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Campus Cinema // "Bob" von Julia Nehls Wie lebt eine Drag Queen eigentlich privat?

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Diese Beschreibung trifft die Privatperson und die Showpersönlichkeit von Travestiekünstler Bob exakt. HFF-Studentin Julia Nehls blickt in ihrer Doku hinter die Fassade und zeigt, wie der Münchner fernab der Bühne lebt.

Stand: 31.08.2017

Szene aus "Bob" von Julia Nehls | Bild: Julia Nehls

Wenn Bob mit den Wimpern klimpert, dann ist das, als würde sich ein Flugsaurier in die Luft erheben: Seine künstlichen Wimpern sind nicht nur auffällig lang, sie sind komplett überdimensioniert. Das muss auch so sein. Denn Bob ist ein Travestiekünstler. Alles an seiner Aufmachung ist larger than life, von oben bis unten: das Make-up, die extravaganten Kostüme, die knöchelbrechend hohen Stöckelschuhe.

Man ist geradezu geblendet von dieser Erscheinung. Und vergisst dabei fast, dass hinter der schillernden Berufsfassade ein ganz normaler Mensch steckt. HFF-Studentin Julia Nehls kennt diesen Menschen. Und weil sie fasziniert war von der Metamorphose, die Bob durchmacht, wenn er sich in die Kunstfigur BOBabachtzehnuhr verwandelt, wollte sie unbedingt einen Film über ihn drehen. Als Julia ihren ersten Kurzfilm an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film umsetzen sollte, war es soweit.

"Bob hätte sich in manchen Dingen nicht so geöffnet, wenn ich es nicht gewesen wäre. Er hat auch gesagt, wenn ich private Einblicke gewähre, mit meinem Ehemann vor der Kamera, dann nur wegen dir, weil du eine Freundin von mir bist und ich dich gerne mag. Aber ich hab auch gemerkt, wenn ihm etwas zu privat war, hat er professionell dementsprechend abgewiesen oder überspielt."

(Julia Nehls über die Dreharbeiten zu ihrem Kurzfilm 'Bob')

Mit ihrer Kamera folgt Filmstudentin Julia Bob sowohl ins Nachtleben, als auch in seine Wohnung. Sie sitzt mit ihm und seinem Ehemann am Frühstückstisch, blickt verstohlen in sein Schlafzimmer, schwenkt über die imposante Schuhsammlung, lässt ihn beim Wäschewaschen von seiner Kindheit und seiner Familie erzählen. Und dann zeigt sie, wie er sich peu à peu in das schillernde Wesen verwandelt, als das er im Münchner Nachtleben bekannt ist. Eine Herausforderung, wie sie im Gespräch mit Campus Cinema-Moderator Florian Kummert erzählt. Denn die Vorgaben der Filmhochschule für ihren Erstlingsfilm – das Filmen in schwarz-weiß auf insgesamt nur drei 16mm-Filmrollen mit je zehn Minuten Laufzeit – erforderten von Julia und ihrem Team logistisches Geschick:

"Die schwierigste Szene war das Schminken. Bob braucht zwei Stunden und wir hatten ja nur insgesamt dreißig Minuten Filmmaterial. Mein Kameramann und ich hatten vorher aber schon Probeaufnahmen gemacht mit einer Digitalkamera und gesehen, wie das ausschaut. Bob pudert sich erst mal ab, diese Ebenen sieht man auch im Film. Letztlich ist eine meiner drei Filmrollen draufgegangen fürs Schminken."

(Julia über die schwierigste Szene von 'Bob')

Aber der Aufwand hat sich gelohnt. Denn Julias Kurzdoku fasziniert von der ersten Minute bis zur letzten. Und irgendwie hat man den Eindruck, dass selbst durch das gedämpfte Schwarz-Weiß-Material alles glitzert und glänzt.

Über Julia Nehls

Geboren 1989 in München und dort aufgewachsen, machte Julia Nehls bereits nach dem Abitur erste Praktika beim Film. Anschließend studierte sie Theaterwissenschaften und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und schloss diese erfolgreich mit dem Bachelor of Arts ab.

Nach dem Studium war Julia die persönliche Assistenz von Dominik Graf in dem Polizeiruf 110 "Smoke on the water". Seit Herbst 2014 studiert sie Drehbuch an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Daneben wirkte sie am Drehbuchmagazin „Filmreif“ unter der Leitung von Professor Doris Dörrie als Redakteurin und Lektorin mit. Zudem arbeitet sie an einigen Sonderprojekten im Bereich Kurzfilm. Im ersten Studienjahr drehte Julia bereits ihren dokumentarischen Kurzfilm "Bob".

Der Pitch ihres Drehbuchs zur bayerischen Komödie „Fliagn“ erhielt beim Empfang der Filmhochschulen im Rahmen der Berlinale 2016 von der Jury die Erwähnung "Besonders wertvoll".


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