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Forschen ohne Perspektive Befristete Verträge für Akademiker*innen

Sie ist eine international anerkannte Wissenschaftlerin – und bald arbeitslos. Aber nicht, weil sie ihren Job schlecht macht. Im Gegenteil: Die Biologin Juliane Bräuer forscht seit Jahren an zwei Max-Planck-Instituten und der Universität Jena. Alles renommierte Institute. Vor 13 Jahren hat Bräuer promoviert.

Von: Jan Kerckhoff

Stand: 31.10.2020

"Ich habe im Jahr 2007 promoviert und habe seitdem immer Stipendien gehabt, immer so maximal zwei Jahre, und Mutterschaftsvertretung usw. gemacht. Seit 13 Jahren bin ich immer auf Kurzzeitverträgen unterwegs. Im krassesten Jahr hatte ich vier Dreimonatsverträge. Dazwischen gab es auch mal eine Zeit ganz ohne Vertrag. Und ich habe auch mal eine Zeit lang für einen Verein gearbeitet und war trotzdem parallel Wissenschaftlerin mit Gastvertrag. Also die Situation ist nicht erklärbar."

(Juliane Bräuer)

Und seitdem immer wieder Forschungsstudien über die Kognition von Hunden erstellt. Ihre Studien werden international von Wissenschaftlern beachtet und auch von der breiten Öffentlichkeit. Auch für viele Hundebesitzer ist es interessant zu erfahren, was in den Köpfen von Hunden wirklich vorgeht. Bräuer ist daher gern gesehener Gast im Talk-Shows und in Wissens-Sendungen.

Kaum feste Stellen im Mittelbau

Aber Juliane Bräuer teilt das Schicksal von geschätzt 90 Prozent aller wissenschaftlich für Unis und an Forschungsinstituten arbeitenden Akademiker*innen – dem sogenannten akademischen Mittelbau: Sie bekommt keine feste Stelle. Die sind zu knapp und meist auf Jahre besetzt. Finanzielle Mittel für neue Stellen gibt es nicht. Experten bemängeln schon lang, dass die Budgets der Unis nicht mit den Anforderungen aufgrund der in den letzten Jahren gestiegenen Studierendenzahlen mitgewachsen sind.

Juliane Bräuer mit einer ihrer Publikationen.

Für Bräuer bedeutet das, für jede neue Studie Anträge für Fördermittel schreiben zu müssen. An Stiftungen, die DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) oder Stellen, die Stipendien vergeben oder eben ihre Institute. Erst wenn der Antrag genehmigt ist oder ihre Institute noch Gelder übrighaben, kann ihre Forschung weiterlaufen und sie ein Gehalt beziehen. Aber eben immer nur solange das Forschungsprojekt bewilligt wird oder noch ein Rest-Etat der Institute vorhanden ist – also immer nur zeitlich befristet. Sie schätzt, dass allein etwa zwei Drittel ihrer Arbeitszeit für das Schreiben der Anträge nötig sind – Zeit, die ihr für die Forschung fehlt. Zugleich zerrt die ständige Unsicherheit über den Arbeitsplatz an ihren Nerven.

Top-Wissenschaftler*innen arbeitslos?

Die ständige Abfolge von befristeten Arbeitsverträgen, also Zeitverträgen, geht bei Bräuer jetzt seit über 12 Jahren, aber nicht mehr lange, denn das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt diese Verträge nur maximal 12 Jahre lang auszustellen. Spätestens dann muss eine Festanstellung erfolgen – oder die Kündigung.

"Es ist auch manchmal so, wenn man mit Leuten spricht, die mit der Wissenschaft nichts zu tun haben, dass die dann fragen: ‚Warum hast du denn keinen festen Vertrag?‘ Und dann sagen die auch oder implizieren, ‘naja, vielleicht bist du nicht gut genug?!‘. Denn in der freien Wirtschaft ist es so: man fliegt raus, entweder, weil man nicht gut genug ist oder die Firma ist pleite. Beides ist bei mir nicht der Fall. Es ist ein Fehler des Systems."

(Juliane Bräuer)

Juliane Bräuer hätte daher schon dieses Jahr gekündigt werden müssen, bekam aber noch Aufschub. So kann beispielsweise die Betreuung von Kindern als weitere Zeit mit angerechnet werden. Pro Kind kann die Frist um zwei Jahre verlängert werden – kann, nicht „muss“. Das heißt, es hängt vom Arbeitgeber letztlich ab, ob er das anbietet oder nicht. Außerdem hat der Gesetzgeber wegen Corona einen zusätzlichen Aufschub gewährt.

