BR Fernsehen - Wir in Bayern


8

Psychologie Vergeben lernen

Vom Partner betrogen, vom Kind hintergangen oder von der Freundin tief enttäuscht. Oft kommt dann der Satz: "Das verzeihe ich Dir nie!" Doch auch wenn der Weg zum Vergeben lang und hart sein mag, er lohnt sich. Denn wer vergibt, tut damit vor allem sich selbst einen Gefallen. Tipps von Familientherapeutin Birgit Salewski.

Stand: 18.02.2019

Eine Frau sitzt neben einem Mann, der betroffen auf sein Handy schaut. | Bild: picture-alliance/dpa

Familientherapeutin Birgit Salewski beantwortet Fragen rund um das Thema Vergeben.

Was ist das Schwierige am Vergeben?

Wenn wir jemandem etwas zu verzeihen oder zu vergeben haben, dann haben wir vorher Verletzungen und Kränkungen erlitten und zwar in bedeutsamem Ausmaß. Diese Wunden brauchen Zeit, Ruhe und positive Aufmerksamkeit, um zu heilen. Und meistens auch ein Verstehen, was genau passiert ist.

Drei Sachen machen es uns meiner Erfahrung nach schwer:

1. Vergeben ist nicht gleich Vergessen

Viele Menschen denken, dass das Vergeben bedeutet, den Menschen, der uns etwas angetan hat, von dem, was er getan hat, freizusprechen, nach dem Motto: Ich vergesse was passiert ist. Darum geht es aber nicht, denn die Vergangenheit kann man nicht mehr ändern. Ziel des Vergebens ist, dass ich als betroffene Person eine innere Unabhängigkeit von den Geschehnissen erlange und meine Energie auf das, was mir im Leben wichtig ist, richte und nicht auf das, was mir jemand angetan hat. Das macht frei. Deshalb darf ich das Verhalten des anderen trotzdem nicht richtig finden und meine Konsequenzen daraus ziehen.

2. Vergeben ist nicht gleich Versöhnen

Manchmal wird Vergeben mit Versöhnen verwechselt. Beim Vergeben entscheide ich selbst, wie ich mit der Situation umgehe. Bei einer Versöhnung im klassischen Sinne reichen sich zwei Menschen die Hände und schließen Frieden mit sich und den geschehenen Ereignissen. Es kann sein, dass es nicht zu einer Versöhnung kommt, weil ich oder die andere Person dazu keine Bereitschaft habe bzw. hat. Unabhängig davon kann ich mich aber selbst auf den Weg des Vergebens machen.

3. Mitverantwortung übernehmen

Hand aufs Herz: Was haben Sie selbst zu der entstandenen Situation beigetragen? Dieser Schritt der Selbstreflexion ist oft unangenehm, weil man sein Verhalten an den eigenen Maßstäben messen muss. Eine Möglichkeit zur Konfliktlösung ist, darüber nachzudenken und Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen. Manche Menschen scheuen diesen Weg aber und neigen dazu, die Schuld für das Geschehene ausschließlich bei anderen Personen oder dem Schicksal zu suchen. Durch diese Schuldzuweisung in Konflikten beschäftigt man sich somit mehr mit dem Außen als mit sich selbst. Das ist quasi ein Schutz vor der Auseinandersetzung mit sich selbst. Damit es an dieser Stelle nicht zu Missverständnissen kommt: Es gibt Verletzungen oder Handlungen, die einem jemand antut, an denen man aber keinerlei Mitverantwortung trägt. Diese Situationen sind hier nicht gemeint!

Warum tut man sich selbst einen Gefallen, wenn man jemandem vergibt?

Letztlich entsteht Freiheit. Und zwar die Freiheit darüber, selbst entscheiden zu dürfen und zu können, für was man seine Lebensenergie einsetzt. Einige Verletzungen brauchen wirklich viel Energie und Zeit zum Heilen, das sollten wir alle respektieren. Man kann sich auch unabhängiger von dem Verhalten anderer Menschen fühlen und bewusst andere Lebensbereiche fokussieren.

Wenn man z. B. von seinem Partner hintergangen wurde und sehr verletzt ist, darf man sich die nötige Zeit nehmen, um dies zu verarbeiten. Gleichzeitig darf man sich eine Offenheit anderen Menschen gegenüber behalten und Beziehungen eingehen und pflegen, auch wenn das Vertrauen in Menschen an einer Stelle stark erschüttert wurde. Nur weil sich der Ex-Partner einem gegenüber falsch benommen hat, muss man sich nicht die Erfahrung mit anderen Menschen nehmen. Vielleicht ist man anfänglich etwas vorsichtiger oder zunächst unsicherer.

Was sind wichtige Voraussetzungen oder Schritte dafür, jemandem zu vergeben?

Es braucht etwas Mut, sich noch einmal die Vergangenheit anzusehen und sich dessen bewusst zu werden, was einem selbst passiert ist. Verdrängen oder nicht Hinsehen scheint oft leichter. Denn wenn man sich klar wird, was man in seinem Leben vergeben möchte, konfrontiert man sich quasi bewusst wieder mit Kränkungen, Verletzungen, Enttäuschungen, Schmerz, Wut, Scham und Hilflosigkeit. Das sind alles Gefühle, die sich nicht gut anfühlen.

