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Recht Steht Ihnen nach einem Auffahrunfall Schmerzensgeld zu?

Auffahrunfälle gehören zu den häufigsten Unfallarten mit Personenschaden in Deutschland. Während sich der Blechschaden relativ einfach und konkret beziffern lässt, verhält es sich mit den physischen und psychischen Folgen der geschädigten Person komplizierter. Was hier im Schadensfall alles zu beachten ist und wie Sie als geschädigte Person an Ihr Schmerzensgeld kommen, erklärt Rechtsanwalt Markus Saller.

Stand: 15.06.2020

Markus Saller, Rechtsanwalt | Bild: BR

Bei einem Auffahrunfall können auf den Körper der geschädigten Person immense Kräfte einwirken. Verletzungen am Kopf, der Brust oder der Wirbelsäule sind die Folgen. Um diese immateriellen Schäden nach einem Auffahrunfall zumindest monetär auszugleichen, kann die geschädigte Person gemäß § 253 BGB Schmerzensgeld verlangen. Dabei gilt es allerdings einiges zu beachten.

Dokumentieren Sie alles genau

Wenn Sie als geschädigte Person Schmerzensgeld einfordern möchten, müssen Sie nachweisen können, dass der Auffahrunfall die Ursache für Ihre physischen und psychischen Schäden war. Deshalb sollten sie, sofern es die Umstände am Unfallort zulassen, ...

  • Ihre Verletzungen der Polizei vor Ort zu Protokoll geben
  • Unfallzeugen notieren
  • umgehend einen Arzt aufsuchen, der Ihre Verletzungen dokumentiert
  • und ggf. Familie, Freund*innen, Arbeitskolleg*innen bitten, die Auswirkungen des Unfalls auf Ihren Alltag zu beschreiben.

Habe ich überhaupt Anspruch auf Schmerzensgeld?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Leichte Verletzungen, wie z. B. Schürfwunden oder blaue Flecken, begründen keinen Anspruch. Passiert der Auffahrunfall bei einer Geschwindigkeit von unter 10 km/h, greift die sogenannte "Bagatellgrenze". Hier wird davon ausgegangen, dass bei einer derart niedrigen Geschwindigkeit schwere Verletzungen ausgeschlossen werden können. Es lohnt sich aber ggf. eine Einzelfallprüfung.

Ansonsten gilt aber: Haben Sie erhebliche Verletzungen an Körper oder Geist erlitten und können Sie nachweisen, dass der Auffahrunfall die Ursache hierfür war, und dass Ihre Lebensqualität maßgeblich beeinträchtigt wurde (z. B. durch einen hohen Therapieaufwand, Arbeitsausfall, etc.), haben Sie Anspruch auf Schmerzensgeld.

Schmerzensgeld in voller Höhe gibt es aber nur, wenn Sie selbst an den Schäden kein Verschulden trifft. Haben Sie beispielsweise als letztes Auto im Stau keinen Warnblinker gesetzt und ein anderes Auto fährt Ihnen auf, haben Sie keinen 100%igen Anspruch mehr. Es trifft Sie dann ein sogenanntes Mitverschulden, weswegen Sie anteilig mithaften. Wie hoch Ihre Mithaftungsquote ist, wird im Einzelfall überprüft.

Verschulden muss auch beim Unfallverursacher vorliegen, indem dieser entweder fahrlässig (z. B. Unaufmerksamkeit) oder vorsätzlich (z. B. unter Alkoholeinfluss) gehandelt haben muss.

Mit wie viel Schmerzensgeld darf ich rechnen?

Diese Frage lässt sich selbstverständlich nicht pauschal beantworten. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle: das Ausmaß der physischen und psychischen Folgen, die Notwendigkeit, Anzahl und Umfang von Operationen, die Dauer der Behandlung, Krankenhausaufenthalte, die Auswirkungen auf Alltag und Beruf, wie lange Sie arbeitsunfähig waren, ob Sie chronische Leiden haben oder Folgeschäden, wie z. B. entstellte Körperteile (woraus wiederum psychische Belastungen resultieren können), etc.

