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Psychologie Ich bin für Dich da - richtig trösten

Der Partner hat eine schlimme Diagnose bekommen, der Bruder Liebeskummer oder die Freundin einen Schicksalsschlag zu verkraften. Jemandem Trost zu schenken, der in einer schwierigen Situation steckt, ist gar nicht so einfach. Familientherapeutin Birgit Salewski gibt Tipps, wie wir Freunde oder Familienangehörige trösten können.

Stand: 21.11.2018

Eine Frau tröstet ihre Freundin. | Bild: picture-alliance/dpa

Was ist wichtig zu verstehen, wenn es um das Trösten geht?

Wenn Familienangehörige, Partner oder Freunde mit einem Schicksalsschlag konfrontiert sind, reagieren wir als Angehörige oder Freunde sehr stark darauf, da wir mitfühlen. Es ist eine natürliche Reaktion von uns Menschen, dass uns Freud und Leid von uns Nahestehenden besonders unter die Haut gehen. Wenn es um Themen wie Trauer, Verlust, Krankheit oder Verzweiflung geht, ist uns allen klar, dass dies sehr starke und keine angenehmen Gefühle sind. Diese Welle an starken, negativen Emotionen und unbekannten Reaktionen eines Menschen im Schockzustand oder eines Trauernden, führt oft bei Angehörigen zu Überforderung, Erschrecken oder Hilflosigkeit.

Im Umgang mit der eigenen Hilflosigkeit und Überforderung entstehen häufig typische Trostmuster, die oftmals unbewusst in Erscheinung treten und oft unangemessen sind. Diese sind: übertriebener Aktionismus, zu viel Mitleid, eine Art Beschwichtigung oder sogar Ignoranz. Manche Angehörige sind derart überfordert, dass sie sich zurückziehen und den Kontakt abbrechen.

Woran erkenne ich, welche die richtige "Strategie" ist, mit dem Betroffenen umzugehen?

Im Grunde sind drei Dinge besonders wichtig:

  • Vermitteln Sie, dass Sie da sind und zeigen Sie physische Präsenz. Das ist mehr, als nur pauschal Hilfe anzubieten. Erkundigen Sie sich aktiv, schauen Sie vorbei, werden Sie aktiv. Das kann auch heißen, dass man einfach nur schweigend in der Wohnung sitzt und dem anderen so zeigt, dass man an seiner Seite ist.
  • Damit Hilfe angemessen sein kann, ist es wichtig, den Betroffenen zu fragen, was er oder sie konkret braucht. Häufig treffen Menschen im Schockzustand oder in tiefer Verzweiflung/Trauer dazu aber keine Aussagen, was wiederum ganz normal ist. Lassen Sie sich davon nicht verunsichern, sondern machen Sie dann mit „ruhigem Menschenverstand“ das Notwendige, z. B.:
  • Ist für Essen und Schlaf gesorgt?
  • Müssen Kinder oder Tiere versorgt werden?
  • Gibt es (z. B. bei Trauerfällen) dringende Erledigungen wie die Organisation einer Beerdigung?

Hier kann man sich in der Familie, im Freundeskreis zusammentun und wichtige Aufgaben besprechen.

  • Wichtig ist es, die eigenen Gefühle zu reflektieren und im Handeln immer wieder zu überlegen, was im Sinne des Partners oder Freundes nun am hilfreichsten wäre. Gehen Sie nicht so sehr von sich selbst aus, da Menschen in Ausnahmesituationen unterschiedlich sind.

Was sollte man auf keinen Fall sagen?

Phrasen wie "Das wird schon wieder!", "Stell Dich nicht so an!", "Es hat ja vielleicht auch etwas Gutes!", "Bei mir war es so, dass …" sind nur wieder Ausdruck der eigenen Hilflosigkeit und Überforderung. Wenn ein Betroffener selbst irgendwann solche Erkenntnisse über ein Ereignis hat, ist dies etwas Anderes. Aber in der Regel erreichen wir hiermit nur, dass sich Betroffene in ihrem Schmerz und in ihrem Leid nicht beachtet und "nicht richtig“ fühlen.

Hilfreiche Sätze sind, z. B.:

  • "Ich bin an Deiner Seite!"
  • "Ich halte das mit Dir aus!"
  • "Ich glaube an Deine Stärke, dass Du diese Situation durchleben kannst!"
  • "Ich interessiere mich für Dich und wie es Dir geht."

Sollte man als Tröstender besser mehr oder weniger reden?

Reflektieren Sie Ihre Motive, etwas zu sagen! Halten Sie selbst die Stille nicht aus, die aber ein Betroffener gerade braucht? Wollen Sie viel reden, um sich selbst etwas von der Seele zu reden? Achten Sie einfach mehr auf die Bedürfnisse des Gegenübers und die Reaktionen, wenn Sie reden. Manchmal wollen Betroffene auch etwas von Ihnen hören, Ihre Stimme, etwas aus der Zeitung vorgelesen bekommen oder tatsächlich abgelenkt werden.

Wie wichtig ist Ehrlichkeit beim Trösten?

Ehrlichkeit im Sinne einer aufrichtigen Anteilnahme ist natürlich völlig in Ordnung. Auch wenn man selbst hilflos und überfordert ist, kann man das zum Ausdruck bringen: "Ich bin selbst gerade überfordert und weiß selbst nicht, was ich genau für Dich tun kann. Aber ich bleibe bei Dir und an Deiner Seite."

Wenn der oder die Betroffene sich zurückzieht - Sollte man dennoch Kontakt halten und dranbleiben oder sich besser eine Zeit zurückziehen?

Das kommt darauf an, wie nahe man einer Person steht. Auch hier gilt: Sprechen Sie sich mit anderen dazu ab und teilen Sie Ihre Erfahrung und Wahrnehmungen. Sozialer Rückzug ist erstmal eine normale Reaktion, jedoch sollten die wichtigsten Menschen aktiv in Beziehung bleiben und versuchen, den Kontakt zu halten. Gerade wenn jemand alleine lebt, ist es wichtig, vorbeizuschauen und so auch körperliche Präsenz zu zeigen. Vermitteln Sie dem Menschen: Auch, wenn Du gerade niemanden sehen willst, ich habe Interesse an Dir und ich bleibe da!

Gibt es Alarmzeichen, auf die man als Tröstender achten sollte, wann man professionelle Hilfe hinzuziehen sollte?

Ein anfänglicher Schockzustand sollte sich immer in den ersten Tagen verändern und deutlich abmildern. Trauer und die Verarbeitung dessen ist ein Prozess. Sie werden unterschiedlichste Emotionen, Zustände, Äußerungen und dies alles auch in einem schnellen Wechsel erleben können. Menschen sind manchmal außer sich, weinen und schreien, andere werden ganz still und ruhig und wirken wie versteinert.

Wenn es anfänglich zu Appetit- und Schlaflosigkeit kommt, ist das ganz normal. Wenn Sie aber das Gefühl haben, dass sich dieser Zustand nicht verändert, sollten Sie aktiv werden. Ebenso bei Äußerungen, die in Richtung Suizidalität gehen, oder dass man jemanden verletzen möchte. Hier ist dringend Hilfe angezeigt. Ebenso wenn vermehrt Alkohol, Drogen oder Tabletten konsumiert werden.


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