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Bücher Buchgeschenke für Weihnachten

Fehlt Ihnen noch die ein oder andere Geschenkidee für Weihnachten? Wie wäre es mit einem guten Buch? Buchhändlerin Sabine Abel stellt besondere Bücher vor, die sich hervorragend als Weihnachtsgeschenk eignen.

Stand: 07.12.2018

Buchcover: Geisterhäuser: Verlassene Orte in den Alpen von Stefan Hefele, Eugen E. Hüsler | Bild: Bruckmann Verlag

Für die Oma: Joseph, der schwarze Mozart von Jan Jacobs Mulder

Sabine Abel: "Jeder, der sich ein wenig für klassische Musik interessiert, kennt Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn oder Christoph Willibald Gluck. Fällt aber der Name Joseph Boulogne, runzeln die meisten verwundert die Stirn. Dabei war der begnadete Musiker vor allem Mozart oft genug Inspiration. Viel spannender als sein musikalisches Schaffen ist aber sein Leben und das beschreibt Jan Jacobs Mulder in seinem Roman wirklich beeindruckend:


Joseph wurde Mitte des 18. Jahrhunderts in den französischen Gebieten von Guadeloupe geboren. Sein Vater war Plantagenbesitzer, seine Mutter eine Sklavin. Joseph also ein nicht eheliches Kind ohne jedes Recht. Trotzdem erkennt sein Vater ihn an und schickt ihn ein paar Jahre später nach Frankreich.

In Paris angekommen, machte er sich schnell einen Ruf als großartiger Fechter. Bei den Frauen am Hof König Ludwigs XVI. sorgte er allein schon durch sein exotisches Aussehen für Aufregung. Er war einer von gerade mal 160 Schwarzen in Paris. Doch auch sein musikalisches Talent half ihm, sich in Paris einen Namen zu machen. Sein Geigenspiel galt als virtuos. Joseph war eine schillernde Gestalt der Pariser Gesellschaft. Als die Revolution in Frankreich wütete, Paris geplündert wurde und die Zeiten für Joseph immer unsicherer wurden, zog er sich langsam zurück und schrieb seine Memoiren.

Jan Jacob Mulder hat die Geschichte einer der spannendsten Figuren in der französischen Geschichte aufgeschrieben. Dieser historische Roman lässt seinen Helden immer wieder draufgängerisch erscheinen, andererseits ist er aber durch und durch Künstler. Er komponiert ohne Pause, versucht seine Kunst neben den großen Namen zu platzieren und ihr Unverwechselbarkeit zu verleihen.

Jan Jacobs Mulder hat mit diesem Roman eine Biographie geschrieben, bei der man sich als Leser sehr gern mit der Hauptfigur identifizieren möchte. Joseph ist immer auf der Seite der Schwächeren, kämpft für die Abschaffung der Sklaverei und sein Privatleben ist aufregend und geheimnisvoll. Trotzdem nagen die Selbstzweifel an ihm, er ist nie wirklich zufrieden mit sich. Mulder gelingt ein aufregender Roman bei dem die historischen Fakten bis ins Detail stimmen."

Für den Opa: Vor dem Anfang von Burghart Klaußner

Sabine Abel: "Schauplatz dieser Geschichte ist Berlin im April 1945. Der 2. Weltkrieg ist so gut wie vorbei. Trotzdem haben die Befehlshaber in Deutschland noch nicht kapituliert. Sie versuchen mit allen Mitteln den Ausgang des Krieges noch einmal zu ihren Gunsten zu entscheiden und ziehen jeden zum Militär ein, der sich nicht schnell genug verstecken kann. Hauptfiguren des Romans sind die beiden Männer Fritz und Schultz. Beide sind einfache Wehrmachtssoldaten und haben es während des Krieges vorgezogen, sich weit weg von den Gefahrenzonen aufzuhalten uns so bis dato einigermaßen geschafft, sich vom Schlimmsten fern zu halten. Jetzt aber sollen sie die Geldkassette ihrer Einheit zum Reichsluftfahrtministerium bringen. Zu diesem Zweck müssen sie einmal quer durch Berlin. Für diesen Höllentrip haben sie nur ihre alten, klapprigen Fahrräder. Vor der Stadt sind die Russen und die Amerikaner fliegen noch immer Luftangriffe und werfen im Stundentakt Bomben auf die Hauptstadt Hitlerdeutschlands. Und immer die Angst im Nacken, doch noch aufgegriffen zu werden und für die schon lange verlorene Sache kämpfen und sterben zu müssen. Zweifel kommen auf. Ist in der ominösen Kassette überhaupt noch Geld? Vielleicht werden sie noch wegen Diebstahls an die Wand gestellt?

Burghart Klaußners Geschichte ist eher eine Novelle als ein Roman. Er erzählt packend und spannend die Geschichte der beiden Männer Fritz und Schultz aus Berlin. In ganz ähnlicher Form könnte die Geschichte aber auch an jedem anderen Ort in Deutschland stattgefunden haben. Der Weg der beiden Männer wird mit vielen Rückblenden und Gedankenspielen beschrieben. "Was wäre geworden, wenn …". Trotz der sich politisch überschlagenden Ereignisse ist die Erzählung sehr ruhig. Trotzdem bleibt beim Lesen durchgehend eine Anspannung in der Magengrube.

