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Psychologie Wie Handys die Eltern-Kind-Beziehung beeinflussen

Smartphones fordern von uns den ganzen Tag über und teils "unkontrollierbar" Aufmerksamkeit und Reaktion - fast so wie ein Kind. Dass wir oftmals dem Smartphone mehr Aufmerksamkeit als Kindern zollen, kann auf die Entwicklung des kindlichen Selbstwertgefühls sowie das Erlernen wichtiger sozialer Kompetenzen einen schlechten Einfluss haben.

Stand: 02.04.2019

Wie Handys die Eltern-Kind-Beziehung beeinflussen | Bild: Colourbox

Smartphones sind heute für die meisten Menschen ein unverzichtbarer Teil des Lebens geworden. Kommunikation und die Nutzung zahlreicher Apps lassen uns viel, teilweise zu viel Zeit mit den mobilen Technikwundern verbringen. Was die einen als Erleichterung und Bereicherung empfinden, wird heute auch kritisch hinterfragt und wir fangen an, den Nutzen und auch mögliche negative Auswirkungen von Smartphones zu erfragen.

Was siehst du aus familientherapeutischer Sicht kritisch an der ständigen Handynutzung?

"Eine übermäßige Smartphone-Nutzung stört die Eltern-Kind-Interaktion. Besonders kleinere Kinder brauchen die phasenweise ungestörte Interaktion mit ihren Hauptbezugspersonen zwingend, um sich sicher zu binden und um sich zu entwickeln. Interaktion setzt sich dabei aus unzähligen kleinen Mikromomenten aus Ansprache, Reaktion, Beobachten, Imitieren, Bezugnehmen etc. zusammen.

Eltern bemerken oft nicht, wie oft sie Zeit bzw. wieviel Zeit sie mit dem Smartphone verbringen. Wenn sich jemand in sein Smartphone vertieft, wissen wir in der Regel nicht, mit was er sich dort beschäftigt. Wir bekommen keine Information darüber, sehen aber, dass jemand voll und ganz mit etwas anderem beschäftigt ist. Bereits Erwachsene reagieren mit Unverständnis und genervt, wenn sich jemand immer wieder in sein Smartphone zurückzieht und den Kontakt zu uns abbricht. Kinder wollen nicht nur die Aufmerksamkeit und die Interaktion mit den Eltern, die brauchen sie dringend.

Wenn Eltern sich dauernd vom Smartphone ablenken lassen, geben sie Kindern das Gefühl, dass das Telefon wichtiger ist als sie selbst. Außerdem zeigen sich die Eltern unverbindlich und sprunghaft, was Kinder verunsichern kann. In manchen Studien wird schon darauf hingewiesen, dass Kinder, deren Eltern viel das Smartphone nutzen, unruhiger, nervöser und aggressiver sein könnten. Aus meiner Sicht ist aber noch nicht geklärt, ob das Smartphone ausschlaggebend ist oder ob eine bestimmte Art von Eltern, die vielleicht eh einen ungünstigeren Erziehungsstil hätten, häufiger das Smartphone nutzen."

Was würdest du Eltern empfehlen, um nicht auf ein Smartphone verzichten zu müssen und dennoch den "angemessenen Umgang" mit Handy und Kind hinzubekommen?

"Als allererstes: Niemand muss auf ein Smartphone verzichten oder es verteufeln. Wie so oft im Leben macht die Dosierung das Gift.

  • Vereinbaren Sie feste Smartphone-Zeiten und auch Smartphone-Zonen, gerne auch unterschiedliche für Erwachsene und Kinder. Aber es sollte eine Smartphone-freie Zeit für alle Familienmitglieder geben, in der man sich durch das Smartphone nicht ablenken lässt. Außerdem können Sie Orte auswählen, an denen kein Handy genutzt wird. Zum Beispiel am Esstisch, im Auto oder im Schlafzimmer und Kinderzimmer.
  • Überprüfen Sie die Einstellungen an Ihrem Handy: bekomme ich dauernd ungefragt Nachrichten oder nur, wenn ich die betreffende App bewusst ansteuere? Lassen Sie sich nicht von zu vielen und unnötigen Nachrichtensignalen den Tag zerreißen, sondern entscheiden Sie selbst, wann Sie Nachrichten lesen wollen. Das erhöht Ihre Autonomie.
  • Schalten Sie das Smartphone wann immer es geht lautlos oder ganz aus. Die Hürde, das Telefon erst anschalten zu müssen, verhindert unbewusste App-Zugriffe.
  • Wenn Sie das Smartphone in Gengenwart von Anderen nutzen, dann sprechen sie darüber, was Sie gerade tun und geben Sie vor allem Kindern einen klaren Hinweis, wie lange dies dauern wird. Stellen Sie sich vor, Sie müssen in den Keller gehen, während Sie mit Ihrem Kind zusammen in einem Raum sind. Wie würden Sie dies dem Kind sagen? Vermutlich würden Sie nicht einfach kommentarlos verschwinden, sondern dem Kind sagen was Sie vorhaben und wie lange dies dauert.
  • Akzeptieren Sie die 'Sogkraft' des Handys und dass Sie sehr stark abgelenkt sein können, wenn Sie es nutzen. Ähnlich wie beim Anschauen eines spannenden Filmes oder in einer intensiven Unterhaltung. Es kann sein, dass Sie die Signale Ihres Kindes nicht wahrnehmen, was nicht nur Ihre Beziehung zum Kind stört, sondern es dem Kind ungleich erschwert, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen.
  • Ebenso sollten Sie akzeptieren, dass es kein Multitasking gibt. In Wirklichkeit ändern wir nur wahnsinnig schnell den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Das heißt, wenn Sie in Ihr Display schauen, sind Sie nicht gleichzeitig mit Ihrer Aufmerksamkeit woanders. Nicht bei sich selbst, nicht bei anderen Menschen und auch nicht bei Ihrem Kind, selbst wenn Sie nebeneinander auf dem Sofa sitzen.
  • Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder. Spielen Sie hundertmal das gleiche Spiel, singen Sie fünfzigmal das gleiche Lied und laufen Sie tausendmal die gleiche Strecke zum Spielplatz. Ihr Kind wird von jeder ungeteilten Stunde Zeit mit Ihnen profitieren, und Sie selbst werden weniger abhängig von dem kleinen, schwarzen Gerät in Ihrer Hosentasche."

Nun müssen viele Eltern tatsächlich via Smartphone beruflich auf dem Laufenden bleiben, manchmal auch aktiv und zeitnah reagieren auf das, was sich auf dem Handy tut …

"Müssen sie das wirklich? Das würde ich sehr kritisch hinterfragen und auch mal bewusst eine Testphase starten: wie ist es, wenn ich zwei Wochen dem Handy einen bewussten Platz und Raum gebe, der klare Zeiten und eine klare App-Nutzung vorsieht? Welche Erfahrung mache ich mit mir, meinen Kindern, meinem Partner und im Job? Bin ich im Job wirklich so unersetzlich, wie ich mich gerne fühlen möchte? Bekomme ich 'Entzugssymptome', wenn meine soziale Interaktion per Smartphone längere Zeit unterbrochen ist? Wird etwas Anderes in meinem Leben dadurch intensiver, besser oder belastender? Je nachdem, welche Erfahrungen Sie damit machen, sollten Sie die oben genannten Lösungsvorschläge vielleicht doch einmal ausprobieren."


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