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alpha-retro: Weihnachten in den Sechzigerjahren alpha-retro: Weihnachten 1945-1965 (1965)

Weihnachten 1965 - der Wohlstand wird sichtbar: ein Pelzmantel als Geschenk, das kann auch mal 20.000 Mark kosten. | Bild: BR

Freitag, 20.12.2019
20:45 bis 21:10 Uhr

  • Schwarz-weiß

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BundesRepublikDeutschland (historisch) 1965

Der Film beginnt mit Originalaufnahmen von den Weihnachtstagen 1945: Mangels Dach weht in der Kirche ein kalter Wind während der Christmette. Der Luftangriff an Weihnachten 1944 hatte die Kirche fast gänzlich zerstört: „Wenn man an Weihnachten 1945 zurückdenkt, dann muss man, um das ganze Glück dieser trostlosen Tage zu begreifen, das Christfest ein Jahr davor in Erinnerung rufen. Am 17. Dezember 1944 hatte es einen schweren Luftangriff auf München gegeben, an Heiligabend und an den beiden Feiertagen heulten die Sirenen. 1945 war nach Jahren das erste Weihnachtsfest ohne Angst… Das war das große Geschenk dieser Tage.“ Dazu sieht man Bilder von München aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, von der komplett zerstörten und ausgebrannten Innenstadt. In den Schuttbergen, die ehemals Häuser waren, steckten Schilder: „Familie… wohnt jetzt…“; „Geschäft… ist jetzt in der…“ Ab dem 20. Dezember 1945 gab es bei der Bahn ein Verbot der Personenbeförderung: Man brauchte die Züge wegen der akuten Versorgungsschwierigkeiten ausschließlich für den Gütertransport. Im November 1945 hatte in Nürnberg der Kriegsverbrecherprozess begonnen. Im Interview erzählt Hans Werner Richter, Gründer der Gruppe 47, welche geistige Atmosphäre an Weihnachten 1945 geherrscht hat: Es gab enormen kulturellen Nachholbedarf, und dies nicht nur bei den Intellektuellen sondern auch im Volk, die Theater blühten wieder auf, niemand dachte an Karriere oder – trotz großer Not – materiellen Wohlstand. In den Wärmestuben versammelten sich diejenigen, die alles verloren hatten und auf dem Münchner Christkindlmarkt gab es immerhin schon wieder 30 Buden, mit einem allerdings bescheidenen Angebot. Bei den Tauschzentralen hingegen war das Angebot üppig: „Biete Gesamtausgabe Goethe gegen ein Paar Knabenschuhe Größe 37.“ Und auf dem Schwarzmarkt in der Möhlstraße gab es ohnehin alles – nicht gegen Geld allerdings, die Währung waren Zigaretten.
Weihnachten 1955 gab es bereits die D-Markkk, die Fresswelle war schon wieder passé, der Schutt war zum größten Teil weggeräumt, in Westdeutschland gab es einen massiven Bauboom und „neue Fassaden verwischten die Erinnerung“. Weihnachten war noch nicht wieder ein glänzendes Fest, aber es war ein zufriedenes, sattes Weihnachten. Da man nun wieder optimistisch in die Zukunft blickte, wurden bei der Bayerischen Landesbausparkasse alleine an Weihnachten 1955 8000 neue Bausparverträge abgeschlossen. In diesem Film von 1965 heißt es, „das Geld war da, aber es gab noch keinen Überfluss und es gab so vieles, was unbedingt notwendig war. Und deswegen waren kleine Geschenke an Weihnachten wirklich noch kleine Geschenke. Autos gab es allerdings auch schon wieder zu kaufen, vom kleinsten Kleinwagen bis zur repräsentativen Limousine. Und die Kinder? In den Theatern gab es Weihnachtsvorstellungen, wie überhaupt Weihnachten für sie wieder zum Fest der schönen Träume wurde. Dennoch gab es in diesem Jahr in München immer noch mehr als 20000 Menschen, die noch nicht einmal ihren nackten Lebensunterhalt bestreiten konnten. Viele von ihnen gingen immer noch wie zehn Jahren davor in die Wärmestuben.
1965 lag das Ende des Krieges bereits 20 Jahre zurück, eine erste Rezession deutet sich an und Kritiker sprachen von einer Gesellschaft von Egoisten, die sich inzwischen herausgebildet habe. Der Zukunftsoptimismus war hingegen ungebrochen, im Dezember 1965 wurden bei der LBS Bayern 50000 Bausparverträge abgeschlossen. „Die Symptome des flüssigen Geldes“, heißt es, „reichen inzwischen bis ins Kinderzimmer“, denn es gab mittlerweile modische Puppen zu kaufen, die einschließlich ihrer Vielzahl an Kleidern bis zu 1000 Mark kosteten. Die Wärmestuben aber gibt es immer noch, in diesen 20 Lokalen verkehren auch 1965 täglich bis zu 700 alte und bedürftige Menschen.

Redaktion: Martin Posselt