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Allgemeinmedizin Unterschätzte Gefahr: Rezeptfreie Medikamente

Die meisten greifen ab und an oder sogar regelmäßig zu rezeptfreien Medikamenten. Was aber vielen nicht bewusst ist: Rezeptfrei bedeutet nicht nebenwirkungsfrei. Viele freiverkäufliche Arzneimittel sind nämlich alles andere als harmlos. Allgemeinarzt Dr. Klaus Tiedemann klärt über die Risiken und Nebenwirkungen rezeptfreier Medikamente auf.

Stand: 09.01.2020

Rezeptfreie Medikamente  in einer Apotheke  | Bild: picture-alliance/dpa /  Benjamin Nolte

Rezeptfreie Medikamente

Rezeptfreie Arzneimittel werden auch OTC-Produkte ("Over The Counter" = "Über den Ladentisch") genannt. Jeder bekommt sie ohne ärztliches Rezept in der Apotheke.

Um die Zulassung und Registrierung von Arzneimitteln kümmert sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Es entscheidet auch, ob Medikamente rezeptfrei verkauft werden dürfen. Die Zulassung eines Medikaments ist generell auf fünf Jahre beschränkt und wird dann erneut geprüft. Der Grund: An den klinischen Tests von Arzneimitteln nehmen relativ wenige Leute teil. Experten können deshalb nicht von Anfang an wissen, wie sicher ein Arzneimittel ist und welche Risiken es birgt. Wichtig sind deshalb Anwendungserfahrungen von Patienten.

Säureblocker (Protonenpumpenhemmer)

Viele Patienten, die unter Sodbrennen leiden, behandeln sich selbst mit freiverkäuflichen Säureblockern für den Magen, z. B. Omeprazol oder Pantoprazol. Diese hemmen die säurebildenden Magenzellen, so dass der Säurewert im Magen sinkt. Die regelmäßige Einnahme kann jedoch zu gravierenden Nebenwirkungen führen:

  • Nährstoffe werden schlechter aufgenommen, was u. a. zu Kalzium-, Magnesium- und Vitamin-B12-Mangel führen kann. Kalziummangel erhöht das Risiko für Knochenbrüche. Ein Mangel an Magnesium und Vitamin B 12 kann Konzentrationsstörungen, Blutarmut, Müdigkeit und Lähmungen verursachen.
  • Wird aufgrund von Säureblockern wenig Magensäure gebildet, besteht die Gefahr, dass schädliche Bakterien nicht abgetötet werden, was z. B. zu Durchfall führen kann.
  • Protonenpumpenhemmer stehen im Verdacht, das Herzinfarktrisiko zu erhöhen sowie die Leber und Nieren zu schädigen.
  • Zudem könnte es sein, dass Protonenpumpenhemmer bei älteren Menschen Demenz begünstigen.

Nehmen Sie daher Säureblocker ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt maximal eine Woche ein.

Iberogast

Das pflanzliche Medikament gegen Magen-Darm-Beschwerden enthält u. a. Schöllkraut, was zu Leberschäden bis hin zu Leberversagen führen kann.
Eine gute Alternative ist Gastrovegetalin, das kein Schöllkraut enthält.

Abschwellende Nasensprays

Abschwellende Nasensprays verengen die Gefäße in der Nasenschleimhaut. Das führt dazu, dass Schnupfengeplagte besser durchatmen können. Nach etwa einer Woche kehrt sich die Wirkung jedoch ins Gegenteil um: Die Schleimhäute schwellen stärker an und die Nase fühlt sich ständig verstopft an. Um die chronisch geschwollene Nase wieder frei zu bekommen, greifen viele Patienten immer häufiger zu Nasenspray. Ein Teufelskreis. Eine dauerhafte Verwendung kann zu irreparablen Schäden an der Nasenschleimhaut führen. Im schlimmsten Fall kann diese sogar absterben.
Deshalb: Wenden Sie Nasenspray nie länger als sieben Tage an.
Eine Alternative sind Nasensprays auf Kochsalz- oder Meersalzbasis. Diese befeuchten die Nasenschleimhaut, ohne sie zu schädigen.

Schlafmittel

Viele glauben, dass freiverkäufliche Schlafmittel, z. B. mit den Wirkstoffen Diphenhydramin oder Doxylaminsuccinat, harmlos sind. Dem ist aber nicht so. Selbst zehn Stunden nach der Einnahme kann die Reaktionsfähigkeit stark eingeschränkt sein sowie Benommenheit und Schwindel auftreten. Vor allem bei älteren Patienten besteht außerdem eine erhöhte Sturzgefahr. Zudem wirken sich diese Schlafmittel negativ auf den Erholungseffekt des Schlafes aus.
Pflanzliche Präparate (z. B. mit Hopfen oder Melisse) hingegen sind in der Regel unbedenklich.

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten

Auch frei verkäufliche Medikamente können Wechselwirkungen mit ärztlich verordneten Arzneimitteln haben, d. h. deren Wirkung verstärken bzw. aufheben. Sprechen Sie daher die Einnahme rezeptfreier Medikamente immer mit Ihrem Arzt ab. Und: Lesen Sie den Beipackzettel.


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