ dreht sich um die Indoktrination der Kinder. 

"Der Film ist für mich wie eine Art Ausblick, oder ein warnender Gedanke. Das darf nicht passieren, ein dystopischer Blick in die Zukunft. Wie ich es auf gar keinen Fall haben will. Daher muss man jetzt etwas dagegen machen und aufstehen, wachsam sein und protestieren."

Lynn Oona Baur

Im Zentrum des Films steht die 10-jährige Luise, die das Rotkäppchen in einem gleichnamigen Schultheaterstück spielen darf, welches von der regierenden Partei aufgezeichnet und live übertragen wird. Was für die begeisterten Zuschauer, alles Kinder, als harmloses Singspiel beginnt, mündet bald in einem kaltblütigen Spektakel: Ein lebendiger Wolf wird hingerichtet und Luise droht an den Folgen der schonungslosen Systempropaganda zu zerbrechen.

Erst durch diese Mißhandlung ihrer Tochter begreift Mutter Anna zu welchem Unrechtsstaat ihr Heimatland verkommen ist. Doch beim Versuch ihr Kind zu schützen, scheitert sie und verliert ihre Tochter an das System.

"Anders als im klassischen Rotkäppchen-Märchen, in dem der Wolf die Schurkenrolle hat, ist das Tier hier das Symbol für das Fremde, das Andersartige, das Wilde, das Unkontrollierbare. Das soll bezwungen, ausgemerzt werden. Mit perfiden Mitteln sollen in „Rotkäppchen“ Kinder lernen, ohne Empathie das Fremde auszugrenzen oder zu vernichten."

 Lynn Oona Baur

Besonders spannend waren die Dreharbeiten mit dressierten Filmwölfen.

"Es war Wahnsinn, was die letztlich doch wilden Tiere für eine Ausstrahlung hatten. Ich musste mit meiner Schauspielerin erst die Wölfe kennenlernen, obwohl ich bereits vor Hunden große Angst habe. Wir mussten die Wölfe füttern, sie haben an uns gerochen, und die Wölfe mussten sich wiederum an die Filmpistole und den Knall gewöhnen. Deswegen wurde vorne an die Pistole Leberwurst geschmiert um den Wolf anzulocken."

Lynn Oona Baur

 Kurzvita Lynn Oona Baur

1988 in Hamburg geboren, entscheidet sich Lynn Baur neunzehn Jahre später im letzten Moment gegen ein Studium der Sozialpädagogik und dreht ihren ersten Film.

Während eines Praktikums sammelt sie Erfahrungen in der Postproduktion. Darauf folgen Regieassistenzen bei Hermine Huntgeburth und Lars Jessen, sowie das dreijährige Studium der Kulturwissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg, welches sie mit einer Arbeit zu der Geschichte der Mockumentary in Deutschland abschließt. Bereits während des Studiums übernimmt sie die Tätigkeit der Junior Producerin in Lars Jessens Produktionsfirma Eichholz Film, bei der sie auch nach dem Studium noch tätig ist. Darüber hinaus führt sie Regie bei mehreren Kurzfilmen und Musikvideos. Seit 2014 arbeitet sie als freie Dramaturgin.

Während all dieser Tätigkeiten tritt der dringende Wunsch, selbst Regie zu führen, immer stärker in den Vordergrund und sie entscheidet sich 2016 den Masterstudiengang Film der Hamburg Media School im Fachbereich Regie anzutreten. Ihr Erstsemesterfilm „Rotkäppchen“  wurde unter anderem im Rahmen des Kyoto International Film & Videofestival in der Studentensektion mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und war für den Max-Ophüls-Preis in der Kategorie Bester Kurzfilm 2018 nominiert, auch ihr Zweitsemesterfilm „Queen of Oasis“ lief auf zahlreichen internationalen sowie nationalen Festivals. Ihr Abschlussfilm 'Allein mit Dir' feierte seine Premiere Anfang 2019 erneut im Kurzfilmwettbewerb des Max-Ophüls-Preises.  


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