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Landleben 4.0 In Niederstetten

Ein Höhepunkt im Kulturleben der Stadt Niederstetten ist der alljährliche Winzertanz. 100 Jugendliche halten den alten traditionellen Herbstmarkt. | Bild: BR/SWR

Dienstag, 22.10.2019
16:30 bis 17:15 Uhr

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2016

Nicht einmal mehr 5.000 Einwohner hat das 30 Kilometer von Bad Mergentheim liegende Niederstetten. Einst war es eine stolze und reiche Stadt, der im Mittelalter die Marktrechte verliehen wurden. Und es gab den größten Ferkelmarkt Deutschlands. Hier haben die Bauern jede Woche den amtlichen Ferkelschlachtpreis für ganz Süddeutschland ausgehandelt. Doch die Landwirtschaft inklusive Ferkel- und Schweinezucht ist inzwischen eingegangen, die Ställe stehen leer.

Stattdessen setzte Niederstetten auf Industrie. Einer der Vorteile der Kommune in Hohenlohe: Sie hat einen internationalen Flughafen, der sowohl militärisch als auch privat genutzt wird. Ein echter Standortvorteil. Nicht umsonst haben Unternehmen wie ebm-papst und Bass hier ihren Sitz. Sie sorgen für Arbeitsplätze in der Region. Allerdings mangelt es an Facharbeitern und Auszubildenden. Noch immer müssen Gastarbeiter angeworben werden. Für die allerdings gibt es kaum Mietwohnungen. Auch der öffentliche Nahverkehr lässt zu wünschen übrig, und schnelles Internet sucht man hier vergebens.

Mit dem Niedergang der Landwirtschaft wurden viele Bauern arbeitslos. Die Firmen rund um Niederstetten gründeten daraufhin einen Verein und schulten Bauern zu Elektrikern, Mechanikern und Elektronikern um. Das Umschulungszentrum UFZ bietet die Kurse an, die die Firmen verlangen. Viele Schüler werden von den Firmen in das UfZ geschickt und später sofort übernommen.

Und damit da niemand auf der Strecke bleibt, holt der UFS-Geschäftsführer und Lehrer Bernd Herschlein die Schüler, die noch nicht mobil sind, sogar frühmorgens in ihren Heimatdörfern ab. Niederstetten lebteschon immer vom Zuzug. 1945 kamen 200 zwangsumgesiedelte Bessarabier, unter ihnen Karl Fink, der heute noch hier lebt. In den 50er Jahren zogen italienische Gastarbeiter mit Familien zu - und blieben. Heute gehören sie zu den Geschäftsleuten der Stadt. Die örtliche Pizzeria ist der Treffpunkt für viele Niederstettener, denen die alten Wirtshäuser nicht zusagen.

Und in den 90ern kamen viele Russlanddeutsche, die hier heimisch wurden. Inzwischen gibt es sogar ein russland-deutsches Theater mit professionellen Schauspielern. Und auch die ein oder anderen "Stadtflüchtlinge" aus Stuttgart, denen die Stadt zu teuer, zu laut und zu voll war, sind hier heimisch geworden. Sie haben es sogar geschafft, den Weinanbau wiederzubeleben.

Ihnen allen hilft bei der Integration das ausgeprägte Kultur- und Vereinsleben in Niederstetten. Ob freiwillige Feuerwehr, Sportverein oder Landfrauen, wer sich engagiert, gehört früher oder später einfach dazu.
Und was die Kultur angeht: Es gibt zwar kein Kino, dafür aber fünf Theaterbühnen. Der Höhepunkt ist das alle zwei Jahre stattfindende Freilichttheater im Tempele. Rund 150 Bürger engagieren sich auf und hinter der Bühne. Das verbindet und bindet junge Menschen an den Ort. Genau wie der jährliche Winzertanz beim Herbstfest. Da muss jeder Niederstettener wenigstens einmal im Leben mitgemacht haben.

Und weil das mit der Integration so gut klappt, ist auch alteingesessenen Bewohnern nicht bange, wenn sie an die Flüchtlinge denken. Sie wissen, sie sind auf Zuzug angewiesen, die Einwohnerzahl schwindet, Bauernhäuser stehen leer. Und so würde man sich über syrische Familien freuen, die hier heimisch werden.
Landleben 4.0 ist eine Reihe des SWR Fernsehens, die das Thema Demografie anhand gelungener Projekte mit engagierten Menschen im ländlichen Raum erzählt.

Autor: Erich Schütz
Redaktion: Gábor Toldy