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Historiker Bernhard Grau "Eisners großes Ziel war die Demokratisierung Bayerns"

Über Kurt Eisner wurden viele Bücher geschrieben. Das Standardwerk zur Person ist aber "Kurt Eisner: 1867 – 1919. Eine Biographie" von Dr. Bernhard Grau. Er ist Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und hat mit uns über Kurt Eisner und unser Projekt "Ich, Eisner!" gesprochen.

Von: Matthias Leitner

Stand: 12.10.2018 | Archiv

Bernhard Grau, Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs | Bild: privat

Welche Rolle spielt Kurt Eisner für die bayerische Geschichte?

Dr. Bernhard Grau: Das Ende der Monarchie war natürlich ein gewaltiger Einschnitt, der für immer mit dem Namen Kurt Eisner verknüpft ist. Die Monarchie hatte im Mai 1918 ihr 100-jähriges Jubiläum gefeiert und nur kurz darauf, am 7. November 1918, kam ihr Ende – maßgeblich angeführt von Kurt Eisner.

Was waren denn weitere politische Ziele, die Eisner verfolgt hat?

Er war sein Leben lang Werten wie Emanzipation, Gleichberechtigung und Völkerverständigung verbunden. Diese hat er vor, während und nach der Revolution vertreten. Sein großes Ziel war die Demokratisierung Bayerns, in diesem Zusammenhang ist auch die Trennung von Staat und Kirche in Bayern umgesetzt worden. Weitere Punkte sind das Frauenwahlrecht und auch soziale Errungenschaften wie der Acht-Stunden-Tag. Die Regierung Eisner hat da viel auf den Weg gebracht, was heute Standard ist.

Bei unserer Recherche für "Ich, Eisner" hatten wir auch den Eindruck, dass Eisner nach der Revolution zwischen dem linken und dem rechten politischen Lager zerrieben wird. Für die äußerste Linke ist er zu bürgerlich, für die Rechten zu radikal. Er selbst wollte gesellschaftliche Kompromisse finden und eine ausgeglichene Politik betreiben. Warum ist er letztlich gescheitert?

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Ein Grund ist, dass die politische Basis, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei (USPD), von Anfang an sehr schwach aufgestellt war. Sie konnte sich im Ersten Weltkrieg als Folge von Zensur und Überwachung nicht entwickeln. Der zweite Grund ist, dass viele von Eisners Anliegen damals hoch kontrovers waren. Das muss man auch ganz deutlich sehen. Vor allem seine Auffassung, dass Deutschland schuld ist am Kriegsausbruch und dies auch öffentlich bekennen muss, hat stark polarisiert. Das haben vor allem die konservativen, nationalistischen und rechten Kräfte kritisiert. Der radikalen Linken wiederum sind seine politischen Vorstellungen über die künftige Staats- und Gesellschaftsordnung nicht weit genug gegangen. Diese wollten den Prozess der Demokratisierung in Richtung einer Diktatur der Arbeiterklasse vorantreiben. Das Bild von den zwei Mühlsteinen, zwischen die Eisner da geraten ist, ist deshalb nicht verkehrt!

Wie sehen Sie als Historiker ein Projekt wie "Ich, Eisner!", das auf Basis von Recherchen Geschichte vor allem emotional erfahrbar machen möchte?

Vita – Bernhard Grau

Bernhard Grau, geboren 1963, hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Geschichte und Rechtsgeschichte studiert und seine Dissertation über Kurt Eisner geschrieben. Grau ist seit 1996 im staatlichen Archivdienst. Seit Februar 2018 ist er Direktor des Bayerischen Hauptstaatsarchivs.

Als Historiker hat man letzten Endes immer auch die Verpflichtung, Erkenntnisse an eine breite Öffentlichkeit zu vermitteln. Ohne das hätte Geschichtsforschung keinen Sinn. Wichtig ist, dass der Betrachter tatsächlich auch ein Gespür dafür entwickelt, was die Reibungspunkte waren, die großen Themen der damaligen Zeit, und wie diese eventuell bis heute fortwirken. Ein Projekt wie "Ich, Eisner!" ist natürlich immer eine Wertung und Interpretation, dessen muss man sich bewusst sein. Das geht dem Betrachter mitunter schnell verloren, der meint ein authentisches Bild von einer Person oder von historischen Ereignissen geboten zu bekommen. Das ist ein gewisses Risiko und für die Erzähler solcher Geschichten auch eine große Verantwortung.

Worauf müssen wir bei "Ich, Eisner!" beispielsweise aufpassen?

Bei Eisner sollte man nicht wieder in die alten Erzählmuster zurück verfallen und die Personen in der Weise anlegen, wie es den Klischees entspricht, die im Umlauf sind. Also beispielsweise, dass er eigentlich ein reiner Literat gewesen sei, der plötzlich und durch Zufall Ministerpräsident geworden ist. Das entspricht nicht den historischen Erkenntnissen! Eisner war natürlich ein politischer Denker und seine Politik hatte reale Grundlagen. Er war kein Träumer.

Was könnten wir, unser Publikum, Politiker oder kommende Ministerpräsidenten von einer historischen Figur wie Eisner lernen?

Er war ein Ministerpräsident, der in einer Ausnahmesituation regiert hat, die mit unserer heutigen Situation kaum zu vergleichen ist. Aber seine Werte – darauf, denke ich, kann man es herunterbrechen, – können Orientierung geben im politischen Journalismus genauso wie in der Politik: Emanzipation, Gleichberechtigung und Völkerverständigung können auch heute Ziele sein.

Vielen Dank für das Gespräch.


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