BR Fernsehen - Wir in Bayern


2

Erbrecht Warum wir das Thema Testament gern verdrängen

Um Erbstreitigkeiten zu vermeiden, ist es wichtig, ein Testament zu verfassen. Doch den meisten Menschen fällt es schwer, sich damit zu befassen. Die verschiedensten Gründe dafür kennt Erbrechtsexperte Prof. Klaus Michael Groll und klärt auf, warum es dennoch wichtig ist, das Thema anzugehen.

Stand: 12.04.2019

Eine Frau schreibt ihr Testament | Bild: picture-alliance/dpa

Herr Professor Groll, warum fällt es uns so schwer, das Thema Testament anzugehen?

Prof. Groll: "Das hängt maßgeblich mit der Verdrängung des eigenen Todes zusammen. Sich damit auseinanderzusetzen ist unangenehm, was wiederum mit einem gewissen Verlust unserer Gesellschaft von Religiosität und Transzendentem zu tun hat."

Der Tod als Tabu-Thema schwächt sozusagen unsere pragmatische Sicht auf das, was zu Lebzeiten organisiert werden sollte?

"Sozusagen. Der Tod findet nur noch selten im häuslichen Umfeld statt. Man ist mit ihm quasi nicht mehr 'vertraut'.

Außerdem hat man heute seine statistische Lebenserwartung im Auge - warum sollte man sich also vor dem 75. Lebensjahr mit seinem Ableben und dem eigenen Testament auseinandersetzen? Drastische Gegenfrage: Was nützt die statistische Lebenserwartung, wenn man morgen bei einem Verkehrsunfall stirbt?

Wichtig ist, das Thema nicht pauschal zu verdrängen, sondern sich ihm zu stellen. Aber ich erlebe, dass auch viel Aberglaube im Spiel ist. Es sind nicht wenige, die sagen: Wenn ich mein Testament mache, dann sterbe ich. Meine Antwort: Stimmt, aber nicht früher!"

Warum reicht es nicht, auf die gesetzlich geltende Erbfolge zu bauen?

"Viele meinen, man müsse nichts regeln, denn das Gesetz würde das doch schon auf vernünftige Weise tun, wie zum Beispiel bei der gesetzlichen Erbfolge.

Großer Irrtum: Die gesetzliche Erbfolge ist für so manch unangenehme Überraschung gut.

Sie führt oft zu Erbengemeinschaften, in denen es konfliktträchtig zugehen kann, zum Beispiel zwischen entfremdeten oder zerstrittenen Geschwistern. Ungünstig ist oft auch eine Erbengemeinschaft zwischen dem überlebenden Ehegatten und Kindern.

Kinderlose Ehepartner beerben sich zudem, entgegen verbreiteter Meinung, gesetzlich nicht gegenseitig allein, sondern der Überlebende erbt zusammen mit den Eltern des Verstorbenen oder, wenn es solche nicht mehr gibt, mit den Geschwistern des Verstorbenen. Auch dies führt oft zu Konflikten."

Welche Bedenken gegenüber einer Testamentserstellung sind Ihnen noch bekannt?

"Vielen ist die Materie einfach zu kompliziert, sie machen daher einen Bogen um sie. Dafür gibt es aber die Möglichkeit, sich beraten zu lassen. Die Kosten, die dabei einige scheuen, sind deutlich niedriger als die späterer Prozesse nach dem Erbfall."

Man braucht sicher auch etwas Muße, um sich mit der Thematik zu beschäftigen?

"Ich habe in der Tat schon oft gehört, man habe keine Zeit für das Thema, man müsse sich erst alles in Ruhe überlegen und was nach dem Tod geschehe, sei einem egal.

Aber ist es nicht ein wenig Überlegung und Zeit wert, dass die Familie nach dem eigenen Ableben friedlich miteinander weiter lebt und man sein Vermögen, für das die meisten lange gearbeitet haben, auch im eigenen Sinne weiter gibt? Viele wichtige Überlegungen ergeben sich oft aus dem Erstgespräch bei der Erbrechtsberatung. Gehen Sie das Thema daher an und entwickeln Sie das für Sie und Ihre Familie passende Testament. Aus meiner Erfahrung mit zahlreichen Klienten kann ich berichten, dass es vielen gut tut, die eigene Familienkonstellation einmal ganz klar auf diese Weise zu beleuchten."

Lohnt es sich bei einem kleineren Vermögen überhaupt, ein Testament zu machen?

"Die Intensität eines Erbenstreits ist von der Höhe des Wertes des Nachlasses vollkommen unabhängig. Um das Klavier oder ein Fotoalbum wird oft mehr gestritten als um ein Millionenvermögen. Ein Testament ist daher immer sinnvoll."


2