Dieser Roman hat mir so besonders gut gefallen, weil man beim Lesen den Eindruck hat, wie durch eine Lupe auf einen ganz kleinen Teil der Geschichte Deutschlands aus dem Jahr 1945 zu schauen. Das Schicksal der beiden Männer steht für das Schicksal vieler, die sich einfach nur wünschen, dass der ganze Horror ein Ende hat. Die Bilder, die man beim Lesen sofort im Kopf hat, bleiben sehr lange im Gedächtnis."

Für die Mama: Ein Start ins Leben von Anita Brookner

Sabine Abel: "Kurz nach ihrem 40. Geburtstag sitzt Dr. Ruth Weiss an ihrem Schreibtisch und lässt ihr Leben Revue passieren. Wieso ist alles so gekommen? Was hat sie zu dem Menschen gemacht, der sie heute ist? Warum ist sie immer noch und immer wieder alleine? Trotz ihrer Karriere und ihrem attraktiven Aussehen lebt sie meistens ganz für sich und hat wenig mit ihren Mitmenschen zu tun. Von frühester Kindheit an lebt Ruth mit und in Büchern. Die Frauenfiguren der Weltliteratur haben es ihr schon immer angetan. Ihnen und ihren moralischen Ansprüchen will Ruth seit sie denken kann entsprechen. Sie geben ihr den Halt und die Antworten auf all ihre Fragen, sowohl in der Kindheit, als auch als junge Frau. In ihrer eigenen Familie wäre dazu niemand in der Lage gewesen oder hätte sich die Zeit dafür genommen.

Und während sie dasitzt und über ihr Leben nachdenkt, kommt ihr der zündende Gedanke: Die Heldinnen ihrer Bücher sind für das echte, moderne Leben absolut ungeeignet. Deshalb konnte sie sich gar nicht zu einer selbstbewussten, stabilen Frau entwickeln.

Anita Brookner erzählt in ihrem Roman die Geschichte einer Frau, deren einziger Halt die strenge Fürsorge ihrer Großmutter war. Deren Mutter als gescheiterte Schauspielerin dauernd mit sich selbst und ihren großen und kleinen Zipperlein beschäftigt war. Deren Vater ihre Mutter zwar sehr geliebt, die ein oder andere Fluchtmöglichkeit aber auch gern genutzt hat. In diesem Umfeld wuchs die kleine Ruth schon von Anfang an als Spielzeug der Erwachsenen auf. Ihre Interessen und Bedürfnisse mussten immer zurückstehen. Und diese Verhaltensmuster ziehen sich bis in ihr Erwachsenenleben durch. Kaum jemand in ihrer Familie nimmt Notiz von ihren literarischen Ambitionen oder schätzt ihre Karriere richtig ein. Immer noch lässt sie alles andere stehen und liegen, wenn ihre Eltern sie angeblich dringend brauchen.

Anita Brookner erzählt auch von den vielen Versuchen, Ruths sich den Eltern und deren kindischem Verhalten zu entziehen. Ruth reist zum Beispiel nach Paris, verliebt sich dort, kommt aber immer wieder nach Hause zurück, weil sie sich verpflichtet fühlt. Dr. Ruth Weiss ist eine schöne, sehr schlaue und auf den ersten Blick unabhängige Frau. Auf den zweiten Blick wird sie von all ihren vermeintlichen Verpflichtungen fast zerrissen.

Anita Brookner erzählt in diesem Buch, das schon 1981 erstmals erschien, die Lebensgeschichte einer modernen Frau und gleichzeitig die Geschichte einer Familie. Sie lässt den Leser tief in die Gefühlswelten ihrer Figuren blicken. Ironisch berichtet sie von den skurrilen zwischenmenschlichen Beziehungen in der Familie Weiss und lässt dabei immer wieder den sehr subjektiven Blick von Ruth das Geschehen beurteilen. Ein großes Lesevergnügen - nicht nur für Frauen!"

Für den Papa: Der Platz an der Sonne von Christian Torkler

Sabine Abel: "Dieser Roman ist eine klassische 'Was wäre wenn'-Geschichte. Der Leser muss sich in folgendes Szenario hineindenken:

Kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges entstand ein erneuter Konflikt, diesmal zwischen den Machtblöcken USA und Sowjetunion. Dieser Konflikt gab dem eh schon völlig zerstörten Europa den Rest. Deutschland zerfällt in mehrere kleine Staaten, die alle totalitär regiert werden. In den Jahrzehnten nach 1950 herrscht Chaos, Armut und politische Unsicherheit. Die Hauptfigur der Geschichte ist Josua Brenner. Er wird 1978 in Berlin geboren. Jahre später sitzt er in einem vergitterten Raum und schreibt seine Lebensgeschichte auf.

