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Allgemeinmedizin Telemedizin - gesund per Telefon?

Im Mai vergangenen Jahres hat der Deutsche Ärztetag das sogenannte Fernbehandlungsverbot aufgehoben. Ärzte dürfen nun auch Diagnosen per Telefon, Video- oder Onlinesprechstunde stellen, ohne den Patienten jemals zuvor persönlich kennengelernt zu haben. Allgemeinarzt Dr. Klaus Tiedemann klärt über die Vor- und Nachteile der Telemedizin auf.

Stand: 01.01.2019

Patientin lässt sich per Videochat von einer Ärztin beraten | Bild: Picture Alliance

Telemedizin

Telemedizin ist ein Sammelbegriff für verschiedene ärztliche Versorgungskonzepte, bei denen Arzt und Patient nicht persönlich aufeinandertreffen. Die Diagnose/Beratung kann u. a. per Telefon, Videochat oder App erfolgen, wenn der Arzt das für vertretbar hält. Falls nach Einschätzung des Arztes nötig, wird er dem Patienten raten, zur persönlichen Untersuchung vorbeizukommen bzw. sich bei einem Facharzt vorzustellen oder den Notarzt zu rufen.

Digitale Ferndiagnosen waren bis Mai vergangenen Jahres - mit wenigen Ausnahmen (z. B. Bereitschaftsdienst) - nur erlaubt, wenn der Patient den Arzt zuvor mindestens einmal persönlich konsultiert hatte. Dieses sogenannte Fernbehandlungsverbot wurde nun aufgehoben.

Telemedizinische Behandlungen können sowohl beim Hausarzt, als auch beim Facharzt zum Einsatz kommen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass medizinische Fachangestellte zu Hausbesuchen fahren und Verbände wechseln, Blut abnehmen usw. und die Befunde in die Praxis des Hausarztes schicken bzw. - wenn nötig - diesen per Videokonferenz zuschalten. Das macht v. a. in ländlichen Gegenden Sinn, bei denen Hausärzte für Hausbesuche weite Strecken zurücklegen müssen und zudem Ärztemangel herrscht.

Darüber hinaus gibt es Pilotprojekte (z. B. Docdirekt), bei denen Patienten in speziellen Zentren per Videochat durch Telemediziner beraten werden. Zunächst erfragt ein medizinischer Fachangestellter die Symptome. Er entscheidet daraufhin, ob ein Telearzt zurückruft, der Patient an einen niedergelassenen Arzt verwiesen wird, oder - in lebensbedrohlichen Fällen - der Rettungsdienst verständigt wird.

Vorteile der Telemedizin

  • keine langen Wartezeiten im Wartezimmer
  • kein Ansteckungsrisiko im Wartezimmer
  • keine weiten Wege (vor allem in ländlichen Gegenden)
  • Entlastung der Arztpraxen. Nach Dr. Klaus Tiedemanns Erfahrung benötigen nur 30 Prozent der Patienten, die eine Arztpraxis aufsuchen, wirklich einen Arzt. Könnte diesen z. B. mit einer Telefonsprechstunde geholfen werden, hätten die Ärzte in ihren Praxen mehr Zeit für Schwerkranke.
  • Entlastung von Bereitschaftsdiensten. Nach Dr. Klaus Tiedemanns Erfahrung benötigen nur 50 Prozent der Patienten, die eine Bereitschaftspraxis aufsuchen oder den Bereitschaftsdienst rufen, wirklich einen Arzt. Allen anderen könnte mit einer Ferndiagnose via Videosprechstunde oder Telefon geholfen werden.
  • Entlastung der Hausärzte bei Hausbesuchen: Gerade in ländlichen Gegenden müssen Hausärzte weite Strecken für Hausbesuche zurücklegen. Ein Teil davon könnte eingespart werden.
  • Bei "schambehafteten" Themen (z. B. Erektionsstörungen) geringere Hemmschwelle, einen Arzt zu kontaktieren.

Nachteile

  • Krankheiten können bei der persönlichen Untersuchung besser diagnostiziert werden. Nach der Erfahrung von Dr. Klaus Tiedemann trifft seine Verdachtsdiagnose (vor der Untersuchung allein durch Beschreiben der Symptome) nur in 90 Prozent der Fälle zu. Eine Ferndiagnose mit Bildübertragung (Videochat oder Versenden eines Fotos) erhöht die Treffsicherheit allerdings.
  • V. a. ältere Patienten sind eventuell mit der Technik (Apps, Onlinechat) überfordert.

Fazit

Die Aufhebung des Fernbehandlungsverbotes war dringend notwendig, denn der Ärztemangel wird immer gravierender, vor allem in ländlichen Gegenden. Telemedizin ist eine sinnvolle Ergänzung, kann aber in vielen Fällen nicht die persönliche Untersuchung ersetzen.


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