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Wirtshaustipp "Zum Postwirt" in Scheffau, Lindau (Schwaben)

Wer als Auswärtiger in ein bayerisches Dorf zieht, hat es oft nicht leicht. Wenn dann noch zwei Berliner ein fast 200 Jahre altes Dorfwirtshaus übernehmen, verdreht so manch Einheimischer schon mal die Augen. Doch Christian und Bianka Pietsch sind inzwischen gut aufgenommen und ihr Wirtshaus "Zum Postwirt" im schwäbischen Scheffau ist bei Einheimischen wie Touristen beliebt. Wirtshausexperte Andi Christl hat es sich für Sie angeschaut.

Stand: 06.04.2021

"Zum Postwirt" innen  | Bild: BR/Andi Christl

Und so beurteilt unser Wirtshausexperte Andi Christl den "Postwirt" in Scheffau:

Aufeinander hören, voneinander lernen, gesund essen und miteinander trinken

"Christian und Bianka Pietsch, ein Ehepaar aus Berlin, haben das fast 200 Jahre alte Dorfwirtshaus 'Zum Postwirt' vor zwei Jahren übernommen und die Konzepte der vorherigen Pächter erstmal auf den Kopf gestellt.
Auf der Karte finden sich ausschließlich Speisen und Getränken aus biologischen Zutaten, auch der Stammtisch darf nicht mehr im Biergarten rauchen und jedes Fleischgericht kann als vegetarische Variante bestellt werden. Allein an diesen Beispielen merkt man schon, dass hier Wirtsleute am Werk sind, die einen gesunden Lebensstil pflegen.
'Du bist, was du isst' wird nicht nur auf der Speisekarte großgeschrieben. Hier wurde ein modernes, biologisches Konzept integriert, obwohl so mancher Ortsansässige alles lieber so gelassen hätte, wie es immer schon war.
Da früher neben dem Stall auch noch eine kleine Poststelle untergebracht war, heißt das Lokal heute noch 'Zum Postwirt'.
Die Decken sind mit ca. 1,90 m vergleichsweise niedrig. Neben dem alten Holzofen macht gerade das den Charme der Gaststube aus.
Christians Schwiegervater braut das hauseigene Bier. Auch der Holzbackofen im Nebenzimmer wurde von ihm in mühevoller Handarbeit gebaut. Aufeinander hören, voneinander lernen, gesund essen und miteinander trinken - all das wird im Postwirt sowohl von den Gästen, als auch von den Wirten beherzigt. Genau das macht dieses Wirtshaus zu einem ganz besonderen."

Viel Hausgemachtes und Biologisches

"Das Steckerleis wird selbst gemacht, das Mehl für das hauseigene Brot mahlt der Küchenchef persönlich, die Pommes werden aus frischen Kartoffeln gemacht und selbst das Papier des Kassenbons ist ökologisch.
'Wir verkaufen nicht nur BIO, weil es im Trend ist, sondern weil wir's leben', stellt Christian Pietsch schnell klar. Er will nicht missionieren, aber er möchte seine Gäste zu mehr Achtsamkeit ermuntern und zeigen, dass ein einfacher Büffelmozzarella mit reifen Tomaten und hochwertigem Olivenöl so viel besser schmecken kann, als die billige Variante einiger Konkurrenten.
Das Brotbacken hat er über die Jahre perfektioniert und so kommt es, dass viele Ortsansässige ihren Laib Brot nicht mehr im Discounter kaufen, sondern beim Postwirt. Auch wenn der Betrieb noch nicht offiziell BIO-zertifiziert ist, gibt es in dieser Küche zwei Dinge, die besonders hervorstechen: die vielseitigen Handwerksfähigkeiten des Küchenchefs und die hohe Anzahl ökologischer Produkte auf der Speisekarte."

Die Vorspeise: Allgäuer Wurstsalat mit hausgemachtem Brot

"Wurstsalat ist so vielseitig wie Bier. Jeder hat sein ganz eigenes Rezept für diesen Klassiker der bayerischen Brotzeit-Küche. So überrascht es nicht, dass im Postwirt eine Wurst vom regionalen Bio-Metzger verwendet wird. Die sogenannte Schübling-Wurst ist aber nicht nur im Allgäu, sondern auch in der Schweiz und in Baden sehr beliebt. Die dünnen Scheiben der Schübling schneidet Christian in feine Stifte, die anschließend in einer Marinade aus Kräuteressig, Zucker, Öl, Salz, Pfeffer und Senf über Nacht mariniert werden. Kurz vor dem Servieren werden frische Radieserl- und Essiggurkenscheiben, sowie rote Zwiebel und Schnittlauchringe dazu gegeben.
Der Wurstsalat war weder zu ölig, noch zu sauer und hatte die richtige Würze. Das hausgemachte Bauernbrot war innen weich, außen knusprig und unterm Strich absolute Spitzenklasse. Die perfekte Beilage, um auch den letzten Tropfen Dressing aus den Schüsseln zu tunken."

