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Chancengleichheit an der Uni? Wenn die Behinderung zum Nachteil wird

Blätter abgeben, die Prüfung ist rum. Nur eine Studentin darf länger schreiben. Wie bitte? Genau! Denn sie hat einen Nachteilsausgleich. Der soll Studis mit Handicap gleiche Chancen geben. Klingt nach gelungener Inklusion an Unis. In der Theorie zumindest.

Von: Melanie Böff

Stand: 07.11.2017

Prüfungstag an der LMU in München. Wenn alle nach 90 Minuten abgeben, bleibt Veronika Meier sitzen. Sie schreibt noch eine dreiviertel Stunde länger als ihre Kommilitonen. Denn sie hat einen sogenannten Nachteilsausgleich. Veronika hat eine Muskelschwäche im ganzen Körper. Durch ihre Behinderung kann sie nicht so schnell schreiben wie ihre Kommilitonen.

Mehr Zeit in der Prüfung soll ihren Nachteil ausgleichen. Nachteilsausgleiche stehen Studierenden mit Behinderung oder chronischer Krankheit gesetzlich zu. Das ist Teil der Behindertenrechtskonvention von 2006. Das soll Studierenden mit Einschränkung gleiche Chancen einräumen.

Nachteilsausgleich wird individuell entschieden

Dabei ist jeder Nachteilsausgleich so individuell wie die Erkrankung. Auch sind mehrere Nachteilsausgleiche gleichzeitig möglich, wie bei Skandinavistik-Studentin Veronika. Sie hat für ihre Prüfung nicht nur länger Zeit, sondern darf auch einen Laptop zum Schreiben benutzen. Damit sie sich auch noch konzentrieren kann, wenn alle anderen abgeben, schreibt sie in einem eigenen Prüfungsraum.  

"Der Nachteilsausgleich ist die einzige Möglichkeit für mich, wie ich überhaupt studieren kann. Ohne diesen Nachteilsausgleich könnte ich das gleich vergessen und einpacken."

Veronika

Nachteilsausgleich ist mit viel Bürokratie verbunden

Einfach ist der Weg zum Nachteilsausgleich allerdings nicht. So sind an der Uni jede Menge bürokratischer Hürden zu nehmen. Atteste vom Arzt, den Antrag auf Nachteilsausgleich in der Behindertenberatung ausfüllen und dann ab damit ins Prüfungsamt. Die genehmigen dann im besten Fall. Dieses Prozedere müssen viele Studierende jedes Semester wiederholen. So geht die Uni sicher, dass es Nachteilsausgleiche wirklich nur für die gibt, die es nötig haben. Denn immer wieder stehen Nachteilsausgleiche bei Studierenden zur Diskussion. Sind sie gerechtfertigt? Erschleicht sich da vielleicht auch mal jemand eine bessere Note? Diese Vorurteile kennt auch Veronika:

"Es gab natürlich immer nach den Prüfungen, die Momente, beschwer dich nicht, du durftest eh schon länger schreiben. Und hin und wieder kommt der Vorwurf, man ruht sich auf seiner Behinderung aus."

Veronika

Bei Veronika ist aber klar: Sie braucht durch ihre Behinderung Nachteilsausgleiche. Schwieriger wird das gerade bei Einschränkungen, die man nicht auf den ersten Blick sieht - wie zum Beispiel Legasthenie oder bei psychischen Erkrankungen. Hier ist schwieriger festzustellen: Was ist Ausgleich, was schon Vorteil? Fragen, die oft von Professoren an das Prüfungsamt gestellt werden, weiß Caroline Trautmann von der Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften:

"Die Frage, ob die Maßnahme nicht über das Ziel hinausschießt, wird schon öfters gestellt. Wir sind nun auch alle keine Experten und angewiesen auf das, was in Attesten steht. Es gibt wenig Handreichungen, wie man das fair beurteilen kann. Daran mangelt es."

Caroline Trautmann, LMU

Die Universitäten sind gefordert

Und nicht nur an Entscheidungshilfen mangelt es. Nachteilsausgleiche überfordern viele Professoren. Denn sie bedeuten mehr Arbeit im Uni-Alltag. Wer einen eigenen Raum für die Prüfung bekommt, braucht auch eine eigene Prüfungsaufsicht. Oft gibt es einfach nicht genug Personal dafür. Wie in einem Seminar von Veronika, in dem gleich fünf Leute Anspruch auf einen eigenen Raum hatten. Das bedeutet in der Praxis: Fünf Räume und fünf Aufsichten zusätzlich. Für die Universitäten eine gewaltige Herausforderung.

Denn es gibt immer mehr Studierende mit Behinderung. Das heißt, es gibt auch mehr Nachteilsausgleiche. Hatten 2012 noch 137.000 Studierende eine Erkrankung, die ein Studium erschwert, hat sich ihr Anteil bis 2016 fast verdoppelt - auf 264.000. Ein Zeichen für mehr Inklusion an Unis. Trotzdem, Nachteilsausgleiche im Unialltag sind im Moment vor allem: bürokratisch, aufwendig und oft noch nicht akzeptiert.


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