Letztendlich hängt die Höhe von Schmerzensgeld von der Schwere und der Dauer der jeweiligen Beeinträchtigung ab. Das können ein paar hundert Euro oder unter Umständen mehrere hunderttausend Euro sein. Wenn man seine Diagnose kennt, können sogenannte Schmerzensgeldtabellen eine Orientierung sein, bei denen Gerichtsverfahren ausgewertet wurden. Letztlich unterliegt die Höhe des Schmerzensgeldes im Streitfall nämlich der richterlichen Schätzung. Zunächst sollten Sie dann versuchen, die Sache außergerichtlich zu klären.

Wie läuft eine außergerichtliche Einigung ab?

Das Schmerzensgeld wird grundsätzlich von der Kfz-Haftpflichtversicherung des Halters des Unfallfahrzeugs gezahlt. Als Pflichtversicherung haftet die Versicherung direkt, unabhängig davon, wer gefahren ist. Steht fest, dass der Fahrer des Unfallfahrzeugs schuldhaft gehandelt hat, so steht die Versicherung in der Pflicht. Hierfür muss sich aus dem Geschehensablauf z. B. ergeben, ...

  • dass der Fahrer abgelenkt oder unaufmerksam war
  • den notwendigen Sicherheitsabstand nicht eingehalten hat
  • oder sich nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung gehalten hat

Sie müssen sich dann mit einem Schmerzensgeldantrag an die gegnerische Versicherung wenden. Dieses Anschreiben darf formlos gehalten sein, sollte aber folgende Punkte beinhalten:

  • Ihre Anschrift
  • Anschrift der gegnerischen Versicherung
  • Name des Unfallverursachers
  • Ihr Anliegen (Schmerzensgeld)
  • Ihre Mithaftungsquote
  • Die Einschätzung eines angemessenen Schmerzensgelds
  • Fristbesetzung für dessen Auszahlung
  • Nachweise (ärztliche Atteste, Krankschreibungen, Arzt-/Krankenhausrechnungen, genaue Aufzeichnungen des Heilungsverlaufs mit Fotos, etc.)

Wenn es zu keiner Einigung kommt, müssen Sie Ihr Schmerzensgeld gerichtlich einklagen.

Wie klage ich Schmerzensgeld vor Gericht ein?

Wenn sie vor Gericht gehen möchten, sollten Sie folgende Schrittfolge beachten:

  • Klageschrift beim zuständigen Zivilgericht einreichen (bis 5.000 Euro Streitwert Amtsgericht, ab 5.000 Euro Landgericht, dann Anwaltszwang)
  • Gerichtskostenvorschuss zahlen (berechnet sich anhand des Streitwerts)
  • Beginn des Prozesses mit Zustellung der Schmerzensgeldklage an die gegnerische Partei
  • Verhandlung der Schmerzensgeldklage, Zusammentragen der Aussagen und Beweise
  • Urteilsverkündung mit konkreter Höhe des Schmerzensgelds
  • Auszahlung des Schmerzensgeldes innerhalb einer vom Gericht festgelegten Frist.

Ziehen Sie unbedingt einen Anwalt hinzu, sollte die Gegenseite nicht auf Ihre Forderungen eingehen! Steht die Verschuldensfrage fest, sollten Sie bereits außergerichtlich einen Anwalt hinzuziehen, weil dessen Kosten zu Ihrem Schaden gehören und von der Versicherung erstattet werden.

Wer übernimmt meine Anwalts- und Gerichtskosten?

Haben Sie vor Gericht Erfolg, muss die Gegenseite Ihre sämtlichen Anwalts- und Gerichtskosten übernehmen. Beim Nachweis der Schuld beider Parteien werden die Kosten anteilig erstattet: Beide Seiten, bzw. deren Versicherungen, erstatten der jeweils anderen prozentual den Anteil der Kosten, für den sie gemäß der Haftungsquote verantwortlich ist.

Übrigens: Bedürftigen Unfallopfern wird eine Verfahrenskostenhilfe zur finanziellen Unterstützung gewährt. Hierfür ist ein Nachweis notwendig, dass die Anwalts- und Gerichtskosten nicht aus eigener finanzieller Kraft aufgebracht werden können. Außergerichtlich gibt es die Möglichkeit, einen Beratungsschein beim Amtsgericht zu erhalten.

Wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, übernimmt diese ggf. die Kosten, das hängt von Ihrer individuellen Police ab.


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