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Buchtipps Neuerscheinungen von der Frankfurter Buchmesse

Vom 14. bis 18. Oktober 2020 wird die Frankfurter Buchmesse stattfinden - diesmal digital. Buchhändlerin Sabine Abel hat bereits zahlreiche Neuerscheinungen gelesen, die auf der Messe vorgestellt werden. Vier Favoriten legt sie uns besonders ans Herz, von denen wir je ein Buch verlosen. Die Verlosung läuft bis Dienstagfrüh.

Stand: 24.09.2020

Cover der vorgestellten Bücher | Bild: BR/Helmut Wagenpfeil

Isabella Hammad: Der Fremde aus Paris


Sabine Abel: "Die in London geborene Autorin erzählt in ihrem ersten Roman die Geschichte ihres Urgroßvaters Midhat, der mit Anfang 20 nach Frankreich kam, um dort Medizin zu studieren. Er stammt aus einer reichen Tuchhändlerfamilie in Nablus. Sein Vater ermöglicht ihm den Aufenthalt in Frankreich, nicht zuletzt, um ihn vor der Mobilmachung 1914 zu beschützen.
In Montpellier angekommen, stürzt er sich in das ihm völlig fremde europäische Leben. Er kann bei einem Professor für Anthropologie wohnen. Auf den ersten Blick scheint sein neues Leben genauso zu sein, wie Midhat es sich erträumt hat. Als er sich jedoch in die schöne Tochter des Professors verliebt, muss Midhat feststellen, dass die Gräben zwischen den Kulturen doch tiefer sind als gedacht. Jeanette nimmt ihn nicht ernst und als er dann auch noch merkt, dass der Professor in ihm mehr ein Studienobjekt sieht als einen Freund, flieht der junge Student gedemütigt nach Paris.
Doch auch in der Metropole findet er nicht den ersehnten Anschluss. So kehrt er nach einigen Jahren nach Hause zurück. Dort gründet er eine Familie und kümmert sich um die Geschäfte seines Vaters. Richtig zugehörig fühlt er sich aber auch hier nicht mehr. Zu lange hat er in Frankreich gelebt. Zudem spitzt sich in Palästina die politische Situation zu. Es entwickelt sich ein immer weiter radikalisierendes Nationalbewusstsein, auch in Midhats Familie und Freundeskreis. Immer öfter muss Midhat sich die Frage stellen, auf welcher Seite er selbst steht. Ist die geforderte Unabhängigkeit Palästinas ein erreichbares Ziel?

Isabella Hammad hat einen großen Familienroman geschrieben, der mich von der ersten Seite an gefesselt hat. Das Buch hilft auf unterhaltsame Weise zu verstehen, wie die aktuelle politische Lage im Nahen Osten entstehen konnte. In diesem Zusammenhang fand ich es sehr hilfreich, dass der Roman mit einem Familienstammbaum ausgestattet ist und ein Register mit den wichtigsten Ereignissen rund um die Geschichte Palästinas und Syriens unter Britischer Regierung enthält."

David Szalay: Turbulenzen

Sabine Abel: "David Szalays neuer Roman nimmt den Leser mit auf einen Trip rund um die Welt. In zwölf Episoden erzählt er die Geschichten von ganz unterschiedlichen Menschen: Zwölf Städte bzw. Flughäfen, zwölf Länder, zwölf Schicksale. Die einzelnen Kapitel sind jeweils mit den Kürzeln der Flughäfen überschrieben, die hier eine Rolle spielen, zum Beispiel MAD-DSS für Madrid und Dakar.
Die Episoden sind sehr verschieden, haben jeweils andere Hauptfiguren und hängen doch alle irgendwie zusammen. Die Geschichten der Menschen, die wir kennenlernen, sind allesamt originell, manchmal witzig, tragisch oder schicksalhaft. Da ist zum Beispiel eine Frau, die ihren kranken Sohn besucht hat, oder ein Pilot, der den Tod seiner Schwester nicht verarbeiten kann. Ein senegalesischer Geschäftsmann ahnt noch nichts von dem tragischen Unfall, der sich während seines Fluges nach Dakar ereignet hat und die Tochter einer Deutschen will heimlich einen syrischen Flüchtling heiraten. Die Reise beginnt und endet in London. Dazwischen landen wir unter anderem in Dakar, Madrid, Sao Paulo, Kanada und Indien.

