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Zeuge der Zeit: Dr. Efstathios Chaitidis Der Wert der Freiheit

Sonntag, 02.02.2020
21:00 bis 21:45 Uhr

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Deutschland 2019

Als achtjähriger Junge überlebt Dr. Efstathios Chaitidis 1944 eher zufällig das Massaker in seinem Heimatdorf in Griechenland, das von einer SS-Einheit begangen wird. Jahre später führt ihn sein Schicksal ausgerechnet nach Deutschland, wo er in München studiert und später eine Familie gründet. Wie konnte das Land der "Mörder" dem traumatisierten Jungen von damals zur Heimat werden?

Im April 1941 besetzt die deutsche Wehrmacht Griechenland. In der griechischen Bevölkerung, die unter den Besatzungsmächten Italien und Deutschland unter Hunger und der Ausplünderung ihres Landes leidet, formiert sich schnell eine starke Widerstandsbewegung.

Die Partisanen agieren hauptsächlich in bergigen Regionen und überfallen die Einheiten von Wehrmacht und Waffen-SS. Aus strategischem Kalkül reagieren diese mit "Sühnemaßnahmen" auf den Partisanenkampf. Die Opfer sind wahllos zusammengetriebene Dorfbewohner – Frauen, Kinder und Alte.

Im April 1944 überfällt die 4. Polizei-Division im Rahmen des "Unternehmens Maigewitter" Pyrgoi, das in Nordgriechenland gelegene Heimatdorf des damals achtjährigen Efstathios Chaitidis. Mehr als 350 Menschen sterben. Efstathios Chaitidis überlebt, weil sein Vater, der aktiv den Widerstand unterstützt, mit ihm in die Berge flüchtet. Die übrigen Familienmitglieder werden bei lebendigem Leibe verbrannt. "Ich war acht Jahre alt, ich dachte: Wozu? Was haben die gemacht? Die haben nichts gemacht, warum sollen die tot sein?". Er steht unter Schock, eine Rückkehr zur Normalität ist nicht mehr möglich.

Nachdem sich im Oktober 1944 die Wehrmacht aus Griechenland zurückzieht, vertiefen sich die Auseinandersetzungen zwischen linksgerichteten und monarchisch geprägten konservativen Kräften im Land. 1946 bricht schließlich ein blutiger und für das Land verheerender Bürgerkrieg aus. Er ist Vorbote des sich abzeichnenden Kalten Krieges.   

Aufgrund seiner politischen Verstrickungen wird Efstathios Chaitidis´ Vater 1947 gefangen genommen und hingerichtet. Nur einen Wunsch hat er dem zum Vollwaisen gewordenen Sohn in einem Brief hinterlassen: Der Junge soll studieren.

Doch Efstathios Chaitidis erfährt auch Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs in der schwer gespaltenen griechischen Gesellschaft systematische Diskriminierung. Der Zugang zum Studium wird ihm als Sohn eines ehemaligen Widerstandskämpfers verweigert.  

Um den Wunsch des Vaters zu erfüllen, entscheidet sich Efstathios Chaitidis, Griechenland zu verlassen, und wandert nach Deutschland aus. In München studiert er unter schwierigsten Bedingungen erfolgreich Zahnmedizin. Als Griechenland im April 1967 nach einem Militärputsch zur Diktatur erklärt wird, engagiert sich der junge Mann instinktiv gegen die Junta: "Für mich war das wichtig, weil ich wusste, was es bedeutet, wenn du nicht deine Freiheit hast."

Als Vorsitzender des Vereins griechischer Akademiker organisiert Chaitidis mehrmals Demonstrationen und andere Veranstaltungen gegen die Militärdiktatur. Aufgrund dieser Aktivitäten wird Efstathios Chaitidis schließlich die griechische Staatsbürgerschaft entzogen. Er muss in Deutschland Asyl beantragen. Auch nach dem Ende seines Studiums und dem Ende der Militärdiktatur kehrt er nicht nach Griechenland zurück. Später wird er die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen.

Ausgerechnet Deutschland, das Land, aus dem die Mörder seiner Familie stammen, hat ihm ein sicheres und freies Leben ermöglicht.

Autor: Despina Grammatikopulu
Redaktion: Helge Freund

Vor diesem Hintergrund hat es sich der Bayerische Rundfunk zur Aufgabe gemacht, das Zeugnis von Holocaust-Überlebenden zu dokumentieren und für künftige Generationen zu bewahren. Die Reihe "Zeuge der Zeit" spürt dem Schicksal von Menschen nach, die als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene den Terror des NS-Regimes erleiden mussten. Menschen wie Aba Lewit, der lange geschwiegen hat und mit 94 Jahren zum ersten Mal im deutschen Fernsehen Einblick in seine Überlebensstrategien in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gewährt. "Ich habe die ganze Zeit nicht damit gerechnet zu überleben", sagt er rückblickend. "Es war ein Leben auf die Minute. Nicht auf den Tag. Auf die Minute."

Fishel Rabinowicz schreibt es dem Glück zu, dass er den Holocaust überlebt hat, denn er war unter anderem in Autobahn-Baubrigaden eingeteilt, in denen die Sterblichkeitsraten der Häftlinge besonders hoch waren. "Ich hatte feuerrotes Haar, weshalb mich die Deutschen 'Rotkopf' nannten und mir leichtere Arbeiten als den anderen Gruppenmitgliedern gaben", erinnert er sich. Erst nach seiner Pensionierung fand Rabinowicz in der Malerei eine Möglichkeit, seine traumatische Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Dennoch bleibt er – wie jeder einzelne Überlebende – psychisch von den Erfahrungen des Holocaust gezeichnet.

Darüber, wie Verfolgung und Völkermord in der NS-Zeit ihr Leben geprägt haben, berichten außerdem die Zeitzeugen Esther Bejarano, Henry G. Brandt, Ruth Melcer, Mano Höllenreiner, Senek Rosenblum, Abba Naor, Max Volpert, Heinz Kounio und Ernst Grube.