Respekt - Respekt

Antisemitismus

RESPEKT Antisemitismus

Stand: 25.11.2019

  • Der Begriff "Antisemitismus" wird verwendet für alle Arten von Feindseligkeiten gegen Jüdinnen und Juden – ob in Worten oder in Taten – die begangen werden, weil die Opfer (vermeintlich) jüdischen Glaubens sind.
  • Zwischen 2017 und 2018 ist die Zahl der antisemitischen Straftaten um fast 20 % auf 1.799 angestiegen. Das sind jedoch nur Vorfälle, die der Polizei gemeldet wurden. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich sehr viel höher.
  • Seit der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 "tarnt sich" der Antisemitismus oft als Antizionismus oder als "Israelkritik".

In sozialen Netzwerken, im Klassenzimmer und bei Präsidentschaftswahlen – Hetze gegen Jüdinnen und Juden ist Alltag: Auf Facebook werden antisemitische Klischee-Comics massenhaft geteilt. In Schulen erleben Hakenkreuz-Schmierereien, versehen mit dem Schriftzug "Drecks-Jude", ein Comeback. Aus dem alten Antisemitismus ist ein neuer Judenhass geworden.

Der Nahost-Konflikt verstärkt auch in Deutschland den Judenhass. Antisemit*innen sehen Israel als Hauptschuldigen und als "Peiniger der Palästinenser". Und: Rechtspopulisten und Rechtsextremisten bilden eine Allianz mit Verschwörungstheoretikern und Israelfeinden.

Was ist der Holocaust?

Gedenkstätte Yad Vashem: Bilder und Namen von Holocaust-Opfern

Der Begriff stammt aus dem Griechischen holókaustos. Das bedeutet: vollständig verbrannt. Der Holocaust – die systematische Ermordung jüdischer Menschen – beginnt am 9. November 1938. In ganz Deutschland zünden Menschen Synagogen an, zerstören und plündern jüdische Geschäfte. Jüdinnen und Juden werden auf offener Straße verunglimpft, angegriffen und getötet. Im Oktober 1941 beginnen die deutschen Nationalsozialisten, jüdische Mitmenschen systematisch zu ermorden: in industriell organisierten Vernichtungslagern. Das größte dieser Lager ist Auschwitz.
In weniger als nur vier Jahren ermorden die Nationalsozialisten etwa 6 Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder.

Antisemitismus heute

Wie viele Menschen sind heute tatsächlich antisemitisch eingestellt? - Moderatorin Christina Wolf fragt nach bei Dr. Sina Arnold, Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Aktuelle, repräsentative Studien (etwa vom Jüdischen Weltkongress, WJC) zeigen: Ein Viertel aller Deutschen ist antisemitisch eingestellt. Ein Grund für Dr. Sina Arnold ist, dass in Zeiten nach Finanz- und Wirtschaftskrisen die Menschen nach einfachen Antworten suchen. In dem Fall: "Schuld sind die Juden." Was auch dazu führt, dass viele dieser Menschen populistische Parteien wählen, die ebenfalls allzu simple Lösungen für komplexe Probleme anbieten.

Hohe Dunkelziffer bei antisemitischen Straftaten

Laut Statistik sind etwa 95 Prozent der Straftäter*innen rechtsextrem eingestellt. Diese Einordnung beruht etwa darauf, dass irgendwo im Zusammenhang mit der Straftat ein Hakenkreuz erscheint. Über die Täter*innen sagt das jedoch wenig aus. Außerdem wird bei weitem nicht jede antisemitische Tat oder Handlung zur Anzeige gebracht. Deshalb ist die Dunkelziffer hoch, so Dr. Sina Arnold.

"Auch in muslimisch und arabischen Communities oder bei Menschen mit einem solchen Migrationshintergrund gibt es Antisemitismus. Das sollte man gar nicht unter den Tisch fallen lassen. Und auch da muss man natürlich etwas gegen vorgehen."

Dr. Sina Arnold, Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin

Projekt für Annäherung: "Rent a Jew"

Die Initiative "Rent a Jew" ermöglicht es Menschen, mit Vertreter*innen des Judentums ins Gespräch kommen. Ehrenamtlich engagierte Jüdinnen und Juden können "gemietet" werden, kostenlos – etwa um in Schulklassen über das Judentum zu diskutieren. Nataniel Satanowski, der bei der Initiative mitmacht, bekommt auch mal seltsame bis abwegige Fragen gestellt. Etwa, ob er als Jude Steuern bezahle oder Muslime hasse. Er selbst ist nicht gläubig, hält sich auch wenig an jüdische Regeln oder Gebote oder Verbote. Diskriminierung und Antisemitismus hat er schon in der Schule erfahren.

