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Bildungsstreik an der Uni Die Leute wollen studieren, dann lasst sie doch!

120 Studierende, die alle in ein Seminar wollen? Zu wenig Dozierende - und Räumlichkeiten gibt es schon gleich gar nicht. Den Studierenden im rheinland-pfälzischen Landau reicht es: Sie sind im Bildungsstreik und besetzen Teile des Campus!

Von: Katharina Willinger und Moritz Pompl

Stand: 02.12.2015

Unsere Zündstoff-Reporter haben das Streik-Geschehen einen Tag lang begleitet: Montag Morgen, es regnet. Wir stehen vor einem trostlosen Gebäude, das heute noch grauer wirkt, als es das vermutlich sonst eh schon tut. Hier soll er stattfinden: der Bildungsstreik der Landauer Studierenden. Deshalb sind wir her gekommen. 

Wir halten so lange die Luft an, bis was passiert

Ansage der Streikenden

Als wir das Gebäude betreten, müssen wir nicht lange nach Streik-Indizien suchen. Die Wände und Säulen hängen voll mit Plakaten: "Zu viele Studenten, zu wenig Dozenten", "Ein Land, das an der Bildung spart, begibt sich auf eine Todes-Fahrt", “Zu volle Räume“, "Überfüllte Seminare" und die symbolische Drohung: "Wir halten so lange die Luft an, bis was passiert.“

Mit Luftanhalten ist auch die Besetzung des Audimax gemeint, des größten Veranstaltungsraumes auf dem Campus. Dort liegt das Zentrum des Streiks, dort treffen wir Sebastian Droste, Mitglied beim lokalen AStA und heute für den Ablauf des Streiktags verantwortlich. Der beginnt für ihn mit interner Öffentlichkeitsarbeit.

Nur gemeinsam können wir was bewegen

Sebastian Droste mobilisiert Studierende in der Cafeteria.

Ausgerüstet mit einem Megafon klappert er Foyer, Computerräume und zuletzt die Cafeteria ab, um möglichst viele Studierende zu mobilisieren. "Ich weiß, ihr habt alle zu tun und müsst alle studieren, aber nehmt euch bitte die Zeit, steht auf und kommt rüber. Denn: Nur gemeinsam können wir was bewegen.“  Applaus aus den Reihen der Studierenden.

Kurz darauf beginnt im Audimax das offizielle Tagesprogramm: „ Wir haben heute Open-Space Konferenz. Das läuft wie folgt: "Wir bilden Kleingruppen zu bestimmten Punkten, man tauscht sich aus und man sammelt Ideen. Und wir brauchen viele Ideen, denn wir müssen jetzt inhaltliche Arbeit leisten“, sagt Sebastian Droste.

Die Uni platzt aus allen Nähten

Kevin Kulke, ASta-Mitglied

Mittlerweile sind rund 300 Studierende im Raum, die meisten von ihnen wirken sehr entschlossen, etwas an der momentanen Situation ändern zu wollen. Die Situation, das heißt, die akuten Zustände an der Uni Landau. Schlimm seien sie schon seit Jahren, sagt Kevin Kulke, ebenfalls AStA-Mitglied, aber momentan: "Dieses Semester wurden so viel Erstsemestler zugelassen wie nie zuvor. Und die Uni platzt hier aus allen Nähten. Wir sind momentan knapp 8.000 Studierende hier. Aber diese Uni ist ursprünglich ausgelegt für 3.000 Menschen.“

Viele Studierende seien frustriert, könnten Seminare nicht besuchen, da nicht genügend Räume und Dozierende zur Verfügung stünden. "Wir haben von Seminaren gehört, zu denen 120 Leuten kamen, die sich außen an den Fenstern gedrängt haben, um rein zu kommen. Wo die Dozenten dann sagen müssen: Das geht so nicht.“

Man schadet den Studierenden auch im privaten Leben

Marleen Gruber, AStA-Vorsitzende in Landau

Die Folge sei bei einigen Studierenden, dass sie die Regelstudienzeit nicht mehr einhalten könnten, dadurch wiederum auch Probleme mit dem Bafög-Amt bekämen. "Man schadet den Studis nicht nur in der Lehre, sondern auch im privaten Leben. Die nehmen dann vielleicht noch einen Studienkredit auf, weil sie kein Bafög mehr bekommen oder die Eltern müssen mehr bezahlen als sie eigentlich können. Also ich finde, das geht überhaupt nicht“, sagt Marleen Gruber, AStA-Vorsitzende.

Die junge Frau ist fest entschlossen, die Forderungen ihrer Kommilitonen bis nach Mainz, ins rheinland-pfälzische Bildungsministerium zu tragen: "Die Ministerin muss jetzt einfach von uns gezwungen werden, dass sie handelt.“ Sie und ihre Kollegen werfen auch der Hochschulleitung Versäumnisse und Fehlinvestitionen vor, allerdings sei mittlerweile ein Punkt erreicht, an dem die Uni-Leitung die Bedenken der Studierenden teile und das Bildungsministerium gefordert sei. Was jedoch viele der Anwesenden wundert: Von Seiten der Unileitung erscheint heute niemand im Audimax.

Bildung wird zu wenig Wert beigemessen

Prof. Dr. Ralf Schulz, Vize-Präsident der Uni Landau

Prof. Dr. Ralf Schulz, Vize-Präsident der Uni, trifft sich mit uns in seinem Büro. Zeit um im Audimax vorbei zu schauen, hat er heute keine, zu viele Termine. Er sagt, der Streik überrasche ihn nicht, allerdings sei er darüber verwundert, wie plötzlich alles kam, man stünde schließlich mit den Studierenden und dem AStA im Dialog. Grundsätzlich verstehe er die Kritik und Forderungen der Studierenden. "Die Studierenden-Zahlen steigen, während die Grundausstattung, also die regulär zufließenden Geldmittel, das nicht unbedingt in gleichem Maße tun."

In einer ersten Reaktion habe die Hochschule letzte Woche Räumlichkeiten in der Stadt angemietet, um zumindest eine schnelle Übergangslösung in der Raum-Problematik zu finden. Warum erst jetzt und nicht bereits früher? Wohl eine Fehlkommunikation mit dem Ministerium. Bislang hieß es, das sei nicht möglich.

Die Leute wollen studieren, dann lasst sie doch!

Auf der Open-Space-Konferenz erarbeiten die Studierenden Ergebnisse.

Wenige Meter weiter, im Audimax hat sich im Laufe des Tages allerlei getan. Die Kleingruppen der Open-Space-Konferenz leisten fleißig ihren Teil zum Bildungs-Streik, diskutieren miteinander und präsentieren sich untereinander erste Ergebnisse. Forderungen und Ideen werden gesammelt und gebündelt an das Bildungsministerium in Mainz geschickt. 

Reporter Moritz Pompl im Gespräch mit Kevin Kulke und Sebastian Droste (von links) vom Landauer AStA

Kevin Kucke vom AStA ist mit dem Verlauf der ersten Streikwoche zufrieden, hofft, dass Landau Vorbild-Charakter entwickelt. Denn die Ereignisse an seiner Uni stünden stellvertretend für die Situation im ganzen Land: "Wir haben momentan in Deutschland so viele Studierende wie nie zuvor. Und wenn ich an andere Hochschulen schaue, wir haben ja viele Kontakte, dann muss ich sagen: Es müsste jetzt mal richtig Geld in die Hand genommen und hart investiert werden. Denn die Leute wollen studieren, dann lasst sie doch!"


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