ARD-alpha

Selbstbestimmt - Die Reportage Kassenleistung Chromosomen-Check - Vorsorge oder Selektion?

Baby-Ultraschallaufnahmen | Bild: picture-alliance/dpa

Samstag, 28.03.2020
09:30 bis 10:00 Uhr

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ARD-alpha
2019

Für ein gesundes Kind tun werdende Mütter viel: gesunde Ernährung, Schwangerengymnastik, Vorsorgeuntersuchungen. Diagnostikangebote werden als selbstverständlich angenommen und abgearbeitet.
Anke Lefebure ist Hebamme und kennt die Aufregung der Schwangeren vor und nach dem Besuch beim Pränatalmediziner. Oft finden sich die Frauen in einer belastenden Diagnostikspirale wieder und es gibt Fehldiagnosen, die verunsichern. Die Hebamme rät den Schwangeren, auf ihren Bauch zu hören und sich klar zu werden, wie viel sie über ihr Ungeborenes wissen wollen. Sie selbst hat als Mutter von sieben Kindern ihre eigene Erfahrung mit der Diagnostik gemacht.
Fünf Prozent der Babys kommen mit irgendeiner Abweichung von der Norm zur Welt, so der Geburtsmediziner Prof. Holger Stepan vom Universitätsklinikum Leipzig. Seit 2012 können Schwangere in Deutschland mit einem einfachen Bluttest ihr ungeborenes Kind auf Chromosomenanomalien - wie Trisomie 21 - untersuchen lassen. Das geschieht nichtinvasiv - also ohne das bisherige Fehlgeburtsrisiko bei einer Punktion durch die Bauchdecke der Schwangeren. Der Test kostet zwischen 150 und 300 Euro und war bisher keine Kassenleistung. Er sucht nur nach Trisomien, andere Fehlbildungen sind mit diesem Chromosomen-Check nicht herauszufinden. Zumindest noch nicht.
Mit der Finanzierung des nichtinvasiven Pränataltests über die Gesetzliche Krankenversicherung wird er mehr Schwangeren zugänglich sein und plötzlich steht die ethische Frage im Raum: Wird es zur Normalität, Down-Syndrom-Kinder vor der Geburt auszusortieren? Neun von zehn Frauen entscheiden sich für einen Abbruch der Schwangerschaft bei der Diagnose Trisomie 21. Abgeordnete des Bundestages debattierten im April 2019 über die Kassenzulassung. Ärzte, Behindertenverbände und Kirchen positionieren sich und langsam sickert die Erkenntnis durch, dass der Test, der seit sieben Jahren in Deutschlands Arztpraxen Usus ist, Sprengstoff in sich birgt.
Carola Nacke ist sich sicher, dass die Kassen lieber den Test zahlen, als ein Leben lang für Menschen mit Down-Syndrom aufzukommen. Vor 21 Jahren wurde ihr Sohn mit Trisomie 21 geboren, seitdem muss sie immer wieder mit Ämtern und Kassen um die Leistungen kämpfen, die ihrem Sohn zustehen. Den inklusionsfreundlichen Worten der Politiker bei der Bundestagsdebatte zum Bluttest schenkt sie wenig Glauben.
Umso schwieriger die Entscheidung für die Schwangeren. Die Diagnose Down-Syndrom zieht keine medizinische Behandlung nach sich - nur eine existenzielle Frage: Kann ich mir ein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen oder breche ich die Schwangerschaft ab? Der Film begleitet betroffene Familien.
Artikel 3 des Grundgesetzes verkündet: "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Doch wird diese abstrakte Norm tagtäglich umgesetzt - und wenn ja, wie? Die Sendung "selbstbestimmt!" geht dieser Frage nach, sei es in Arbeit und Beruf, in der Schule, an der Universität, beim Wohnen, beim Sport oder in der Kultur und Kunst. Selbstbestimmtes Leben, Selbstbestimmung über eigene Angelegenheiten im privaten und im gesellschaftlichen Bereich ist die berechtigte Grundforderung von Menschen mit Behinderung.

Autor: Elke Thiele
Redaktion: Gábor Toldy