Die Hauptspeise: VeggieBurger mit hausgemachten Knoblauchpommes

"Das Wort 'hausgemacht' kann man sich hier eigentlich sparen, weil auch bei diesem Gericht wirklich alles frisch zubereitet wird. Die Mayonnaise schlägt Christian frisch aus Eigelb, Senf und Öl auf. Für die Pommes werden festkochende Kartoffeln erst gewaschen, in Stifte geschnitten und mit Paprikagewürz im Ofen gebacken. Salz, Knoblauchöl und Petersilie werden erst kurz vor dem Servieren dazu gegeben. Die hauseigenen Burgerbuns werden halbiert und mit Ketchup, Majo, Salatstreifen, Krautsalat und Essiggurken belegt.
Ich habe mich für die vegetarische Variante entschieden, bei der gegrillte Selleriescheiben mit Bergkäse überbacken werden, aber natürlich gibt es auch Variationen für Fleischliebhaber.
Dadurch, dass die Knoblauch-Pommes nicht in eine Fritteuse getaucht wurden, waren sie nicht fettig und geschmacklich top. Auch die einzelnen Komponenten des Burgers waren alle klar erkennbar. Obwohl die Portion recht groß war, hatte ich nicht das Gefühl, ungesund gegessen zu haben. Im Postwirt lernen nicht nur die Kinder, dass Burger mit Pommes kein ungesundes Fastfood sein müssen."

Preise

"'Die Leute sollen verstehen, dass ein Schnitzel nicht mehr 12 Euro kosten darf'.
Dadurch, dass im Postwirt ausschließlich biologisch gekocht wird, greifen die Gäste auch etwas tiefer in die Tasche. Alle Gerichte werden in einer großen oder kleinen Portionsgröße angeboten. Ein Hauptgang kostet zwischen 6 Euro und 20 Euro. Der kleine Wurstsalat steht mit 7,50 Euro auf der Karte und der vegetarische Burger mit Pommes kostet 15,90 Euro."

Adresse

Zum Postwirt
Scheffau 10
88175 Scheffau

Dieses Wirtshaus ist nicht barrierefrei.

aktuelle To Go - Öffnungszeiten

Pizza-Freitag: 17.30 bis 20.30 Uhr
Samstag: 17.30 bis 20.30 Uhr
Sonntag: 12.00 bis 14.00 Uhr und 17.30 bis 20.30 Uhr

Anreise

"Die kleine Gemeinde Scheffau liegt ziemlich genau zwischen Lindau am Bodensee und Oberstaufen und ist am besten mit dem Auto erreichbar. Busse fahren unregelmäßig und eine Zugstrecke liegt nicht in der näheren Umgebung. Die Anreise aus München über die A96 dauert rund zwei Stunden."

Freizeittipp: Bauernhof und Hofladen der Familie Heim

"Nur wenige Gehminuten entfernt befindet sich der BIO-zertifizierte Bauernhof der Familie Heim. Hier können im sogenannten 'Hoflädele' verschiedene Allgäuer Spezialitäten wie Käse, Honig, Eier oder Nudeln käuflich und kontaktlos erworben werden.
Auch die Grenze zu Österreich ist zu Fuß erreichbar und Freunde des Bergsports können die Gipfel des Hirsch- oder Sulzbergs in weniger als zwei Stunden erreichen. Wer auf Käse und Berge steht, wird im Allgäu nicht lange nach einer Freizeitbeschäftigung suchen müssen."

Fazit:

"Wer sich in einem bayerischen Dorf integrieren will, braucht mehr als Geld und ein Trachtengewand. Gerade deshalb freut es mich, dass Christian und seine Familie einen Ort geschaffen haben, an dem Wirtsleute und Gäste jeden Tag voneinander lernen. Hier wird die ökologische Philosophie nicht nur gepredigt, sondern gelebt und zwar ohne den Hippie-Batik-Stempel von damals. Eine urige Einrichtung trifft auf ein modernes Küchenkonzept, das die alten Werte hochleben lässt. Ein Geheimtipp in der Region!"

Andi Christl, Wirtshausexperte


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