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Psychologie Wie viele Weihnachtsgeschenke sind für Kinder sinnvoll?

Geschenke unterm Weihnachtsbaum bereiten den Beschenkten nicht immer nur Freude, sondern bergen auch Konfliktpotential. Die Oma findet, die Enkel werden mit Geschenken überhäuft, das Enkelkind weint, weil es das falsche Geschenk bekam und überhaupt: Wie viele Geschenke sind eigentlich noch "gesund"? Tipps von Familientherapeutin Birgit Salewski.

Stand: 04.12.2018

Ein Junge und ein Mädchen packen vor dem Weihnachtsbaum Geschenke aus. | Bild: picture-alliance/dpa

Wie viele Geschenke machen Sinn?

"Manchmal ist weniger mehr. Besonders jüngere Kinder sind von zu vielen oder unpassenden Geschenken überfordert und frustriert. Es macht Sinn, sich vorab Gedanken zu machen und zu überlegen, was sich jemand wünscht oder was für das jeweilige Alter und auch die finanziellen Möglichkeiten in diesem Jahr angemessen ist. Viele Eltern überlegen vorab, von wem die Kinder alles um die Weihnachtszeit beschenkt werden und steuern den Fluss an Geschenken aktiv. Zum einen, damit es ein passendes Geschenk ist und zum anderen, damit es nicht zu viel wird. 3-4 Geschenke insgesamt sind völlig angemessen oder aber vielleicht nur ein großes Geschenk von allen zusammen."

Was könnten zu viele Geschenken bewirken?

"Kinder sind schlicht überfordert. Sie haben insgesamt nicht genügend Aufmerksamkeit für z. B. alle 15 Geschenke und sind vielleicht hin- und hergerissen. Vielleicht sind die Geschenke auch unbedacht zusammengehäuft und treffen gar nicht auf die Wünsche und Erwartungen der Kinder. Wie soll man sich da fühlen, wenn einem die Verwandtschaft überhäuft, aber scheinbar gar nicht weiß oder überlegt, was mich wirklich begeistern könnte? Vermutlich fühlt sich ein Kind nicht gesehen, sondern ‚zugeschenkt‘."

Welche konkreten Konflikte können auftreten?

"Kritisch wird es immer dann, wenn das Stresslevel bei den Eltern zu sehr steigt und sie das Gefühl haben, dass die Geschenke einfach zu teuer werden und sie das Geld momentan nicht haben. Oder wenn Konflikte entstehen, was von wem geschenkt werden soll. Da verliert das Schenken an Freude. Der zweite kritische Punkt ist, wenn man mit Geschenken vollkommen danebenliegt, z. B. einem Vierjährigen ein Smartphone für 500 Euro kauft oder dem Enkelkind ungefragt einen Hundewelpen zu Weihnachten überreicht. Die Kinder finden es vermutlich erstmal klasse, aber die Konflikte und Probleme in der Folge sind leider vorprogrammiert. Kinder, Jugendliche und Erwachsene freuen sich am meisten über Geschenke, wenn sie den Interessen und Möglichkeiten entsprechen oder eine positive Bereicherung sind. Solche sind z. B. Bücher oder Musik, die man selbst nicht kannte, durch die man aber angeregt wird, den eigenen Horizont zu erweitern. Ein dritter kritischer Punkt ist, wenn mit Geschenken ein anderer Zweck erfüllt werden soll: das schlechte Gewissen beruhigen, etwas gut machen oder Gegenliebe manipulieren. Wenn ein Geschenk also mehr sein soll, dann kann der Schuss nach hinten losgehen, denn diese Motive spürt das Gegenüber und kann sich so nicht unvoreingenommen über das Geschenk freuen. Lassen Sie sich auch nicht unter Druck setzen, Geschenke zu kaufen, von denen Sie selbst nicht überzeugt sind."

Macht ein Wunschzettel Sinn?

