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alpha-retro: Gastarbeiterfamilien Die Gastarbeiter (1970)

1966: Dieser italienische Fischer hat in Deutschland als Gastarbeiter gejobbt, um sich seinen Lieferwagen zu finanzieren. Er ist inzwischen zu seiner Familie zurückgekehrt. | Bild: BR

Freitag, 16.10.2020
21:10 bis 21:50 Uhr

  • Schwarz-weiß

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BundesRepublikDeutschland (historisch) 1970

Ein Bahnhof in Deutschland kurz vor Weihnachten 1969. Gastarbeiter wuchten schwere Koffer in den Zug, es geht nachhause, entweder für immer oder über Weihnachten. In den Koffern sind die Geschenke für die Familie. Der Film von Edmund Wolf porträtiert verschiedene Gastarbeiterfamilien in Augsburg. Der frühere Obstbauer Luigi Josca aus Apulien verdient seit zehn Jahren sein Geld bei der Firma MAN in Augsburg. Er arbeitet an der Fräsmaschine zusammen mit seinem Sohn Nino, der bereits in Augsburg zur Schule ging. Auch die Tochter lebt mit Luigi in Augsburg, sie hat ein uneheliches Kind von einem amerikanischen GI, der sie sitzengelassen hat. Nino hat eine deutsche Freundin, mit der er ebenfalls ein Kind hat. Diese Freundin lebt noch zuhause bei ihrer Familie. Das ist alles nicht problemfrei aber auch nicht fürchterlich.

Herr Del Vecchio stammt ebenfalls aus Apulien und lebt und arbeitet mit seinen vier Söhnen auch schon seit Jahren in Augsburg. Sie arbeiten hart und nun können sie sich eine eigene Wohnung leisten, eine richtige Wohnung, kein Bett irgendwo in einer Gastarbeiterbaracke. Wenn die Wohnung fertig renoviert ist, kommt endlich die Mutter nach. Sie soll nun auch von der modernen Technik profitieren: vom Elektroherd, dem Kühlschrank, der Waschmaschine, dem Bad, der Heizung…

Die Frauen, die in Augsburg z. B. bei der Kammgarn AG arbeiten, leben, wenn sie nicht verheiratet sind, im Frauenheim des Werks. Toll sind diese Lebensverhältnisse nicht, aber diese Frauen versuchen das Beste daraus zu machen.

An einem Stammtisch in Friedberg bei Augsburg erkundet Wolf die Einstellungen gegenüber Gastarbeitern. Er trifft auf die „ganz normalen“ und doch so schrecklichen Vorurteile dieser so gutbürgerlichen Runde: „Wir haben in Deutschland ja schließlich kein Freiwild als Frau… Diese niederen Schichten assimilieren sich nicht in der deutschen Gesellschaft.“ Ja, klar, die deutschen Frauen gehören den deutschen Männern, sind ihr Besitz, da haben Gastarbeiter die Finger wegzulassen.

Als Resümee zu den Lebensverhältnissen von Gastarbeiterfamilien sagt Edmund Wolf: „Festgefügt ist da nichts, verlässlich ist da eigentlich nur der Lohn – bis zur nächsten Rezession.“

Autor: Edmund Wolf
Redaktion: Martin Posselt