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Flüchtlingsinitiativen an den Hochschulen Gelingt die Integration?

Fast alle deutschen Hochschulen haben für Flüchtlinge spezielle Programme gestartet. Das Campus Magazin wollte wissen, wie erfolgreich sie laufen – und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt.

Von: Moritz Pompl

Stand: 27.12.2016

Mohammed ist zusammen mit seinem Bruder aus Syrien nach Deutschland geflohen. Eine Rückkehr in seine Heimatstadt Damaskus ist zurzeit undenkbar. Seine Eltern sind tot, erzählt der 23-jährige. Seine neue Heimat ist jetzt München. Seit zwei Semestern ist Mohammed Gasthörer an der Technischen Universität, TUM. Parallel bereitet er sich mit Deutschkursen auf ein reguläres Studium vor.

"Ich hab schon ein Jahr in Syrien auch Elektrotechnik studiert. Und ich will hier weiter an der TUM studieren."

Mohammed, Gasthörer an der TU München

Aber für Mohammed ist es gar nicht so einfach, sich an der Uni zurechtzufinden. Für ihn ist sehr vieles hier neu, und oft ist ihm nicht klar, welche Studienmöglichkeiten es überhaupt gibt und welche Berufsbilder damit verbunden sind. Für solche Fragen wendet er sich an Doktorand Lucas, der selber Elektrotechnik studiert hat. Er ist Mohammeds Buddy im Studienalltag, sein Ansprechpartner für alle Fälle.

"Meine Unterstützung bezieht sich bei Mohammed meistens auf Probleme; die so anstehen. Die Wohnungssuche, die Wege ins Studium etc., und wir haben dann Kontakt auf verschiedenen Medien wie Whatsapp und so weiter. Und treffen uns dann auch öfters mal, und reden über entsprechende Lösungsmöglichkeiten."

Lucas, Doktorand und Mohammeds Buddy im Studienalltag

Die beiden haben über das Programm "Buddys for refugees" der TU München zusammengefunden. Die Buddys sind für die Gasthörer zugleich eine Art Integrationshilfe, sagt Koordinator David Schneider.  

"Man kann Deutsch sprechen, man bekommt mit, wie läuft das hier an der Uni. Für viele ist das der erste richtige dauerhafte Kontakt (..) zu Gleichaltrigen, die hier leben und studieren. Wo die Geflüchteten mitkriegen auch, wie ist deren Alltag."

David Schneider, Koordinator

Das Programm der TU München ist eines von vielen in Deutschland. Laut einer aktuellen Umfrage sind immerhin 70 Prozent der Hochschulleiter überzeugt, dass ihre Institution eine wichtige Rolle bei der Integration von Flüchtlingen spielt. An 93 Prozent der Unis und 70 Prozent der Fachhochschulen gibt es eine Stelle, die für die Entwicklung und Umsetzung von Integrationsmaßnahmen zuständig ist, so wie an der TU München David Schneider.

Gasthörer müssen beraten werden

Aber nicht immer gelingt die Integration auch reibungslos, sagt der Migrationsforscher und Juniorprofessor der Uni Hildesheim, Hannes Schammann. Er hat die Angebote für Geflüchtete an verschiedenen deutschen Hochschulen untersucht und festgestellt: Viele haben Soforthilfe geleistet, indem sie Sportangebote gemacht und Deutschkurse angeboten, oder auch, indem sie wie die TU München ihre Lehrveranstaltungen für Geflüchtete geöffnet haben. Gerade die Gasthörerprogramme sieht Schammann aber kritisch, zumindest, wenn sie nicht sinnvoll eingebettet sind.

"Wenn man einfach nur ein Gasthörerstudium macht, dann ist das erstmal schön für die Geflüchteten, aber es produziert auch falsche Erwartungen. Wenn man mit einem Studium nach der Flucht wirbt und Leute denken, sie kommen über so einen Gasthörer an einen Studienabschluss, dann ist das halt oft falsch. Weil sie haben halt oft keine Hochschulzugangsberechtigung; die in Deutschland anerkannt werden kann, das heißt sie dürften gar nicht studieren und müssen einen ganz weiten Weg gehen. Und da muss man eben mit einer begleiteten Bildungsberatung ansetzen. Diese Beratung kann dann dazu führen; dass man auch in eine Ausbildung geht, also dass man rausgeht aus der Hochschule und eine ganz normale Berufsausbildung macht. Das ist dann auch ein Erfolg. Aber ohne diese begleitende Beratung bringt ein Gasthörerstudium nichts."