"Also, dass ich Jude war, wussten die meisten, jedenfalls in der Klasse. Und das war dann oft der Punkt, mit dem ich dann irgendwie gepiesackt werden konnte, dass ich irgendwie geizig wäre oder was auch immer. Dann wird gesagt: Ja, du gibst mir hier nicht dein Pausenbrot ab, weil du ein Jude bist."

Nataniel Satanowski, ehrenamtlich engagiert bei 'Rent a Jew'

Der Judenhass hat eine lange Geschichte

  • Beim Ersten Kreuzzug im Jahr 1096 zerstören Kreuzfahrertruppen im Rheinland zahllose jüdische Gemeinden, ermorden Tausende Menschen und führen Zwangstaufen durch.
  • Juden müssen in abgeschotteten Vierteln leben und dürfen nur bestimmte Berufe wie Geldverleih und Handel ausüben.
  • Zur Zeit der Pest im 14. Jahrhundert werden Juden verdächtigt, Brunnen vergiftet zu haben.
  • Zwei Drittel der jüdischen Gemeinden in Mitteleuropa werden bei den Pestpogromen von 1348 bis 1350 vernichtet.

Zahlen und Fakten: Quellen

Erster Kreuzzug 1069
Bundeszentrale für Politische Bildung
BR.de

Pestpogrome
Bundeszentrale für Politische Bildung
Informationen zur politischen Bildung, Heft 307, "Jüdisches Leben in Deutschland", S. 18f.

Novemberpogrom
Wannseekonferenz
"Endlösung der Judenfrage"
Statistik PMK (PDF, S. 5)

Jüdischer Weltkongress/Studie 2019
dpa, 24.10.2019

Juden und die Weltherrschaft

Hartnäckig hält sich das Gerücht, es gäbe eine jüdische Weltverschwörung. Also dass Jüdinnen und Juden mehr oder weniger heimlich die Welt regieren. Die Fakten: Auf 1.000 Menschen in Deutschland kommt gerade mal ein Mensch jüdischen Glaubens: nicht gerade viel, wenn es darum geht, Einfluss zu nehmen. In den USA sind es mehr: statistisch kommen auf 200 Einwohner etwa 3 mit jüdischer Religion. Alle 45 bisherigen US-Präsidenten waren Christen, und auch in der europäischen Politik gibt es kaum Juden in Spitzenpositionen. Einzig im Finanzbereich sind Jüdinnen und Juden überproportional vertreten: Auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt sind 20 Prozent jüdischen Glaubens. Was aber nicht am Glauben liegt, sondern daran, dass sie schlicht gute Geschäftsideen hatten. Und dass sie sich über viele Jahrhunderte auf den Finanzbereich spezialisieren mussten, weil die Ausübung anderer Berufe ihnen verboten wurde. Die "jüdische Weltverschwörung" oder gar "Weltherrschaft" gibt es faktisch also nicht.

Israel-Kritik: Wo ist die Grenze zum Antisemitismus?

Über Politik zu diskutieren ist erlaubt. Expertin Dr. Sina Arnold sagt, die Abgrenzung zwischen problemloser Israelkritik und Antisemitismus sei manchmal schwierig. Eine Aussage allein zeigt oft nicht, welche Haltung der Mensch hat, der sie äußert. Eindeutig antisemitisch ist etwa der Satz: "Der israelische Staat wendet selbst Nazi-Methoden gegenüber den Palästinensern an." Dahinter steckt das uralte antisemitische Argumentationsmuster der Täter-Opfer-Umkehr. Ebenso eindeutig ist die Behauptung, Israel sei ein Apartheid-Staat: Diese Aussage ist kompletter Unsinn, weil sie nachweislich historisch falsch ist. Das heißt aber noch nicht, dass, wer so etwas sagt, auch gleich Antisemit ist. Vielleicht hat er oder sie nur einfach kein oder viel zu wenig historisches Wissen. Oft ist daher die Motivation hinter einer Aussage wichtig, beispielweise wenn das Ziel ist, Israel in die Täter-Ecke zu rücken.

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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