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Atommüll out Kaum studentisches Interesse an der Endlagersuche

Bye, bye Atomkraft! Ende 2022 gehen die letzten Atommeiler vom Netz. Was dann von der Atomenergie übrig bleibt: Hochradioaktiver Müll. Für den wird ein Endlager gesucht. Welche Entscheidungen jetzt getroffen werden und warum dafür vor allem junge Menschen wichtig sind.

Von: Julia Schuster

Stand: 12.11.2020

Atomkraftwerk Gundremmingen. Bis spätestens 2022 wird es abgeschaltet.

Eine Millionen Jahre Gefahr - die Herausforderung Atommüll hat nichts von ihrer Wucht verloren. Ende 2022 soll das letzte deutsche Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Dann bleiben 1900 Behälter mit hochradioaktiven Abfällen übrig, bis 2030 muss für sie ein geeignetes Lager gefunden werden. Nur: Wer interessiert sich noch dafür? Die Branche hat ein massives Nachwuchsproblem. Kernenergie ist für viele junge Menschen als Zukunftsthema nicht attraktiv, die Studien-Angebote an Hochschulen nehmen stark ab.

Dieses Desinteresse spürt man auch am "Institut für Endlagerforschung" an der TU Clausthal in Niedersachsen. Während Umwelt-Bewegungen wie "Fridays for Future" massiv an Zuwachs gewinnen, widmen sich hier nur noch wenige Studierende dem Problem der Endlagerung von Atommüll. Jedes Jahr sind an diesem Institut maximal zehn Studierende eingeschrieben, in manchen Jahrgängen gar niemand. Woher kommt das Desinteresse an diesen Studiengebieten und gleichzeitig einem der größten Umweltprobleme der Menschheit?

Wohin mit dem hochradioaktiven Atommüll?

Muster von möglichen Gesteinen für ein Atomendlager: Ton, Salz, Granit.

Das ist die große Frage. Aktuell würden dafür 54 Prozent von Deutschland in Frage kommen. Ausgeschlossen wurden bereits Gebiete, in denen es beispielsweise zu Vulkanismus oder Erdbeben kommen könnte. Denn der Müll muss langfristig sicher gelagert sein. Langfristig bedeutet in diesem Fall eine Million Jahre. Generell gilt: Der Atommüll soll unter der Erde in tiefen Gesteinsschichten gelagert werden. Dafür eignen sich drei Gesteinsarten besonders gut, und zwar Salzstein, Tonstein und kristallines Gestein wie Granit. Bis 2030 soll ein sicherer Standort für ein Endlager gefunden werden. Anschließend wird das Endlager bis 2050 gebaut.

Nachwuchsmangel an Universitäten  

Lina Nicke an der TU Clausthal.

Lina Nicke (23) studiert im 4. Mastersemester Geoenvironmental Engineering mit dem Schwerpunkt Management und Endlagerung radioaktiver Abfälle an der Technischen Universität Clausthal. Jedes Jahr gibt es in dieser Vertiefungsrichtung maximal 10 Studierende. „Wir haben ein gravierendes Nachwuchsproblem in der Branche“, sagt ihr Professor Klaus-Jürgen Röhlig. Er lehrt am Institut für Endlagerforschung an der TU Clausthal. Durch den Atomausstieg sei das Thema Kernenergie nicht mehr attraktiv für junge Menschen. Aber:

"Was junge Menschen häufig nicht wissen ist, dass noch ein ganzes Berufsleben und mehr damit verbracht werden kann und muss, die Überbleibsel dieser Industrie - also die radioaktiven Abfälle -  sicher zu verwahren und zu versorgen."

(Professor Klaus-Jürgen Röhlig, TU Clausthal)

Der Rückbau der Kernkraftwerke dauere Jahrzehnte. Und auch, wenn bis 2030 ein Endlager-Standort gefunden wird: Auch zur Fertigstellung des Endlagers und zur Einlagerung des Atommülls benötigt Deutschland in Zukunft gut ausgebildete Fachkräfte.

Hier steht noch Kernenergie auf dem Studienplan  

Das Nachwuchsproblem kennen auch andere Universitäten. Über die Jahre wurde deshalb das Ausbildungsangebot an deutschen Hochschulen immer mehr reduziert. Mittlerweile bietet nur noch die FH Aachen einen umfassenden Nukleartechnik-Master an. Einige wenige Hochschulen haben aber Vertiefungsrichtungen in den Bereichen Nukleartechnik, Kernkraftwerke und Endlagersuche:

Dazu zählen neben der TU Clausthal auch die Technische Universität München und das Karlsruher Institut für Technologie. Außerdem findet sich Kerntechnik in vielen Studienplänen als Teilgebiet wieder, bspw. in der Physik oder in der Medizin. Die Technische Universität Dresden widmet sogar einen ganzen Masterstudiengang der Anwendung von Strahlung in der Medizin.  

Ehrenamtliches Engagement für die Endlagersuche

Lukas Fachtan engagiert sich im Nationalen Begleitgremium.

Die Endlagersuche wird nicht nur wissenschaftlich begleitet, auch ehrenamtlich können sich junge Menschen mit ihr auseinandersetzen: Lukas Fachtan (26) studiert Geografie an der Universität Gießen. Er engagiert sich ehrenamtlich im sogenannten nationalen Begleitgremium, das die Endlagersuche unabhängig und transparent überwacht. Dort vertritt Lukas Fachtan die junge Generation. Er findet es wichtig, dass sich auch junge Menschen am Endlagerprozess beteiligen: „Wir werden die Generation sein – wie die nach uns kommenden Generationen -, die das Endlager hautnah miterleben werden.“ Denn der Suchprozess wird bis 2030 dauern, der Bau bis 2050.

Das nationale Begleitgremium leitet sich aus dem Standortauswahlgesetz ab. Das Gremium setzt sich aus 18 Mitgliedern zusammen: Zwölf Mitglieder sind anerkannte Personen des öffentlichen Lebens, darunter Wissenschaftlerinnen und Politiker. Bekanntestes Mitglied ist Dr. Günther Beckstein, ehemaliger Ministerpräsident des Freistaats Bayern. Sechs Mitglieder sind Bürger und Bürgerinnen, darunter Lukas Fachtan. Warum engagiert sich Lukas Fachtan im nationalen Begleitgremium? „Weil man dadurch sehr viele Menschen zusammenbringen kann zu einem sehr strittigen Thema, über das man verschiedene Meinungen erfährt, diskutiert und neue Bereiche kennenlernt.“


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