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Professor mit Handicap "Ich sehe nicht das, was Sie sehen"

Kann man an Hochschule oder Uni Karriere machen, auch mit einer schweren körperlichen Behinderung? Ja, den Beweis liefert ein Regensburger Professor, der es geschafft hat - und das, obwohl er fast blind ist. Einfach hat man es ihm nicht gemacht.

Von: Franziska Timmer

Stand: 28.10.2019

"Sie können sich schon melden, aber dann melden Sie sich halt lang." Die Studierenden lachen verhalten bei dem Kommentar Ihres Professors. Rainer Schliermann geht humorvoll mit seiner Sehbehinderung um, bricht so das Eis zwischen ihm und den Erstsemestern.

Das Kennenlernen

Eine ganz normale Vorlesung bei Prof. Dr. Rainer Schliermann

Es ist die erste Woche im Semester an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg. Die Vorlesung "Grundlagen der Sozialen Arbeit" ist gut besucht. Viele der Studierenden wussten vorher nicht, dass ihr Professor so gut wie blind ist. "Ich hab’s erst gar nicht gemerkt. Dann hab ich gesehen, dass er so ein bisschen komisch auf sein Blatt schaut", sagt ein Student.

Von Geburt an nahezu blind

Prof. Dr. Rainer Schliermann

Rainer Schliermann ist von Geburt an so gut wie blind. Nur mit einem Auge erkennt er Umrisse, sieht einen kleinen Ausschnitt bei extremer Nähe. Im Büro helfen ihm eine Vergrößerungssoftware und verschiedene Lupen. Dass Rainer Schliermann anders arbeitet, heißt nicht, dass er schlechter arbeitet. Er hat mehr akademische Abschlüsse als viele seiner Kolleg*innen: Zwei Diplome, ein Doktortitel und die Habilitation im Fach Sportwissenschaften. An der OTH Regensburg ist er Professor für Erziehungswissenschaften und sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden.

Der lange Weg zur Professur

Bis es dazu kam, war es ein weiter Weg. Sieben Jahre bewirbt er sich an Hochschulen und Universitäten. Vergeblich. Oft wird er nicht einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Und das, obwohl Menschen mit Behinderung immer eingeladen werden müssen. So steht’s im Sozialgesetzbuch (§ 165 SGB IX):

"Haben schwerbehinderte Menschen sich um einen solchen Arbeitsplatz beworben (…), werden sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Eine Einladung ist entbehrlich, wenn die fachliche Eignung offensichtlich fehlt."

Sozialgesetzbuch § 165 SGB IX

Gleiche Chancen für gleiche Leistung

Rainer Schliermann bringt auch Höchstleistung im Sport. Bei den Paralympics in Sydney belegt er Platz vier auf der Mittelstrecke

Dass die "fachliche Eignung" von Rainer Schliermann bei seinen Bewerbungen gefehlt hat, schließt er aus. "Ich glaube Sie haben ein Problem damit, wenn jemand eine körperliche Beeinträchtigung hat", sagt er. Denn unter Umständen hätten sie ihn dann auch bevorzugt einstellen müssen. Dabei fordert er gar keine Bevorzugung, sondern gleiche Chancen für die gleiche Leistung.

Eine ganz normale Vorlesung

Prof. Dr. Rainer Schliermann arbeitet mit einem Computer speziell für stark Sehbehinderte

Die erste Vorlesung im Semester ist zu Ende. Die Studierenden haben sich schnell an ihren Professor gewöhnt. Einfach Reinrufen, beim Tafelanschrieb schnell mal aushelfen und nicht zu unruhig sein. "Am Ende war’s eine ganz normale Vorlesung", sagt eine Studentin. Eben.

Welche Chance auf eine Professur hat Wissenschaftlernachwuchs mit Behinderung? Format: PDF Größe: 226,33 KB


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