Prof. Dr. Hannes Schammann, Migrationsforscher Uni Hildesheim

Abgesehen von der Beratung ist für viele Geflüchtete auch eine finanzielle Unterstützung seitens der Hochschulen essentiell. Die meisten könnten sich ein Gasthörerprogramm oder ein Studium gar nicht leisten. Mohammed zum Beispiel bekommt als Gasthörer vergünstigte Mensapreise, wie reguläre Studierende auch. Und sein Semesterticket wird über Spenden finanziert.

"Für mich ist sehr wichtig; dass ich die Fahrkarte bekomme. Weil es für mich sehr teuer ist, eine Monatsfahrkarte für mich kostet 154 Euro."

  Mohammed, Gasthörer TU München

Deutschlandweit sind es immerhin 44 Prozent der Hochschulen, die Flüchtlinge finanziell unterstützen. Und bei ihrer Hilfe arbeiten 82 Prozent der Hochschulen mit lokalen Akteuren zusammen, zum Beispiel mit Volkshochschulen oder Hilfseinrichtungen. Besser als an den Unis funktioniert das an den Fachhochschulen, sagt Migrationsforscher Hannes Schammann.

"Die haben viel mehr das Auge für die Praxis und für die Akteure; die sich da so tummeln. Und deswegen tun sie sich viel leichter solche Kooperationen einzugehen. Und wir haben zum Beispiel die Hochschule Magdeburg Stendal, die eine enge Kooperation hat mit dem lokalen Jobcenter und dadurch sozusagen schon Richtung Ausbildung die Leute berät."

Prof. Dr. Hannes Schammann, Migrationsforscher Uni Hildesheim

Wie wichtig Kooperationen sind, zeigt sich vor allem bei den Sprachkursen: Für Geflüchtete wie Mohammed kann es entscheidend sein, ob sie den an der Uni oder außerhalb des Campus besuchen.

"Das heißt, zum Beispiel für Syrer, die anerkannt sind, die müssen einen Integrationskurs in der VHS oder bei einem anderen Träger besuchen. Wenn sie jetzt in den Sprachkurs der Uni gehen, dann verstoßen sie gegen ihre Integrationskurspflicht. Kriegen Leistungen gekürzt. Und das kann ja irgendwie nicht sein, weil sie genauso Deutsch lernen. Deswegen müssen sie von ihrer Integrationskurspflicht befreit werden. Da müssen aber die Hochschulen hinterher sein, dass es auch funktioniert."

Prof. Dr. Hannes Schammann, Migrationsforscher Uni Hildesheim

Aber viele Hochschulen wünschen sich hier mehr Unterstützung seitens der Politik. Nur 15 Prozent der Hochschulleiter finden, dass die Politik adäquate rechtliche und finanzielle Maßnahmen getroffen hat. Nur 30 Prozent der staatlichen Hochschulen fühlen sich gut auf die Integration von Flüchtlingen vorbereitet. Von den privaten Hochschulen sind es sogar nur 15 Prozent.

"Diese Unsicherheit führt dazu, dass man dann eher zurückhaltend handelt. Und da muss man Sicherheit geben. Das kann Politik tun, das kann aber auch die Hochschulleitung tun, indem sie bestimmte Ziele vorgibt."

Prof. Dr. Hannes Schammann, Migrationsforscher Uni Hildesheim

Rund 70.000 Flüchtlinge werden sich laut Bundesregierung in den nächsten drei Jahren an den deutschen Hochschulen bewerben. Soll die Integration gelingen, dann braucht es noch mehr finanzielle Hilfe. Immerhin hat das Bildungsministerium zuletzt angekündigt, bis 2019 rund 100 Millionen Euro investieren zu wollen, um entsprechende Programme und Projekte an bundesweit 180 Hochschulen zu fördern. "Wer das Zeug dazu hat, soll bei uns studieren können", hatte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka erklärt. "Wir wollen geflüchteten jungen Talenten möglichst schnell eine Perspektive als internationale Studierende geben, damit sie als Fachkräfte eines Tages ihre Heimat wieder aufbauen oder hier zum Wohl unseres Landes beitragen können."

Die Politik muss noch Überzeugungsarbeit leisten

Seitens der Politik braucht es allerdings auch klare Gesetze - und Überzeugungsarbeit. Denn bisher sind es nur 37 Prozent der Hochschulen, die glauben, dass die Flüchtlinge Impulse geben, zum Beispiel für neue Arten der Lehre und des Studiums.

Im Fall von Mohammed ist klar: Es kostet Arbeit, ihn zu integrieren. Aber er ist auch ein echter Gewinn für die Uni.

"Für mich persönlich ist es eine große Bereicherung zu meinem Alltag, ich kann dadurch meinen Horizont erweitern, was mir sehr viel Freude bereitet."

Lucas Höfer, Buddy von Mohammed


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