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Satire – Lachen für die Demokratie?

RESPEKT Satire – Lachen für die Demokratie?

Stand: 13.05.2020

  • Satire heißt, sich durch Übertreibung oder Spott über Mächtige lustig zu machen und Kritik zu üben an Ungerechtigkeiten in Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen.
  • Die Kunst ist es, die Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken zu bringen.
  • Auch darf niemand angegriffen werden, der sich nicht wehren kann.
  • Satiriker*innen leben mitunter gefährlich, denn sie sagen Dinge, die etwa Politiker*innen nicht gerne hören.

Satire ist eine Form von Kunst. Satire kritisiert Menschen oder deren Ansichten, indem sie sie verspottet und lächerlich macht. Die typischen Stilmittel: Satire überzeichnet Menschen oder Dinge und verzerrt Sachverhalte. Satire gibt es schon seit der Antike. Satire hat immer starke Gegner*innen und greift diejenigen an, die sie für einem schlechten Zustand verantwortlich hält. Satire tritt, anders als Comedy, niemals nach unten.

Was ist witzig, was nicht?

An der Freiheit der Satire kann man die Freiheit einer Gesellschaft ablesen. In Deutschland ist Satire durch die Meinungsfreiheit und durch die Kunstfreiheit geschützt. Diese Freiheiten enden erst dort, wo andere beleidigt werden. Als 1854 in Deutschland die Pressefreiheit eingeführt wurde, entstand in den Zeitschriften eine neue Form der Satire: die politische Karikatur. Bis heute lösen Karikaturen heftige Reaktionen aus. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde das Kabarett in Deutschland zum Mittelpunkt der satirischen Kritik an der Politik und am Zeitgeschehen, zuerst auf Theaterbühnen und später auch im Fernsehen.

Satire zu DDR-Zeiten: gefährlicher "Turnverein"

In der Bundesrepublik gilt mit dem Grundgesetz seit 1949 die Kunst- und Meinungsfreiheit. In der DDR gab es diese Freiheiten nie. Zu DDR-Zeiten war Lachen über Politiker deswegen nicht ungefährlich. Wolfgang Schaller war damals mutig genug, politisches Kabarett zu machen. Er hat zum Beispiel ein Lied geschrieben über das Politbüro und nannte es "Opas Turnverein". Das war eine Anspielung auf das Berliner Politbüro, in dem lauter alte Herren saßen.

"Da rief mich auch jemand aus dem Funktionärsapparat zu sich und sagte: 'Herr Schaller, das können Sie nicht auf der Bühne machen. Sie meinen doch das Politbüro.' Da habe ich geantwortet: 'Wenn Sie solche schmutzigen Gedanken haben, dann ist das Ihre Sache. Dann müsste ich das eigentlich weitermelden.' Und dann war Ruhe."

Wolfgang Schaller, Satiriker

Attacke nach AfD-Kritik

Auch heute, 30 Jahre nach Ende der Diktatur, gab es in Dresden einen Angriff wegen politischer Satire. Alexander Pluquett machte in Dresden Kabarett über die AfD und rechte Hetze. Also ausgerechnet in der Stadt, in der die AfD in Wahlen teilweise 20 Prozent und mehr hat. Er musste die Vorstellung schließlich abbrechen. Ein Mann warf ihm ein Bierglas an den Kopf.

Auch Willy Nachdenklich hat schon einen Shitstorm erlebt, weil er den verstorbenen DJ Avicii auf seine Weise verabschiedet hat. Denn wenn es um Humor geht, hat jeder seine eigenen Grenzen, was den "guten Geschmack" angeht.

"Da hab ich dann so ein Bild gemacht, wo Avicii am Plattenteller steht und winkt. Ich hab 'Arrivedercii' druntergeschrieben. Die einen finden es megalustig, wissen, wie ich es vielleicht meine. Andere, da hab ich auch einen richtigen Shitstorm bekommen."

Willy Nachdenklich, Satiriker

Satiriker*innen leben mitunter gefährlich

  • Die Satirezeitschrift "Simplicissimus" wird von den Nationalsozialisten ab 1933 mit der Gleichschaltung endgültig zensiert.
  • 1986 steigt der Bayerische Rundfunk aus der deutschlandweiten Übertragung der Satiresendung "Scheibenwischer" aus. Grund: ein bissiger Sketch zur Atomkatastrophe in Tschernobyl.
  • Die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo veröffentlicht ab 2006 immer wieder Karikaturen des Propheten Mohammed. Am 7. Januar 2015 überfallen islamistische Terroristen eine Redaktionssitzung und erschießen zwölf Menschen.
  • 2016 publiziert Jan Böhmermann ein Schmähgedicht über den türkischen Staatschef Erdogan. Die türkische Regierung verlangt die Bestrafung Böhmermanns, und zwar nach Paragraf 103 des deutschen Strafgesetzbuches: Majestätsbeleidigung. Der Paragraf wird in der Folge abgeschafft.

Nicht zu wenig, nicht zu viel

Satire ist ein wichtiges Instrument, den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten und Kritik zu üben an ihren Handlungen. Durch die Meinungsfreiheit sind Satiriker*innen in der Regel ausreichend geschützt. Doch es gibt auch brenzlige Situationen. Denn die Grenze zwischen gutem und schlechtem Geschmack, zwischen Humor und Beleidigung, ist fließend. Auch empfindet jede*r etwas anderes als lustig. Satiriker*innen brauchen Mut, Humor, Sprachgeschick und Intuition; ein Gespür dafür, was gerade (noch) geht und was nicht. Dann gelingt es mit Satire, zum Lachen und zum Nachdenken zu bewegen.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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