Respekt - Respekt

Nationalismus

RESPEKT Nationalismus

Stand: 16.10.2019

  • Der Begriff "Nation" verbreitete sich in Europa nach der Französischen Revolution 1789.
  • Die Vorstellung einer "Nation" mit einem einheitlichen Staatsvolk sollte helfen, die Ständegesellschaft zu überwinden und das Gemeinschaftsgefühl der Bürger*innen im Sinne von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" zu stärken.
  • Die Ideologie des "Nationalismus" verbreitete sich erst Ende des 19. Jahrhunderts. Zuvor entstanden in Europa Nationen, deren Staatsvolk sich durch vermeintlich einheitliche ethnische oder kulturelle Zugehörigkeit definierte.
  • Zu Beginn war Nationalismus oftmals eine aufklärerische Ideologie, die gleiche Rechte für alle Menschen in der jeweiligen Nation bzw. im jeweiligen Staat forderte. Mit der Ausbreitung des Nationalismus als Massenideologie Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte sich jedoch die Vorstellung der Überlegenheit der "eigenen" Nation gegenüber anderen Nationen.
  • Nationalismus geht seitdem einher mit der Feindseligkeit gegenüber anderen Nationen und mit der Abwertung von Menschen, die (angeblich) nicht zur "eigenen" Nation gehören.

Nationalismus und Patriotismus: Was ist der Unterschied? Patriotismus kann sich auf ein Land beziehen, das man liebt oder auf eine Gruppe von Menschen, denen man sich verbunden fühlt. Patriotismus kann aber auch auf bestimmten Eigenschaften eines Landes oder einer Gesellschaft gründen, zum Beispiel auf das deutsche Grundgesetz (Verfassungs-Patriotismus). Nationalismus dagegen heißt immer bis ins Extrem übersteigerte Verbundenheit zu einer Nation. Zudem heißt Nationalismus immer auch, dass man die eigene Nation über andere Nationen und deren Einwohner*innen stellt. Und spätestens hier wird es problematisch.

Sabine Pusch trifft in der RESPEKT-Reportage Menschen, die sich Deutschland sehr verbunden fühlen und vieles an der deutschen Gesellschaft wertschätzen. Gleichzeitig bedeutet das für sie jedoch nicht, dass sie sich als etwas Besseres fühlen und deshalb feindselig auf andere Länder und Nationalitäten herabblicken.

Ohne Nationalismus keine Nation?

Nicht jeder Staat ist auch eine Nation. Zum Beispiel ein Vielvölkerstaat wie die ehemalige Sowjetunion oder die Volksrepublik China: Hier leben Menschen mit unterschiedlicher Religion, Ethnie, Sprache und Kultur zusammen. Sie fühlen sich aber nicht als Mitglieder einer Nation. Man könnte das in etwa vergleichen mit einer WG und einer Familie: In einer Familie ist das Zugehörigkeitsgefühl in der Regel viel stärker, die Mitglieder bilden einen engeren Verbund. Politikforscherin Marion Detjen bringt es so auf den Punkt: "Nationalismus ist eine politische Ideologie, die den Nationalstaat mit den Angehörigen des Staates identifiziert und so eine Einheit konstruiert von Staat, Staatsgewalt, Staatsbürgern und Territorium. Da passt sozusagen nichts mehr von der Seite rein. Das ist gedacht als geschlossene Einheit, die in dieser Einheit komplett bewahrt werden muss."

Nationalismus als Mittel zum Zweck

Wem nützt die künstlich geschaffene Einheit "Nation" und damit auch die Ideologie des Nationalismus? Vielen Bürger*innen gibt der Glaube an "ihre" Nation ein Gefühl von Zugehörigkeit und stiftet einen Teil ihrer Identität. Regierungen fördern das Nationalgefühl, wenn sie das konstruktive Miteinander ihrer Bürger*innen fördern möchten, also etwa für mehr Frieden im Land sorgen oder aber auch unbeliebte Reformen durchführen wollen.

"Zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg war Nationalismus in gewisser Weise sinnvoll, um die ganzen Deutschen eben, die in den Ostgebieten ohne eine Staatsangehörigkeit waren (...) um die dann einzuschließen in diesen Verbund der Deutschen. Da hatte der Nationalismus eine Funktion. Aber zu den meisten Zeiten ist der Nationalismus eher schädlich und hilft uns nicht, konkrete Probleme, die wir haben, zu lösen."

Filmzitat Marion Detjen, Politikhistorikerin

Politiker*innen können das Nationalgefühl der Bürger*innen jedoch auch nutzen, um gegen vermeintliche "Feinde" von außen mobil zu machen. Etwa, um damit abzulenken von eigenen Fehlern, von Korruption oder Misswirtschaft in den eigenen Reihen oder um damit einen Eroberungsfeldzug gegen andere Nationen anzuzetteln. Immer ist Nationalismus jedoch ein Konstrukt. Denn so unterschiedlich die Nationalitäten sind, so unterschiedlich sind auch die Menschen in den jeweiligen Nationen selbst. Nationalisten richten ihre Feindseligkeit sehr oft gegen Menschen, die in derselben Nation leben, aber in den Augen der Nationalisten nicht "dazugehören".

Als der Nationalismus noch nicht geboren war ...

  • Was uns heute normal erscheint, nämlich dass es Nationalitäten gibt, war in der Antike, im Mittelalter bis in die Neuzeit für die Menschen nicht vorstellbar.
  • Bis zum 18. Jahrhundert gab es keine Nationen, sondern viele Stadtstaaten, Fürstentümer oder sehr große Reiche, wie beispielsweise das Römische Reich.
  • Einen "Staat" kennzeichnen drei Dinge: ein gemeinsames Land, das Staatsgebiet. Die Menschen, die darin wohnen, das Staatsvolk. Und die Menschen, die diesen Staat regieren, die Staatsgewalt.
  • "Natio" kommt aus dem Lateinischen. Es bedeutet: Geburt oder Herkunft, aber auch Volksstamm oder Völkerschaft.

Polkappen: Opfer von Nationalismus

Nationalismus ist nicht nur für Menschen, sondern auch für die Artenvielfalt und für die Umwelt als Ganzes eine Bedrohung: Beispiel Erderwärmung. Beim Klimaschutz müssten alle Nationen zusammenarbeiten. Alltag ist jedoch immer noch, dass alle Nationen "ihr eigenes Süppchen kochen". Um die Erderwärmung zu begrenzen, müssten alle zusammenhalten und ihre eigenen Interessen mal außen vor lassen.

"Klimaschutz ist natürlich so, dass sich die Welt nach zähen Verhandlungen auf das Pariser Klimaabkommen geeinigt hat. Fast alle Länder dieser Welt machen mit. Und dann kommt Präsident Trump daher und macht nicht mehr mit. Da ist immer die Gefahr, dass andere Länder nachahmen und aus – das ist es ja – wirtschaftlichen Interessen austreten."

Filmzitat Michael Schroedl, Biologe

Was tun?

Nationalismus ist eine Ideologie, die den Menschen eine vermeintliche Sicherheit verspricht. Doch die Probleme unserer Zeit sind einfach viel zu groß, als dass man sie mit nationalen Alleingängen lösen könnte. Es bräuchte bei allen die Fähigkeit, an einem Strang zu ziehen, egal welcher Herkunft oder Ethnie man ist, denn letztlich bewohnen wir alle den gleichen Planeten. Nationalismus ist somit eine Ideologie, die nicht mehr zeitgemäß ist in Zeiten größter Mobilität und Vernetzung. Vielmehr geht es um gemeinsame Ansätze, um drängende Probleme zu lösen.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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