Aber für Juliane Bräuer und viele andere Akademiker*innen verschiebt das das Problem nur, löst es aber nicht.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz – Problem statt Hilfe

In den 90er Jahren kürzte man rigoros die Stellen im sogenannten akademischen Mittelbau. Also Stellen für Akademiker*innen mit Abschluss, aber ohne Professorenstelle. Als akademische Räte oder Rätinnen konnten sie forschen, Vorlesungen und Seminare halten. Heute heißt es: „Hop oder Top“ - entweder Professorin oder Studentin - dazwischen gibt es (fast) nichts. Die Folge: viele, wie Juliane Bräuer, versuchen sich eben mit Stipendien und befristeten Verträgen über Wasser zu halten, haben geringe Einkommen, keine regelmäßige Sozialversicherung und stehen im mittleren Alter ohne Stelle da.

„Brain Drain“ - die Flucht der Forscher*innen ins Ausland

Juliane Bräuer mit ihrer Kollegin Blanca Vidal Orga

Weil sie Forschungsprojekte in Deutschland nicht fortführen können, wandern viele ins Ausland ab, wo ihnen Stellen angeboten werden – ein Verlust an wissenschaftlichem Know-How ist somit ebenfalls eine Folge, geradezu „ein furchtbarer Kreativitätsverlust,“ konstatiert Russell Gray, Bräuers Chef am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Gray kennt solche Beschränkungen weder aus seiner Heimat Neuseeland noch von anderen wichtigen Forschungsstandorten. Bräuers deutsche Kollegin Juliane Kaminski, ebenfalls eine renommierte Forscherin, hat Konsequenzen gezogen und ist gegangen: „Ich habe mich relativ schnell entschieden, mich in Großbritannien zu bewerben, da ich Europa nicht verlassen wollte, um möglichst nah an meiner Familie zu sein, aber schnell klar war, dass Deutschland keinen realistischen Arbeitsmarkt für Akademiker hat. Das liegt meiner Meinung nach an dem, was Großbritannien hat und Deutschland fehlt - eine akademische ‚Mittelschicht“.

Die Flucht nach England oder in die USA ist für viele – auch aus familiären Gründen – nicht möglich. Aber ohne feste Stelle ist die Perspektivlosigkeit deprimierend. Bräuer klagt bereits über psychosomatische Beschwerden. Der Frust über die Ablehnung hunderter Bewerbungen für Stellen, Förderprogramme und Stipendien belaste sie und sei daran schuld, die Situation sei demotivierend und halte sie von ihrer Forschung ab. Der Soziologe Olaf Jann von der Universität Jena pflichtet ihr bei: „Man muss entweder jahrelang befristet arbeiten oder ins Ausland, etwa nach England oder in die USA, gehen - das ist quasi ein Berufsverbot bei uns!“

Mehr Professoren statt Mittelbau-Akademiker?

Juliane Bräuer bei einem Versuch.

Weil Stellen gestrichen sind, Akademiker und Akademikerinnen entlassen werden oder ins Ausland abwandern, fehlen auch kompetente Wissenschaftler*innen im Lehrbetrieb. Denn der sogenannte Mittelbau, also die akademischen Räte, hat früher ein Großteil der Vorlesungen, Seminare und auch Prüfungen durchgeführt. Jetzt müssen das die Professoren größtenteils mit übernehmen. Was dazu führt, so klagt Bräuers Chef an der Universität Jena, der Psychologe Stefan Schweinberger, „dass ich kaum noch zum forschen komme, anders als in England, wo ich früher auch geforscht und gelehrt habe.“ Sein Kollege, der Chemiker Holger Schönherr, zugleich Dekan der Uni Siegen, beklagt ebenfalls, dass „wir nur zeitlich begrenzte Mittel haben. Damit können wir keine langfristigen oder gar unbefristeten Stellen schaffen. Dabei hängen aber viele Aufgaben am Mittelbau – eine Stärkung wäre da wünschenswert.“

Auch der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Martin Stratmann, beklagt die fehlenden Stellen an den Unis: „Heute haben wir doppelt so viele Studenten, wie vor 20 Jahren. Die finanziellen Mittel der Universitäten haben da nicht mitgehalten. Wir brauchen kleinere, aber mehr Lehrstühle, wo das Personal eine Perspektive hat“. Sein Vorschlag: statt mehr Stellen im Mittelbau, soll es mehr Professoren-Stellen geben. Das würde den Akademiekern mehr Perspektive und Möglichkeiten bieten. Klingt zunächst gut, würde aber noch mehr Geld kosten als Stellen im Mittelbau.

