Respekt - Respekt

Arbeit - Broterwerb oder Berufung?

RESPEKT Arbeit - Broterwerb oder Berufung?

Stand: 27.11.2019

  • Das Recht auf Arbeit gilt als elementares Menschenrecht, verankert im Artikel 23 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Das Recht auf freie Berufswahl wird durch Artikel 12 im deutschen Grundgesetz garantiert.
  • Erwerbstätigkeit und das damit verdiente Geld dient als Sicherung der Lebensgrundlage.
  • Arbeit ist ein wichtiger Faktor für Teilhabe an der Gesellschaft, Anerkennung und Selbstwertgefühl.

Ist Arbeit einfach nur ein notwendiges "Übel", um Geld zu verdienen? Um den Lebensunterhalt zu sichern? RESPEKT-Moderatorin Christina Wolf macht sich auf die Suche nach den weiteren Faktoren, die Arbeit zu bieten hat: Sie macht im Idealfall Spaß, bietet die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, sorgt für ein höheres Selbstwertgefühl und stiftet Sinn.

Bezahlte und unbezahlte Arbeit

Mit "Arbeit" meinen wir in der Regel "Erwerbstätigkeit". Also eine Tätigkeit, mit der der Lebensunterhalt verdient wird. Erwerbstätige sind alle Personen ab 15 Jahren, die in einem Arbeitsverhältnis stehen. Dazu zählen auch Arbeitende in Minijobs oder Ein-Euro-Jobs, genauso wie Personen in Mutterschutz oder Elternzeit. In Deutschland sind heute etwa 42 Mio. Menschen erwerbstätig.

Eine wichtige Rolle, v. a. für das Funktionieren der sozialen Gesellschaft, spielen auch unbezahlte Tätigkeiten. Zum Beispiel Menschen, die ehrenamtlich arbeiten. Ein Ehrenamt ist eine freiwillig ausgeübte, unentgeltliche Tätigkeit für Vereine, Initiativen oder karitative Einrichtungen. Unbezahlt sind in der Regel auch Haus- und Familienarbeit, Kindererziehung und die Organisation des Familienlebens. Hausarbeit wird aber inzwischen nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts als gleichwertig zur Erwerbsarbeit aufgefasst.

"Was ist ...?": Quellen

  • Definition von "Erwerbstätigen": Internationale Arbeitsorganisation (ILO)
  • Anzahl Erwerbstätige: Statistisches Bundesamt, ILO-Arbeitsmarktstatistik 2018
  • Ehrenamtliche in Deutschland: Institut für Demoskopie Allensbach, 2016
  • Tägliche Arbeitszeit im Haushalt: OECD, 2014

Viel Arbeit - viel Geld?

Arbeiten am zeitlichen Limit: Für viele Menschen ist das tägliche Realität. Das ist nicht nur kräftezehrend, sondern gelingt auch nur, wenn das Umfeld, zum Beispiel die Familie, mitspielt und man selbst der Arbeit mit Leidenschaft nachgeht. Denn für Hobbys oder die Familie bleibt manchmal nur wenig Zeit übrig.

"Ich sehe es nicht primär als reine Arbeit an. Es ist ein großer Teil, auch wenn es albern klingt, Berufung dabei. Das muss es auch sein. Wenn ich es nur als reine Arbeit sehen würde, würde es mir mental schwerer fallen, so viel Zeit in der Klinik zu verbringen."

Maximilian Traxdorf, Oberarzt

Was aber, wenn viel arbeiten nicht gleichzeitig bedeutet, dass auch genügend Geld reinkommt? Sei es, weil die berufliche Tätigkeit schlecht bezahlt ist, sei es, weil zum Beispiel bei künstlerischen Tätigkeiten mal viel, mal wenig verkauft wird. Hier bleibt meist nur, ein zweites berufliches Standbein aufzubauen, sofern das möglich ist. Auch wenn in diesem "Job zur Lebenssicherung" dann vermutlich weniger Herzblut steckt.

"Ich möchte schon in erster Linie die Malerei machen. Aber die Verantwortung möchte ich nicht von mir geben oder dass die Familie in Schwierigkeiten kommt, nur damit sich der Papa verwirklicht."