"Wunschzettel machen sogar sehr großen Sinn! Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen so, wirklich in sich hineinzuhorchen und zu überlegen, was sie sich wünschen. Wenn Kinder beispielsweise wissen, dass das Christkind nur drei Geschenke bringt, dann können sie ihren Eltern Hinweise geben, was ihnen wichtig wäre. Über die Gespräche erfahren Eltern und Verwandte dann vielleicht noch, warum die Kinder sich das eine oder andere wünschen. Weil es die beste Freundin schon hat oder, weil es den eigenen Interessen entspricht. Außerdem ist das Wunschzettelschreiben in vielen Familien ein schönes Ritual, das zu Weihnachten gehört. Natürlich dürfen Sie Ihre Kinder und Verwandten immer überraschen, das ist ja auch ein schöner und lebendiger Teil, der heute manchmal etwas zu kurz kommt."

Brauchen Kinder die Erfahrung, nicht alles zu bekommen, was sie sich gewünscht haben?

"Ich denke, Kinder müssen irgendwann die Erfahrung machen, dass nicht immer alles geht, aber ein bisschen eben zu Weihnachten schon. Wenn Geschenke ein so zentraler Bestandteil vom Weihnachtsfest in einer Familie sind, dann werden sie auch wichtig bleiben. Da ist die Gefahr dann groß, dass Geschenke enttäuschen. Das Fest und die Feiertage laden aber noch zu viel mehr ein, als nur zu schenken, z. B. gemeinsame Zeit und Unternehmungen, Rituale, bestimmte Musik und besonderes Essen."

Wie vermeide ich Enttäuschungen am Heilig Abend?

"Enttäuscht wird, wer zu hohe oder falsche Erwartungen hat. Eine gute und ausgewogene Planung hilft. Versuchen Sie, Stress zu reduzieren und planen Sie schöne Rituale wie Spaziergänge oder Unternehmungen genauso ein wie das gemeinsame Weihnachtsessen oder die Geschenke. Sprechen Sie über wichtige Themen im Vorfeld, z. B. über das Ausmaß an Geschenken, die Besuche von Verwandten etc. Weihnachten sollte ein freudiges und gemütliches Fest sein, doch viele Familien berichten hinterher von Stress und Konflikten. Vieles davon lässt sich im Vorfeld bestimmt planen."

Wie geht man bei der Bescherung am besten damit um, wenn beim Kind Tränen fließen?

"Kinder sind manchmal von der Spannung und Aufregung der Weihnachtstage erschöpft und vielleicht auch noch mit dem Ergebnis der Bescherung unzufrieden. Da gehen schon mal die Nerven mit ihnen durch. Hier hilft nur trösten, beistehen und etwas Ruhe oder Ablenkung. Gut ist es deshalb, wenn in den Weihnachtstagen auch noch schöne Programmpunkte geplant sind, die wieder Freude bereiten, dann bekommen Kinder einen Ausgleich."

Wie unterstützt man Kinder darin, selbst auch etwas zu verschenken?

"Am besten früh und mit großer Selbstverständlichkeit. Dazu gehört, dass man sich zum einen für Geschenke bedankt und die Geste würdigt, aber auch selbst schenkt. Kinder haben schon früh den Impuls, etwas zu geben, sei es Umarmungen, Gegenstände etc. Oft kommen Kinder ganz ohne Anlass und geben. Diese Geste gehört ebenso gewürdigt. Dazu kommt dann im Laufe des Älterwerdens das kulturell bei uns verankerte Schenken zum Geburtstag, zu Weihnachten oder auch zu anderen besonderen Anlässen. Hier kann man Kinder schon früh anhalten, selbst aktiv zu werden und im Rahmen ihrer Möglichkeiten etwas zu malen oder zu basteln. Die meisten Kinder beginnen ja auch in der Kita, für ihre Eltern zu den üblichen Festen etwas zu basteln. Das ist ein wichtiger Teil der Erziehung."


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