Eine harte Auswahl

Seine Institution, einer der größten Wissenschaftsbetriebe Deutschlands, sieht er nicht in der Pflicht. Er versteht die Max-Planck-Gesellschaft als „Leuchtturm“ der Forschung. Unbefristet festangestellt werden hier nur die absoluten Top-Leute. Aber selbst Juliane Bräuer, die von ihren Chefs das Prädikat „top“ erhält, profitiert nicht davon. Auch nicht von den Förderprogrammen der Max-Planck-Gesellschaft, denn auch die sind nur befristet. Dadurch bleibt das Problem vieler Wissenschaftler: sich von befristetem Vertrag zu befristetem Vertrag hangeln, jahrelang zu hoffen und schließlich mit Ende 30 oder Anfang 40 feststellen, dass man nicht weiter in der Forschung arbeiten kann. Stratmann gibt zu, dass die Auswahl hart ist - „es kann nur einer von 10 in die Wissenschaft gehen. Da muss sich jeder rechtzeitig fragen, ob dieser Weg für ihn der richtige ist.“ Letztlich kann sich also kein Wissenschaftler, der nur einen befristeten Vertrag hat, auf eine weitere Anstellung verlassen, egal wie gut er ist.

Wirtschaft statt Wissenschaft

Juliane Bräuer am Max-Planck-Institut in Jena

Solange die Politik das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nicht ändert und die Zahl der Stellen der Universitäten erweitert, sollte ich sich jeder gut überlegen, ob er die akademische Karriere wählt. Und selbst wer sie dann wählt, sollte immer auch die freie Wirtschaft als Alternative im Blick haben. Immerhin: Zurzeit ist der Arbeitsmarkt so gut, dass er auch Geisteswissenschaftler*innen viele Stellen anbietet, Naturwissenschaftler*innen sowieso. Für Juliane Bräuer bedeutet das zumindest ein Einkommen, aber eben auch den Verlust ihres „Traumberufs“ als Verhaltens- und Kognitionsforscherin, denn die Jobs haben nichts mit ihrer Forschungstätigkeit zu tun. Sie könnte beispielsweise als Vertreterin für Pharmaunternehmen arbeiten: „Ich würde ungern meine Forschung aufgeben. Ich möchte einfach das machen, wozu ich ausgebildet bin, worin ich auch gut bin.“

Der Kampf um die Stellen

Längst hat auch Gewerkschaft GEW das Problem erkannt und fordert im „Templiner Manifest“ von der Politik 50.000 neue Dauerstellen für die Universitäten. Und Akademiker um den Soziologen und Kulturwissenschaftler Peter Ullrich von der TU Berlin haben sich im „Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft“ zusammengetan, um mit Aktionen auf die prekäre Lage der Akademiker*innen aufmerksam zu machen. Getreu dem Motto: gute Arbeit in der Wissenschaft braucht gute Beschäftigungsbedingungen. Andere haben gleich eine neue Gewerkschaft – die „unterbau“ gegründet und fordern nicht nur bessere Arbeitsbedingungen für sich, sondern auch eine neue Organisation der Universitäten. Doch selbst wenn diese kommen: Juliane Bräuer wird wohl spätestens 2022 ihre Arbeit als Forscherin beenden müssen, obwohl das von Seiten international tätiger Wissenschaftler bedauert wir -  ein persönliches Schicksal, ein Verlust für die Wissenschaft und peinlich für den Forschungsstandort Deutschland.

Aktuelle Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zu Ergebnissen einer von der Max-Traeger-Stfitung geförderten Expertise: Studienleiter Roland Bloch erkennt zwar einen Zusammenhang zwischen steigenden Grundmitteln und einem Anstieg der unbefristeten Stellen auch unterhalb der Professur. Über Dauerstellen entscheidet aber die enzelne Universität. An Ländergrenzen lässt sich das sicher nicht festmachen.

Längsschnittanalyse zu Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft Format: PDF Größe: 196,78 KB


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