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Psychologie So meistern Sie Veränderungen in Ihrem Leben

Sind Sie mit Ihrem Leben, so wie es ist, glücklich und zufrieden? Oder möchten Sie am liebsten etwas ändern? Im Rahmen der ARD-Themenwoche #WIELEBEN - BLEIBT ALLES ANDERS stellen wir uns die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Familientherapeutin Birgit Salewski gibt Tipps, wie Sie - kleine und große, innere und äußere - Lebensveränderungen am besten meistern.

Stand: 15.11.2020

Ein Ortsschild mit der Aufschrift "Zukunft gestalten - Wie immer machen". | Bild: stock.adobe.com/Coloures-Pic

Im Laufe unseres Lebens durchlaufen wir alle Veränderungen. Wie lassen sich diese grundsätzlich unterscheiden?

"Grundsätzlich lassen sich Veränderungen unterscheiden in:

  • biologische/körperliche Veränderungen: Unser Körper ist in einem permanenten Veränderungsprozess. Ein ganz banales Beispiel wäre hier die Veränderung unserer Haut und der Haare im Laufe der Jahrzehnte, das kennt jeder von uns. Wenn wir uns die Entwicklung von Jugendlichen hin zu jungen Erwachsenen ansehen, wird noch deutlicher, wie umfassend sich Veränderungen in kurzer Zeit vollziehen können: Der Körper wird erwachsen, die Stimme verändert sich, die Hirnentwicklung macht noch einmal große Schritte, sozial und kognitiv verändert sich oft noch einmal sehr viel. Der junge Erwachsene ist nun von einem noch unselbstständigen Kind und teilselbstständigen Jugendlichen zu einem mündigen und voll entwickelten Erwachsenen geworden.
  • innere Veränderungen: Innere Veränderung meint eine Änderung von sich heraus. Das können Änderung in Einstellungen, Werten, Vorlieben, Lebensgewohnheiten oder ganzen Lebensentwürfen sein.
  • äußere Veränderungen: Wenn sich Lebensumstände von außen her verändern, oder sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen ändern, dann muss ich mich (gewollt oder ungewollt) mit diesen auseinandersetzen und mich an diese anpassen.

Veränderungen sind ein verlässlicher Teil des menschlichen Lebens mit Auswirkungen auf körperliche, soziale, psychische und auch kognitive Bereiche. Tatsächlich bemerken wir dies oft gar nicht wirklich, weil wir so sehr daran gewöhnt sind. So ergeben sich die biologischen/körperlichen Veränderungen zum Beispiel ganz natürlich aus der menschlichen Entwicklung vom Säugling zum Kind oder auch vom Jugendlichen zum Erwachsenen.
Grundsätzlich gibt es Veränderungen, die deutlicher und mit mehr Konsequenzen versehen sind als andere, möglicherweise unvorhergesehene oder schicksalshafte Veränderungen."

Wie kommt es zu den inneren Veränderungen?

"Innere Veränderungen entstehen zum einen durch unsere Entwicklung, indem wir uns immer wieder Antworten auf die wichtigen Fragen im Leben geben:

  • Wie und wo will ich leben?
  • Mit wem will ich leben?
  • Was will ich arbeiten?
  • Was bereitet mir Freude?
  • Was macht mich zufrieden?
  • Was stört mich in meinem Leben?

Darüber hinaus erleben wir manchmal einen inneren Drang zur Entwicklung, wenn wir merken, dass unser aktueller Lebensentwurf nicht mehr zu uns passt. Das heißt, die innere Bewertungen der jeweiligen Situation und das Erleben der Situation passen nicht mehr zusammen. Kurzum: Man wird unzufrieden.
Manche Menschen entscheiden sich (unbewusst) dafür, ein Auskommen mit ihrer Unzufriedenheit zu finden und verändern nichts. Dazu neigen Menschen, die möglicherweise zu wenig Möglichkeiten sehen oder denken, dass sie kein Recht auf Veränderung hätten. Das klingt komisch, kommt aber sehr häufig vor. Andere Menschen empfinden den Preis der Veränderung als zu hoch und entscheiden sich gegen eine Veränderung. Hier hat dann eine Abwägung stattgefunden, beispielsweise wenn man mit der Beziehung unzufrieden ist, gleichzeitig den Partner aber nicht verlassen möchte.
All das sind innere Prozesse, die in Veränderungen münden, manchmal in grundlegenden und lebensverändernden Entscheidungen (z. B. eine Familie gründen, eine neue Heimat finden, einen Berufswechsel wagen, einen Neubeginn starten oder eine Partnerschaft auflösen)."

Innere Veränderungsprozesse können nicht nur einen selbst, sondern auch das eigene Umfeld vor Herausforderungen stellen. Wie erklärt man diese Veränderungen Freunden und Familie?

"Es kann sein, dass ich damit zunächst mir nahestehende Menschen irritiere oder verletze. Nun ist die Frage, wie es weitergehen soll: Wenn die anstehende Veränderung wichtig für mich ist, werde ich kaum darum herumkommen, einen Umgang zu finden um die gewünschte Veränderung auch zu leben. Gleichzeitig ist die Frage, wie Beziehungen sich dadurch verändern und welche Herausforderungen auf mich zukommen. Da hilft nur das ruhige und erklärende Gespräch, auch hier bei Bedarf mit neutraler Begleitung.
Wenn sich Menschen aber dauerhaft gegen ihre innersten Bedürfnisse oder Sehnsüchte entscheiden, werden sie unzufrieden und leiden. Dann ist vielleicht das Umfeld zufrieden, weil sich ja scheinbar nichts verändert. Doch in Wirklichkeit verändert sich ein gemochter oder geliebter Mensch, denn er leidet daran, Veränderungen nicht leben zu können."