Schnell wird dem Leser klar, dass er sich in einem Europa wiederfindet, das den Beschreibungen eines Dritte Welt Landes entspricht. Die Not und das Elend sind überall zu spüren. Nach und nach erfährt man, wie es dazu kommen konnte. Und dieses Szenario wirkt nicht unrealistisch. Die Geschichte Deutschlands und Europas hätte sich auch in diese Richtung entwickeln können.

Josua Brenner versucht immer wieder in Berlin einen Weg zu finden, sich ein Auskommen zu sichern. Aber jedes Mal scheitert er an korrupten Beamten, Willkür und einer nicht

funktionsfähigen Infrastruktur. Bald wird klar, dass er nicht in Deutschland bleiben kann. Hier gibt es für ihn keine Zukunft. Also will er, wie viele andere Europäer auch, einen Neustart auf dem Afrikanischen Kontinent wagen. Dort, so hört man überall, ist ein gutes Leben mit ehrlichem Auskommen und einer guten Perspektive möglich. Doch Josua ist auch klar, dass dieser Weg ein sehr gefährlicher ist. Verzweifelt setzt er alles auf eine Karte und begibt sich auf eine ungewisse Reise.

Dieses Buch behandelt sehr eindrucksvoll die Geschichte unserer Zeit. Allerdings sind die Rollen vertauscht. Dadurch eröffnet sich dem Leser eine ganz andere Perspektive auf die Krisen der letzten Jahre und man fragt sich immer wieder: Was wäre denn, wenn man selbst in so eine Situation geraten würde? Was, wenn man selbst nicht in gesicherten Verhältnissen leben würde und jeden Tag um seine Sicherheit und sein Auskommen fürchten müsste? Christian Torkler schafft in seinem Buch eine Atmosphäre, die den Leser nachdenklich zurücklässt. Ein tolles, wichtiges Buch - nicht nur für Väter."

Für die Kinder bzw. die ganze Familie: Alle Abenteuer von Eduard Speck von John Saxby/Wolf Erlbruch

Sabine Abel: "Eduard Speck ist das einzige Schwein auf dem Bauernhof und hält sich selbst für etwas ganz Besonderes. Er ist aber ein schrecklicher Schussel und alle anderen finden, dass er ein arroganter, eingebildeter Schnösel ist. Alle Tiere, die es normalerweise auf einem Bauernhof gibt, spielen in dieser Geschichte mit und besetzen wichtige Rollen mit ihren jeweiligen speziellen Eigenschaften und Charakterzügen. Die Geschichten sind sehr skurril und voller Situationskomik und führen uns thematisch einmal durch das ganze Jahr und sind für alle Lebenslagen und Altersklassen geeignet.

Die Illustrationen von Wolf Erlbruch sind wunderbar. Besonders gut gefällt mir, wie die Mimik der Tiere dargestellt wird.

Die einzelnen Geschichten sind jeweils ca. 4 bis 5 Seiten lang."

Onkel, Tante und Freunde: Bildband: Hefele, Stefan; Hüsler, Eugen E.: Geisterhäuser

Buchcover: Geisterhäuser: Verlassene Orte in den Alpen von Stefan Hefele, Eugen E. Hüsler | Bild: Bruckmann Verlag

Sabine Abel: "Der preisgekrönte Landschaftsfotograf Stefan Hefele streift durch die Alpen und fotografiert Ruinen: verlassene Skischanzen, Fabriken, Villen. Jeder Ort hat seine eigene Geschichte, die Stefan Hefele in seinen Bildern erzählt. Da ist zum Beispiel eine Burg in den Südtiroler Alpen, die über Jahrhunderte hinweg einen Pass bewacht hat. Nach einem Angriff im Jahre 1909 bleibt sie halb zerstört auf 2016 Metern über dem Meeresspiegel zurück. Oder die wunderschöne Villa, deren Besitzer plötzlich verarmt den Norden Italiens verlassen und ihr Traumhaus zurücklassen mussten. Oft kommt einem beim Betrachten der verwunschenen Orte der Gedanke, warum denn diese wunderschönen Häuser, Schlösser Burgen so verfallen mussten, warum sich denn niemand mehr gefunden hat, der sich um sie kümmert.

Stefan Hefele hat aber auch ganze verlassene Dörfer gefunden und fotografiert. Diese erinnern manchmal fast an Filme aus dem wilden Westen und die Geisterstädte, die menschenleer und vom Wind zerzaust irgendwo in der Prärie stehen. Alte Fabrikhallen, nicht mehr befahrene Straßen und ehemalige Verkehrsadern durch die Alpen sind weitere Motive für das Fotografenteam. Neben den Fotos erfährt man vieles über die Geschichte dieser Orte. Jetzt hat die Natur sich diese Plätze zurückerobert. Und diesem Umstand verdanken die Bilder in diesem Buch auch seinen ganz eigenen Charme.

Stefan Hefele hat auf seiner Reise ganz besondere Orte in den Alpen fotografiert: historisch bedeutende, romantische, aber auch gruselige, angsteinflößende Plätze. Ganz nebenbei erfährt man deren Geschichte und damit auch die Geschichte der Besiedlung der Alpen. Sehr interessant und informativ."


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