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Prof. Dr. Jürgen Renn Das Anthropozän und die Geschichte des Wissens

Der Mathematiker Jürgen Renn vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin berichtet über das Anthropozän, die Erdepoche, die durch die planetaren Auswirkungen menschlicher Tätigkeit charakterisiert ist.

Von: Andrea Roth

Stand: 15.11.2019

Der Vortrag führt in das Thema des Anthropozäns ein, die – vorgeschlagene – Erdepoche, die durch die planetaren Auswirkungen menschlicher Tätigkeit charakterisiert ist. Durch menschliche Tätigkeit hat sich das Klimas verändert, die Eiskappen schmelzen, die Biodiversität hat gewaltige Verluste erlitten, Wälder wurden gerodet, Dämme gebaut und das Meer verschmutzt.

 Wann hat das Anthropozän begonnen? Manche Forscher meinen, die Veränderung des Planeten habe bereits mit der menschlichen Nutzung des Feuers angefangen, andere datieren die Anfänge des Anthropozäns auf den Beginn der Landwirtschaft in der neolithischen Revolution. Die heute zu beobachtenden Klimaveränderungen durch den Treibhauseffekt haben ihre Wurzeln in der Nutzung fossiler Brennstoffe während der industriellen Revolution. Besonders deutliche Spuren im Erdsystem, wie etwa die immer noch strahlenden Reste der ersten Atombombenexplosionen, hat die so genannte „Große Beschleunigung“ der Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit ihrer rasanten ökonomischen und technischen Entwicklung hinterlassen.

Welchen Beitrag haben Wissenschaft und Technologie zur Verwandlung der Erde geleistet? Waren sie nur Instrumente in den Händen rücksichtsloser Ausbeuter natürlicher Ressourcen oder haben sie auch eine Rolle für die Einsicht in die zerstörende Kraft menschlicher Interventionen geleistet? Lassen sie sich überhaupt steuern? Welche Rolle können sie künftig bei der Bewältigung der Herausforderungen des Anthropozäns spielen?

Der Vortrag eröffnet zugleich eine neue Perspektive auf die Wissenschaftsgeschichte als Teil einer umfassenden Evolution des Wissens. Bisher ist die eigenständige Bedeutung der Wissensentwicklung für die kulturelle Evolution unterschätzt worden. Stehen wir an der Schwelle eines neuen evolutionären Prozesses, der epistemischen Evolution?

Jürgen Renn ist seit dessen Gründung 1994 Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Er studierte Physik an der Freien Universität Berlin und der Sapienza Universität Rom und promovierte 1987 in mathematischer Physik an der Technischen Universität Berlin. 

Seine Forschung fokussiert sich auf strukturelle Veränderungen in Wissenssystemen, um ein theoretisches Verständnis über die Evolution von Wissen unter Berücksichtigung ihrer epistemischen, sozialen und materiellen Dimensionen zu entwickeln. Forschungsprojekte beschäftigten sich mit der historischen Entwicklung der Mechanik von der Antike bis zum 20. Jahrhundert, den Ursprüngen der Mechanik in China oder der Transformation alten Wissens und dem Wissensaustausch zwischen Europa und China in der frühen Neuzeit. Über eine Längsschnittperspektive auf die Evolution des Wissens hinaus hat er mit seinem Team einen transversalen Ansatz entwickelt, um die Verbreitungs- und Transformationsprozesse von Wissen über kulturelle Grenzen hinweg zu untersuchen. Jürgen Renn engagierte sich von Anfang an bei den Digital Humanities und ist Unterstützer der Open Access Bewegung. In jüngster Zeit hat er sich der Herausforderungen des Anthropozän bei der Erforschung der Wissens- und Wissenschaftsgeschichte angenommen.

Jürgen Renn ist Honorarprofessor für Wissenschaftsgeschichte an der Freien Universität Berlin und der Humboldt Universität zu Berlin und lehrte an der Universität Boston, dem ETH Zürich und an der Universität Tel Aviv. Gastaufenthalte führten ihn an die Universitäten in Wien, Bergamo und an das CalTech in Pasadena. Er ist Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und weiterer nationaler und internationaler wissenschaftlicher Gremien. Von 2016 bis 2019 hatte er den Vorsitz der geisteswissenschaftlichen Sektion der Max-Planck-Gesellschaft inne. 


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