Wie verhält es sich mit den Veränderungen, die von außen kommen?

"Der andere Teil ist Veränderung, wo wir quasi auf äußere Bedingungen reagieren (müssen). Diese Veränderungen sind nicht immer gewollt oder gar willkommen. Wir brauchen jedoch einen Umgang damit und müssen für uns oft sehr schnell zu einer individuellen Einschätzung der Veränderung kommen, um dann entsprechend handeln zu können.
Letztendlich geht es darum, sich mit einer neuen Situation zu arrangieren und sich anzupassen. Damit meine ich nicht verbiegen, sondern eher eine akzeptierende Grundhaltung einzunehmen: Wenn ich äußere Umstände gerade nicht beeinflussen kann, dann kann ich deren Umstand zwar beklagen, doch dadurch verändern sich die Umstände nicht. Wenn ich die Umstände aber als gegeben akzeptiere, dann habe ich die Möglichkeit, einen Umgang damit zu finden."

Äußeren Veränderungen können auch negativ sein, z. B. die Corona-Pandemie, wenn sich der Partner von einem trennt oder der Job gekündigt wird. Mit welchen Strategien kann ich diese negativen, äußeren Veränderungen verarbeiten?

"Negative Veränderungen, denen man quasi ausgeliefert ist, fordern unsere Anpassungsfähigkeit enorm! Das kann eine echte Lebenskrise hervorrufen.
Eine hilfreiche Strategie besteht in solchen Situationen meiner Erfahrung nach aus drei wichtigen Komponenten:

  • Schaffen Sie sich schnell einen Überblick über die vorhandenen Möglichkeiten!

Orientierung gibt uns ein Gefühl von Handlungsfähigkeit und Sicherheit. So sind Sie nicht ausgeliefert und abhängig, sondern bleiben aktiv. Hier können Freunde und Familie oder auch ein neutraler Berater helfen, die Perspektiven aufzuzeigen und abzuwägen.

  • Nutzen Sie soziale Netzwerke!

Hier erhalten Sie emotionalen Rückhalt, Bestätigung und oft erste Hilfestellungen. Netzwerke wie Familie, Freunde, Kollegen, Beratungsangebote am Arbeitsplatz, Beratungsstellen, Sportkameraden können in Krisenzeiten sehr nützlich sein. Daher ist es wichtig, beidseitig Kontakt zu suchen und sich beizustehen. Wenn wir sehen, dass jemand in unserem Umfeld in einer solchen Lebenskrise ist, darf immer Unterstützung angeboten werden.

  • Achten Sie auf Routinen und Bewegung!!

Wenn das Leben aus den Fugen gerät, brauchen wir Routinen im Alltag, die uns Sicherheit und Stabilität geben. Daher ist es wichtig, schnell neue und einfache Routinen zu finden, die den Tag strukturieren. Wichtig ist zudem, dass auch für Abwechslung/Ablenkung sowie Ruhephasen gesorgt ist. Bewegung (Spaziergänge, Radfahren, Wandern, Gassi-Gehen, Gartenarbeit) hilft bei der Verarbeitung von emotionalem Stress. Der Körper verarbeitet besser, der Kreislauf wird ruhiger und stabiler, die Gedanken werden ruhiger und geordneter."

Wichtig: Prävention

In ruhigen Phasen des Lebens ist es wichtig, in diese drei Bereiche zu investieren, damit diese dann leichter verfügbar sind, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Also Prävention!

Veränderungen sind oftmals mit Unsicherheit und Kraftaufwand verbunden. Vor manchen Veränderungen hat man sogar Angst - warum eigentlich?

"Veränderungen kosten immer Kraft und Energie. Gleichzeitig wissen wir nie sicher, was nach der Veränderung kommt. Geht alles gut? Was passiert, wenn ich …? Habe ich an alles gedacht? Unser Körper und unser Geist haben oft ein Interesse daran, Energie zu sparen. Daher versuchen wir, manchen Veränderungen lieber aus dem Weg zu gehen und bleiben beim alt bewährten: Da kenne ich mich aus, da ist alles vorhersehbar und kontrollierbar und ich kann mich sicher fühlen.
Auch macht die Aussicht auf Veränderung oft Angst, sodass Menschen vorschnell zurückweichen ohne wirklich alle Möglichkeiten (siehe Punkt 1 der Bewältigung) genau betrachtet zu haben. Angst ist aber nur ein Gefühl und muss reflektiert werden:

  • Was ängstigt mich, was sind meine schlimmsten Befürchtungen?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass dies wirklich eintritt?
  • Was kann ich tun, damit diese Befürchtung nicht eintritt?
  • Wie bewerte ich nun meine Veränderungsimpulse, meine Veränderungsmöglichkeiten und die wahrscheinlichen Konsequenzen?


Erst nach dieser ruhigen Analyse können viele Menschen den Mut für Veränderung fassen und Schritte gehen."

Fazit

"Veränderung findet permanent statt, wir bemerken sie jedoch kaum. Daher sind wir eigentlich prädestiniert dafür, auch einen Umgang mit den großen und unvorhersehbaren Veränderungen zu finden."


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