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"Kleine Annabelle" von Olaf Saumer Ein Baby bitte - möglichst billig, möglichst bald

Ein Retortenbaby auf Bestellung, braune Augen, ein bisschen blond. Übrigens: Jungs sind billiger! Der Sci-Fi-Kurzfilm "Kleine Annabelle" von Olaf Saumer erzählt von den Schönborns, die sich - asexuell - ein Kind zulegen wollen.

Von: Christian Wurzer

Stand: 06.08.2016

In einer Zeit, in der es schon lange verboten scheint, sich natürlich fortzupflanzen, sind angehende Eltern auf die Firma Lifesense angewiesen. Das Unternehmen bietet alles, was ein Mensch brauchen kann: Ersatzorgane, plastische Eingriffe in den Körper, preiswerte Doppel-Einschläferung der Großeltern und eben das Retortenbaby auf Bestellung, ausgetragen von extra gezüchteten Leistungsgebärmuttern und maßgeschneidert für jeden Geldbeutel. Also gehen die Schönborns zu Lifesense - denn sie wollen ein Kind haben.

Bislang waren die Schönborns ein bisschen knapp bei Kasse. Jetzt aber hat Herr Schönborn eine Anstellung an den Docks erhalten, da sollte ein kleines Baby schon drin sein. Doch alles kostet Geld: die Retortengebärmutter, jedes künftige Talent des Wunschkindes, die Augenfarbe, jeder Finger, jedes Haar, alles. Die Schonborns müssen also sparen, im wahrsten Sinne des Wortes an jedem Ende des Kindes. Etwas kleiner soll es sein, das ist billiger. Etwas blonder darf es sein, auch das spart was. Und die Hautfarbe... tja, da gibt es teure und billige Modelle.

Skurrile Sci-Fi-Satire mit Gegenwartsbezug

"Kleine Annabelle" ist ein 22-minütiges Sci-Fi-Drama, das eine Zukunftsvision in bitterer Satire zeichnet. Olaf Saumer weiß, wie er sein Publikum zum Lachen bringt, das aber schnell erstirbt. Zu stark ist der futuristisch anmutende Stoff von "Kleine Annabelle" an der Realität orientiert. Die Idee zu dem Kurzfilm stammt übrigens von Saumers Bruder:

"Mein Bruder schreibt seit frühester Jugend Gedichte und Kurzgeschichten. Als er mir einige seiner Werke zum Lesen gab, war auch 'Kleine Annabelle' dabei. Mit schwarzem Humor und satirischen Zügen gespickt, packte mich die Geschichte sofort und ich machte daraus ein Drehbuch. Eine bitterböse Satire von den Möglichkeiten einer Gesellschaft von Morgen, die bereits in unserer Gegenwart zur Realität werden."

(Olaf Saumer)

Gedreht wurde im großen Hörsaal der Kunsthochschule Kassel. Dafür wurde sie komplett weiß ausgelegt, beziehungsweise hat Olaf Saumer den Boden der Aula kurzerhand weiß anmalen lassen. Eine Woche lang drehte Olaf Saumer mit Schauspielern des Staatstheaters Kassel, die alle kein Honorar verlangten. Für den Glasschreibtisch von Frau Doktor organisierte das Filmteam die ausgediente Fensterscheibe eines ICE von der Deutschen Bahn. Für die Visual Effects auf dem Glasschreibtisch und den Glaspads saß ein ganzes Team tage- und nächtelang hinter dem Computer. Die Mühe hat sich gelohnt.

Über Olaf Saumer

Olaf Saumer wurde am 22. April 1976 im hessischen Kassel geboren. Aufgewachsen im ländlichen Idyll von Bad Emstal entdeckte er schon als Kind seine Leidenschaft zum Film und vor allem zum Filmesammeln. Steven und George seien schuld, dass er heute Filme macht, beteuert er immer wieder. Gemeint sind natürlich Steven Spielberg und George Lucas. "E.T." war das erste Video, das sich Saumer schon als Kind besorgte. Und über die Bedeutung von "Star Wars" muss man eigentlich nichts weiter sagen. Nach der Schule lernte Saumer brav Einzelhandelskaufmann, machte später das Fachabitur in Wirtschaft und Verwaltung. Und dennoch, irgendetwas mit Filmen zu tun zu haben, diesen Traum hat er nicht vergessen. Nach dem Zivildienst war es so weit. Er machte Praktika. Er interessierte sich für Regie, Schnitt und Kamera. In mehreren Filmproduktionsfirmen und Fernsehsendern lernte er das Handwerk von der Pieke auf. 1999, gerade war er beim Hessischen Rundfunk angelangt, wurde er nach bestandenem Auswahlverfahren an der Kunsthochschule Kassel aufgenommen. Jetzt war er in seinem Element. Und wenn man ihn fragt, wer ihn inspiriert habe, dann nennt Olaf Saumer Namen wie Giuseppe Tornatore, Jean-Pierre Jeunet, Terry Gilliam und Tim Burton. 2006 gründete er seine Filmfirma Tagträumer. "Kleine Annabelle" drehte Olaf Saumer während seines Studiums. Der Kurzfilm hatte 2007 seine Premiere auf dem Max Ophüls Filmfestival in Saarbrücken. Von der Filmbewertungsgesellschaft wurde er mit dem Prädikat "besonders wertvoll" ausgezeichnet. Mit seinem Abschlussfilm "Suicide Club" (2010) gelang ihm ein internationaler Erfolg. Auf dem französischen Filmfestival Ciné-Festival Pays de Fayance  erhielt er den "CIGALE D’OR", den Preis der Jury. Zuhause auf dem Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest erhielt Saumer den nordhessischen Filmpreis "Goldener Herkules 2010" und in San Francisco den "Federico-Fellini-Award 2011" für den besten ausländischen Debütfilm.


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