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Familie Schulkindern den Leistungsdruck nehmen

Leistungsdruck ist eines der Schlagworte unserer Zeit. Wir alle kennen diesen Druck, vor allem aus dem beruflichen Alltag. Doch man muss nicht erst im Berufsleben stehen, um diesem Leistungsdruck ausgesetzt zu sein - unsere Kinder stehen zunehmend unter demselben Druck: in der Schule.

Stand: 22.10.2019

Schulkindern den Leistungsdruck nehmen, Kinder sitzen in Schulbank | Bild: Colourbox

Bereits im Vorschulalter können Kinder Leistungsdruck ausgesetzt sein - woran liegt das?

Die meisten Eltern haben heute das Gefühl, dass ihre Kinder in dieser Leistungsgesellschaft nur mit Top-Leistungen bestehen können. Alles andere scheint wertlos. Wer nicht der Erste ist, ist der Verlierer. Die Angst, dass die Kinder oder die Familie sozial absteigen oder nicht weiter aufsteigen könnten, ist groß. Und Aufstieg oder zumindest Erhalt des sozialen Status ist heute gedanklich mit viel Leistung, stetiger Performance und Mithalten verbunden. Das Vertrauen, dass jeder seinen Platz, seine Aufgabe und auch sein Auskommen findet, ist geschwunden.

Wo sind die Ursachen zu suchen?

Wo immer wir hinhören, geht es noch überwiegend ums Weiterkommen, besser werden, Hindernisse überwinden und Optimieren. Unsere gesellschaftliche Entwicklung schreitet rasant voran - wobei - tut sie das wirklich? Oder wird uns nur vermittelt, dass sie das täte? Allein schon um diese Unterscheidung treffen zu können, müsste ich Zeit zum Nachdenken haben. Phasen der Ruhe, des Ausgleichs, der Reflektion oder der Langeweile kommen allerdings in unserem Leben, aber auch im Kinderleben, seltener vor. Alles wird durchstrukturiert, geplant und so getaktet, dass möglichst viel aus der Zeit rausgeholt wird: Jeder Urlaub, jede Yogastunde, jeder freie Tag und jeder Kindergeburtstag. Wer heute ein Wochenende zu Hause kruschelt oder sich einfach ein bisschen treiben lässt, gilt als faul und antriebslos. Wenn Kinder Langeweile haben oder ein bisschen tagträumen, machen sich die Eltern Sorgen, ob mit ihnen etwas nicht stimmt. Dem Ganzen liegt mittlerweile eine große Wertigkeit zu Grunde, die heute auch den Selbstwert stark mitbestimmt: Wenn ich leiste, bin ich ein guter Mensch, ein gutes Kind. Wenn ich das gerade nicht will oder kann, dann muss ich mich schämen.

Hat sich der Leistungsdruck auf Schulkindern gesteigert?

Der Druck heute ist ein anderer als noch vor 20 Jahren. Kinder und Jugendliche zeigen heute Überlastungssymptome, die oft aus dem schulischen Druck entstehen. Aber es gibt auch andere Belastungen, z. B. die Trennung der Eltern oder wenn Oma oder Opa sterben, die dann dazu führen, dass die schulischen Leistungen nachlassen. Da darf man der Schule gegenüber nicht ungerecht werden und muss genau hinsehen.

Welche Symptome können auftreten?

Erste Symptome sind immer Niedergeschlagenheit, häufigeres Weinen, veränderter Appetit und Essverhalten, sozialer Rückzug, schlechter Schlaf und Müdigkeit, gereizt sein und natürlich Bauchweh und Kopfweh. Kinder können oft nicht umschreiben, was sie tatsächlich belastet oder haben niemanden an ihrer Seite, dem sie sich wirklich anvertrauen könnten. Daher muss man bei Kindern öfter hinsehen und dranbleiben, bis man hinter einem "Bauchweh" psychische Belastungen bzw. Erschöpfung erkennt.

Gibt es "Burnout" auch bei Kindern?

Dieser Krankheitsbegriff wird bei Kindern nicht verwendet - man spricht hier von einer sogenannten "Erschöpfungsdepression" - und meint damit dasselbe.

Was kann ich tun, wenn ich merke, dass mein Kind es nicht mehr schafft?

Kinder brauchen altersangemessene Förderung und Forderung und eine gute, strapazierfähige Beziehung zu ihren Eltern. Alles, was übers Ziel hinausschießt in Sachen Forderung, darf für eine Zeit getrost weggelassen werden, um Kinder zu entlasten. Z. B. der Druck, bestimmte Zensuren nach Hause zu bringen. Unterstützen Sie Ihr Kind, angstfrei und ohne Bauchweh in die Schule zu gehen und stellen Sie die Noten erstmal hinten an. Wenn das Kind wieder innerlich zur Ruhe gekommen ist und sich orientiert hat, können die nächsten Schritte gegangen werden. Auch braucht ein Kind nicht zwei Instrumente lernen und noch drei Hobbys pflegen. Lassen Sie den Kindern Zeit, die Welt selbst zu entdecken, Freunde zu treffen, sich auch mal zu langweilen und kreativ zu werden.

Und ganz wichtig: Machen Sie dem Kind keine Vorwürfe, sondern signalisieren Sie ihm, dass es liebenswert und gewollt ist - egal, wie es gerade in der Schule oder im Spitzensport läuft. Kinder leiden sehr darunter, wenn sie von Eltern nur wegen ihrer Leistungen oder ihrer Nicht-Leistung beurteilt und verurteilt werden.

Wie kann ich einschätzen, ob ich von meinem Kind zu viel verlange?

Hören Sie auf den Rat der Lehrer. Es ist der Job der Schule, das Leistungsvermögen und den Entwicklungsstand der Kinder einzuschätzen und Ihnen als Eltern eine Rückmeldung zu geben. Und informieren Sie sich, welche alternativen Bildungswege es gibt, damit man als Eltern nicht so voreingenommen und festgelegt ist.

Wie kann ich meinem Kind am besten helfen?

Ganz banal: Indem Sie den Leistungsdruck von Ihrem Kind nehmen! Und natürlich, indem man Kindern vermittelt, dass Schule zwar wichtig ist, aber eben nicht alles im Leben. Freundschaften, Hobbys, ein schönes und zugewandtes Familienleben und die Entfaltung der Persönlichkeit sind ebenso wichtig und erstrebenswert. Wenn man das den Kindern vorlebt, werden sie es auch glauben.


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