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Deutscher Historikertag 2014 Sind die Menschenrechte westlich?

Warum galten Sklaverei und Folter im westlichen Kulturkreis lange als legitim und sind bis heute nicht abgeschafft worden, wie z.B. der aktuelle CIA-Folterreport aus den USA zeigt?

Von: Anette Kolb

Stand: 12.12.2014

Darüber, wo und wann die Idee der Menschenrechte ihren Ursprung hat, gehen die Meinungen auseinander - unter Historikern ebenso wie in der Soziologie. Die Wissenschaftler berufen sich auf die jüdisch-christliche Tradition oder auf die Philosophie der Antike und humanistisch-aufklärerische Ideale.
Schon in seinem 2011 erschienenen Buch „Die Sakralität der Person“ argumentiert der Sozialphilosoph Hans Joas dagegen: Er hält die Idee der Menschenrechte und den Glauben an eine universale Menschenwürde für einen derart wirkmächtigen kulturellen Prozess, dass an dessen Ende jeder Mensch, nicht nur im religiösen Sinne, als heilig angesehen werden könne. Trotzdem wurden Folter und Sklaverei über Jahrhunderte nicht abgeschafft, sondern als gegeben hingenommen, sofern sie nicht die Angehörigen der eigenen Glaubensgemeinschaft betrafen; entsprechend führt Hans Joas seine Überlegungen fort: Die Menschenrechtsverletzungen beispielsweise auf den Baumwollplantagen der USA zur Zeit der industriellen Revolution und die Folter als Strafe in europäischen Kolonien nähmen dem Überlegenheitsanspruch des Westens in puncto Menschenwürde viel von seiner Glaubwürdigkeit. Geriete die Menschenwürde unter den Druck des Wertes „nationale Sicherheit“, würde sie auch heute noch schnell hintangestellt, wie Guantánamo und Abu Ghraib zeigten, konstatiert Hans Joas in seinem Abschlussvortrag auf dem Historikertag 2014 in Göttingen.

Eine längere Fassung des Vortrags wird unter demselben Titel im Frühjahr im Münchner Kösel-Verlag erscheinen.

Der Referent:

Prof. Dr. Hans Joas

Hans Joas war Max-Weber-Professor und Leiter des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien an der Universität Erfurt, sowie Professor für Soziologie und Social Thought an der University of Chicago. Derzeit hat er die Ernst-Troeltsch-Honorarprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Er forscht u.a. zur Religionssoziologie und zur soziologischen Theorie von Gewalt und Krieg.

Sendereihe „Deutscher Historikertag Göttingen 2014“

Alle zwei Jahre treffen sich an wechselnden Orten Wissenschaftler, Studierende und Geschichtspädagogen zum Deutschen Historikertag, einem der größten geisteswissenschaftlichen Kongresse Europas. Veranstalter ist der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) in Kooperation mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands.

Als besonderen Online-Service bietet alpha-Campus hier die vollständige Langfassung des Vortrags als Video, der im Fernsehen in einer gekürzten 30-min-Fassung zu sehen ist.


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