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alpha-retro China nach Mao Reiseland China (1980)

Im "Reiseland China" dürfen Touristen 1980 in geführten Gruppen das Land besichtigen, unter strenger Aufsicht des Staates. Ein Muss für alle, damals wie heute - die chinesische  Mauer. | Bild: BR

Freitag, 12.02.2021
21:45 bis 22:30 Uhr

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BundesRepublikDeutschland (historisch) 1980

Ab dem Ende der Siebzigerjahre waren in China geführte Gruppenreisen für ausländische Touristen möglich. Was sahen die Reisenden damals? Franz Lazi und Heinz von Matthey drehten 1980 für den Bayerischen Rundfunk einen Dokumentarfilm über China aus der Sicht potentieller Touristen. Die fürchterliche Zeit der Kulturrevolution war vorbei, der einfarbige Mao-Look auf den Straßen mindestens der großen Städte verschwunden – China fing an, bunt zu werden. Peking hatte 1980 circa 7 Millionen Einwohner, drei Millionen Fahrräder, 30000 Busse und ein paar Dutzend Personenwagen – selbstverständlich keine Privatautos. Und man sieht im Film: Auf dem Tian’anmen-Platz fahren quasi nur Fahrräder. Dass dieser Platz keine zehn Jahre später Schauplatz einer großen Tragödie werden sollte, wusste damals noch niemand.

Von Peking aus geht es mit dem Schnellzug nach Wuxi am Taihu-See. Damals hatten noch nicht alle chinesischen Wohnungen eine eigene Küche und so konstatieren die Filmemacher: Es duftete aufgrund der vielen kleinen Garküchen überall in der Stadt nach Reis mit Huhn, Gemüse, Fisch, würzigen Suppen oder Bohnenquark. Bohnenquark? Heute heißt das Tofu. Von Wuxi geht es in der nahegelegene Suzhou. Diese Stadt wird aufgrund seiner vielen schönen Kanäle und Brücken das „Venedig des Ostens“ genannt. Aber sie ist auch seit 1000 Jahren die Heimat der Seide. In der dortigen Seidenproduktion hält das Akkordsystem nur langsam Einzug, denn bis jetzt, also bis 1980, galt eigentlich: „Wenn schon viel und fleißig gearbeitet werden muss, dann wenigstens gemütlich!“ Was macht man dort mit der Seide? Z.B. Seidenstickereien, phantastische Seidenstickereien! Auch der kommunistischen Führung ist nun das Weiterleben dieser Jahrtausende alten Kunst ein Anliegen. Die Stickerinnen machen alle zwei Stunden unter Anleitung Augengymnastik. Das hilft scheinbar, denn kaum eine trägt trotz dieser Arbeit eine Brille. Von Suzhou geht es in die chinesische Traumgegend schlechthin, nach Guilin, früher auf Deutsch Kweilin genannt, in diese wunderschöne Hügellandschaft am Li Jiang.

Insgesamt konnten die Filmemacher 1980 konstatieren: Niemand in China lebt im Luxus, aber es muss auch niemand hungern. Vom gesamten Einkommen einer Familie – vermutlich einer extra fürs Filmteam ausgesuchten Musterfamilie – gehen für Miete, Strom, Wasser und Heizung nur fünf Prozent drauf! Da fällt es natürlich leichter, nach den „fünf großen Anschaffungen“ zu streben, die damals die meisten Chinesen als Ziel hatten: ein Fahrrad (Preis: drei Monatslöhne), eine Nähmaschine (vier Monatslöhne), eine Armbanduhr (drei bis vier Monatslöhne), ein Transistorradio (zwei Monatslöhne) und ein Schwarzweiß-Fernsehgerät (sechs Monatslöhne). Ob die Aussage der Filmemacher, dass in China Minderheiten wie z. B. die Tibeter inzwischen voll anerkannt worden sind, damals richtig gewesen ist, sei allerdings dahingesellt.

Redaktion: Martin Posselt