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Überall ist Mittelalter Ein Hauch von Orient

Die Einflüsse aus dem mittelalterlichen Orient haben das Abendland erst stark gemacht – so die These von Prof. Dag Nikolaus Hasse von der Uni Würzburg. Der Philosoph und Philologe erforscht den arabischen Einfluss in Europa.

Von: Matthias Rex

Stand: 21.02.2015

1991 veröffentlicht die Parlamentarische Versammlung des Europarates einen Bericht, in dem sie unter anderem forderte, den Beitrag der islamischen Zivilisation zur europäischen Kultur stärker in den Schulbüchern zu berücksichtigen. Noch unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September erneuerte die Parlamentarische Versammlung 2002 ihre Empfehlung. Besonders in Frankreich traf und trifft diese Forderung unter rechtsextremen und rechtskatholischen Intellektuellen auf offenen Widerstand: Die verbreitete Rede vom Einfluss der islamischen Zivilisation auf Europa sei dem Zeitgeist geschuldet und eine Anbiederung an den modernen Islam. Solche Ansichten vertreten auch Wissenschaftler. Beispielsweise der französische Historiker Sylvain Gouguenheim. Zusammengefasst lauten dessen drei markantesten Thesen:

  1. Die Araber hätten zwar griechische Werke übersetzt, aber die griechischen Wissenschaften seien in der islamischen Welt immer ein Fremdkörper geblieben.
  2. Die Struktur der arabischen Sprache eigne sich hervorragend für Dichtung und Religion, nicht aber für Philosophie und Wissenschaften.
  3. Der Einfluss der islamischen Welt auf die christliche Welt des Mittelalters sei unbedeutend und marginal.


In seinem Vortrag „Von Alkohol bis Zero: Der Einfluss des Arabischen“ setzt sich Professor Dag Nikolaus Hasse kritisch mit diesen Behauptungen auseinander.

Gliederung des Vortrags

  • Terminologie
  • Hospital
  • Kopernikus
  • Sternnamen
  • Pharmakologie & Alkohol
  • Pharmazie & Sirup
  • Handel
  • Kaffee
  • Fazit

"Im Humanismus entstanden kulturelle Klischees über die arabische Welt von unerfreulich langer Lebenszeit. Diese Klischees summieren sich bei manchen Humanisten und leider auch bei manchen heutigen Intellektuellen zu einem kulturellen Rassismus. Man darf den arabischen Einfluss in Europa nicht übertreiben und nicht kleinreden. Ohne den arabischen Einfluss wäre Europa heutzutage nicht das, was es ist.
Wenn man vom `arabischen Einfluss´ auf `Europa´ spricht, läuft man dann nicht Gefahr, zwei gegensätzliche Welten zu konstruieren, die es so gar nicht gab: eine orientalische und eine okzidentalische? Ist und war die Wirklichkeit nicht viel komplexer? Wäre es nicht weiser, die Rede von Kulturen, die einander beeinflussen, ganz aufzugeben? Ich meine: nein – auch wenn ich diese Bedenken verstehe. Der Begriff einer „Kultur“ als einer Gruppe von Menschen, die durch Sprache, Religion oder andere kulturelle Praktiken verbunden sind, bleibt ein nützlicher Begriff für den Historiker, solange er methodisch umsichtig eingesetzt wird. Und die Untersuchung kultureller Einflüsse ist nicht nur nützlich für unser Verständnis der Vergangenheit, sie ist auch wichtig. Denn es gehört zu den dringendsten Aufgaben des Historikers, zu unterscheiden, welche Personen und Gruppen in der Vergangenheit welche Dinge geleistet haben und welche nicht. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, steht am Ende solcher Forschung eine größere historische Fairness."

Prof. Dr. Dag N. Hasse

Forschung und Lehre

Prof. Dag Nikolaus Hasse

Prof. Dr. Dag Nikolaus Hasse hat in Göttingen, Yale und London studiert. Nach seiner Promotion an der University of London führte ihn seine wissenschaftliche Arbeit zuerst an die Eberhard-Karls-Universität Tübingen und die Julius-Maximilians-Universität Würzburg. 2005 habilitierte Hasse in Philosophie und Lateinischer Philologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Universität Freiburg im Breisgau. Anschließend trat er die Lichtenberg-Professur der Volkswagen-Stiftung für Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte der griechisch-arabisch-lateinischen Tradition am Institut für Philosophie der Universität Würzburg an. Seit 2010 ist er Inhaber des Lehrstuhls III für Philosophie (Geschichte der Philosophie) der Universität Würzburg. Professor Doktor Dag Nikolaus Hasse erforscht schwerpunktmäßig arabische Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, den arabischen Einfluss in Europa, europäische Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte des 12.-16. Jahrhunderts und mittellateinische Literatur.

Buchtipps

  • Urzeugung und Weltbild: Aristoteles - Ibn Ruschd - Pasteur  (von Dag Nikolaus Hasse), Verlag Olms, Georg  2006

  • Latin Averroes Translations of the First Half of the Thirteenth Century (Hinweis: Englisch) (von Dag Nikolaus Hasse), Verlag Olms, Georg  2010

Sendereihe "Überall ist Mittelalter"

Dome, Burgen und alte Stadtmauern gehören zu den sichtbaren Zeugnissen des Mittelalters. Doch das Erbe dieser Epoche ist viel größer. Es beeinflusst den Alltag der heute lebenden Menschen auf vielfältige Weise: Institutionen und Strukturen des politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens, Wortschatz und Sprachmuster, Typen von Kunst und Literatur sowie Ordnungsformen des Wissens – all das hat mittelalterliche Wurzeln. Mittelalterforscher, Kunst- und Philosophiehistoriker sowie Philologen gehen bei der Ringvorlesung „Überall ist Mittelalter“ auf Zeitreise. Sie nehmen ihr Auditorium mit in die Zeit des Minnesangs, der Ritter und des schwarzen Todes. Veranstaltet wurde die Vortragsreihe an der Universität Würzburg. Campus Auditorium hat sechs ausgewählte Vorträge mitgeschnitten.

Als besonderen Online-Service bietet alpha-Campus die vollständige Langfassung des Vortrags, der im Fernsehen in einer gekürzten 30-min-Fassung zu sehen ist.


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