Axel Gercke, Künstler

Der Arbeitsmarkt heute

Fakten zum Arbeitsmarkt

Arbeitslosigkeit

2018 waren in Deutschland etwa 5 % der Menschen arbeitslos. Das ist ziemlich wenig. Ab 3 % spricht man von Vollbeschäftigung.

Als arbeitslos gezählt werden von der offiziellen Statistik Menschen:
- die zwischen 15 Jahren und dem Eintritt ins Rentenalter sind
- keine Beschäftigung haben oder nur eine von weniger als 15 Stunden pro Woche
- eine sozialversicherungspflichtige Arbeit von mehr als 15 Stunden suchen
- und sich persönlich bei einer Agentur für Arbeit oder einem Jobcenter arbeitslos gemeldet haben.

Versteckte Arbeitslosigkeit

Von der offiziellen Statistik nicht als arbeitslos gezählt werden Menschen, die nur befristete Jobs haben, sich gerade in einer Weiterbildungsmaßnahme der Arbeitsagenturen befinden, einen Ein-Euro-Job haben oder über 58 Jahre alt sind und Hartz IV beziehen.

2018 waren es in Deutschland in etwa 1 Mio. Menschen in sog. versteckter Arbeitslosigkeit.

Arbeitslosengeld

Wer in den letzten zwei Jahren mindestens 12 Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, kann sich arbeitslos melden. Die Höhe ist etwa 60 Prozent des letzten Nettoeinkommens und wird in der Regel zwischen 6 Monaten und 2 Jahren gezahlt.

Hartz IV

Arbeitslosengeld wird in der Regel zwischen 6 Monaten und 2 Jahren gezahlt. Danach wird auf Arbeitslosengeld II zurückgestuft, auch Hartz IV genannt. Die Höhe wird individuell berechnet. Diese Grundsicherung wird nicht bedingungslos gezahlt. Sie kann gekürzt oder sogar gestrichen werden.

Minijob

Als Minijobber*innen gelten in Deutschland alle Menschen, die in ihrer Anstellung bis zu 450 Euro im Monat verdienen oder diese Tätigkeit nur kurzfristig ausüben. Für zwei Drittel der Minijobber*innen war es 2018 der einzige Job, den sie ausübten.

Ein-Euro-Job

Ein-Euro-Jobs sind Zusatztätigkeiten für Empfänger*innen von Hartz IV bzw. Arbeitslosengeld II. Sie werden von öffentlichem Geld bezahlt, der Stundensatz muss mindestens 1 Euro betragen.

Diese Maßnahme soll Arbeitssuchenden bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt helfen. Das kann zum Beispiel Hilfe bei der Essensausgabe in sozialen Einrichtungen oder Fahrdienst für Behinderte sein.

Zahlen und Fakten: Quellen

  • Anzahl Erwerbstätige: Statistisches Bundesamt, ILO-Arbeitsmarktstatistik 2018
  • Anzahl der Minijobber*innen 2003 bis 2018: Bundesagentur für Arbeit, 2018
  • Arbeitslose in Deutschland: Bundesagentur für Arbeit, 2018

Langzeitarbeitslosigkeit - kein Ausweg in Sicht?

Als langzeitarbeitslos gelten in Deutschland Menschen, die seit einem Jahr und länger arbeitslos sind. Sie gelten oft als besonders schwer vermittelbar. Überhaupt kämpfen sie häufig mit Vorurteilen, zum Beispiel sie wären nur zu faul, um zu arbeiten. Aus der Langzeitarbeitslosigkeit herauszukommen, ist für viele Menschen schwer. Und wenn sie es geschafft haben, kommt es durchaus vor, dass sie nur minimal mehr Geld zur Verfügung haben als zu der Zeit als Hartz-IV-Empfänger*innen. Trotzdem verändert sich durch den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ganz viel: Die Menschen fühlen sich wieder als aktiver Teil der Gesellschaft, sie finden Anerkennung und Bestätigung.

"Und ich bin ein Vorbild für meine Kinder. Die sehen auch, dass ich mich jetzt wieder geändert habe. Früher war ich bestimmt depressiv und so. Jetzt gehe ich wieder auf in meinem Leben. Ich habe jetzt wieder Selbstwertgefühl. Ich hatte das nicht mehr."

Anita Schaller, Energieberaterin

Autorin: Claudia Sarrazin

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