Letztlich muss man sich aber entscheiden, ob man sich aus der Verstrickung der Vergangenheit lösen möchte - mit allen Vor- und Nachteilen. Unsere Vergangenheit und Herkunft ist persönlichkeitsbildend und oft sinnstiftend, also ein großer Teil unserer Identität. Es kann verunsichern, wenn man das Vertraute verlässt und sich damit auseinandersetzen muss, was man stattdessen in seinem Leben hätte.

Vielen Menschen hilft es auch, alles Erlebte aufzuschreiben und es sich von der Seele zu schreiben oder einen Brief an die betreffende Person zu richten, egal, ob man diesen jemals abschickt. Papier ist ein guter Zuhörer.

Kann man Vergeben lernen?

Vergeben lässt sich lernen. Man kann es leider auch verlernen, wenn man es nicht übt. Prinzipiell suchen wir Menschen nach Lösungen der Versöhnung und des Vergebens, so sind wir angelegt. Das heißt, wir alle haben eine Veranlagung, das soziale Miteinander nicht vorschnell auseinanderbrechen zu lassen. Wir investieren durch Verzeihen und Versöhnung in unsere Gesellschaft. Kinder sind beispielsweise sehr bereit, sich zu versöhnen und zu vertragen, da staunt man als Erwachsener oft. Im Erwachsenenleben sind die Konflikte oft komplexer und vielschichtiger, aber unsere eigentlich angelegte Bereitschaft dazu behalten wir uns und können diese nutzen.

Man spricht oft von "Altersgelassenheit". Heißt das auch, dass Ältere schneller bzw. leichter vergeben?

Ältere Menschen haben einfach mehr Lebenserfahrung. Sie kennen so unterschiedliche soziale Situationen und haben gelernt, dass Vergeben und Versöhnung gute Strategien sind für den eigenen inneren Frieden sowie das soziale Miteinander. Außerdem haben sie vielleicht erlebt, dass ihnen selbst schon einmal vergeben wurde und wie entlastend das sein kann.

"Die Zeit heilt alle Wunden" - je länger die Verletzung zurückliegt, desto größer ist wahrscheinlich die Bereitschaft, dem anderen zu verzeihen, oder?

Ja und nein. Zeit und Abstand helfen, das ist einfach so. Jedoch kann über die Zeit auch eine Dynamik aufrecht erhalten bleiben, die eine Heilung verhindert. Dann verändert sich nichts zum Guten, manchmal wird es sogar schlimmer, z. B. wenn ich mir vornehme, mich zu rächen. Dann verstrickt man sich immer weiter mit dem Menschen, der einem Leid zugefügt hat.

Gibt es auch Taten, die einfach "unverzeihlich" sind?

Aus meiner bisherigen Erfahrung denke ich, es gibt Taten, die so viel Leid und Schmerz verursachen und so viel Schaden anrichten, dass es zu Recht ein Strafgesetzbuch gibt. Außerdem kann mich in einem freien Land niemand zwingen, einen bestimmten Menschen in meinem Leben jemals wieder zu sehen, egal wie sehr er sich vielleicht auch bemüht. Trotzdem hilft es den Betroffenen, nicht weiter nur den Schmerz und das Leid zu empfinden. Es braucht auch Raum für die aktive Suche nach dem Lebenswerten und dem Guten und man sollte dies auch einfordern.

Sich selbst zu verzeihen - ist das schwieriger oder leichter?

Das kommt immer darauf an. Letztlich ist dies aber ein wichtiger Punkt: Auch ich selbst mache Fehler, bin nicht perfekt etc. Sich selbst zu vergeben, aber auch die richtigen Lehren aus den Ereignissen zu ziehen, ist wichtig. Viele Menschen neigen zur Selbstbestrafung: Weil ich dies und jenes gemacht habe, darf ich nicht mehr glücklich sein. Diese Dynamik passiert oft unbewusst und blockiert und schadet einem, da die Energie in die eigene Selbstbestrafung fließt. Hier ist eine hohe Selbstreflexion notwendig oder die Rückmeldung von guten Freunden.

Hast Du Tipps für all jene, die zwar gerne verzeihen wollen, aber immer noch einen so starken Groll empfinden?

Gehen Sie es an! Sie brauchen das Verhalten des anderen Menschen nicht gutzuheißen und nicht zu rechtfertigen. Aber Sie dürfen Ihren Frieden mit Ihrer Vergangenheit machen und sich ein Stück Lebensenergie zurückholen.

Und: Üben Sie sich im Verzeihen und Versöhnen in den kleinen Dingen des Alltags - mit ihren Mitmenschen, Ihrer Familie, Ihren Arbeitskollegen. Es wird das Zusammensein sehr viel einfacher und friedlicher machen und Sie werden sich besser fühlen. Dazu gehört übrigens auch, dass man sich bei Fehlern entschuldigt und Wiedergutmachung leistet oder dies auch von anderen Menschen einfordert. Verzeihen bedeutet nicht, dass man alles mit sich machen lässt, sondern dass man auch konsequent Grenzen aufzeigt.


8