Der Titel des Romans ‚Turbulenzen‘ zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden. David Szalay könnte damit die oft unruhigen Flüge meinen, aber auch die Turbulenzen, die die Protagonisten in ihrem Leben aushalten müssen. Mich hat beeindruckt, dass die distanzierte Perspektive von oben mir vor Augen geführt hat, wie komplex unser Dasein ist, das wir so gerne kontrollieren wollen und dabei oft die Möglichkeit eines Absturzes übersehen.“

Sebastian Barry: Tausend Monde

Sabine Abel: "Mit seinem ersten Western ‚Tage ohne Ende‘ hat Sebastian Barry zwei unvergesslichen Romanfiguren das Leben geschenkt. Thomas McNulty, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts auf ein Überseeschiff geschmuggelt hat und sich später zu Fuß von Kanada in den Westen der USA aufmacht sowie seinem Freund und Gefährten John Cole aus Missouri. Die beiden ziehen als Soldaten in den Krieg und beteiligen sich am amerikanischen Völkermord der Indianer, später kämpfen sie im Bürgerkrieg.

In ‚Tausend Monde‘ wird ihre Geschichte weitererzählt. Das Besondere: In der Fortsetzung erzählt Winona, ein verwaistes Indianermädchen, das die beiden Cowboys bei sich aufgenommen haben. Sie berichtet von ihrem Leben bei den beiden Männern, die gut die Mörder ihres Stammes sein könnten. Sie erzählt davon, wie sehr sie sich bei ihnen geborgen fühlte. Sie erinnert sich aber auch zurück an die Zeit, als sie noch bei ihrer richtigen Familie im Stamm der Lakota gelebt hat. An die schrecklichen Ereignisse, die ihr Leben so gravierend verändert haben, erinnert sie sich nur vage. Winona berichtet aber auch darüber, wie sie immer wieder von Thomas und John beschützt werden muss, wie ein einfacher Gang in die Stadt zum Spießrutenlauf werden kann, weil sie für die Bewohner des kleinen Städtchens weniger wert ist als ein Hund. Winona arbeitet bei einem alten Rechtsanwalt in der Stadt, denn sie kann lesen, schreiben und rechnen. In der Stadt lernt sie auch einen jungen Mann kennen, der dann öfter auf der Farm bei Winona und ihren beiden ‚Vätern‘ auftaucht. Ein Hochzeitskleid wird genäht, doch dann kommt alles ganz anders.

Mir gefällt, wie Sebastian Barry in knappen Sätzen und mit einer sehr einfach anmutenden Sprache das Schicksal der drei Hauptfiguren erzählt. Dieser Roman ist Western, Krimi und Abenteuerroman in einem. Dazu kommt ein sehr politischer Blick auf die Entstehung der USA, der den aktuellen Zustand des Landes nicht außer Acht lässt. Mein Tipp: Unbedingt lesen!"

Nick Hornby: Just like you

Sabine Abel: "Lucie ist Anfang vierzig, Mutter von zwei Söhnen im Schulalter und alleinerziehend. Wie sie bis hierhin gekommen ist, ist ihr selbst nicht ganz klar. Als sie jünger war schien alles so einfach: Studium, ein sicherer Job, ein Mann im selben Alter, aus der gleichen sozialen Schicht, Wohneigentum, zwei Kinder. Schade nur, dass sie das alles nicht so recht glücklich gemacht hat. Jetzt ist der Traum geplatzt.
Eines Tages steht sie beim Metzger in der Schlange und unterhält sich mit einer Freundin über ihr Liebesleben. Dabei entdeckt sie den jungen Mann hinter der Verkaufstheke. Joseph, dunkelhäutig, 22 Jahre alt. Er wohnt bei seiner Mutter und hat mehrere Jobs, um sich über Wasser halten zu können.
Zuerst soll er nur auf Lucies Jungs aufpassen, damit sie ab und zu wieder ausgehen kann. Doch daraus wird sehr schnell mehr. Das ist für beide nicht einfach, denn sie gehören komplett unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Kulturen an, nicht zuletzt auch einer unterschiedlichen Generation. Andererseits findet man das Glück nicht immer da, wo man es vermutet.

Mir gefällt besonders, wie gekonnt Nick Hornby in seinem neunten Roman eine romantische Liebesgeschichte mit einer lustigen, manchmal sehr boshaften Gesellschaftsstudie verbindet. Die Geschichte beginnt im Frühjahr vor der Brexit-Abstimmung. Politische Ansichten und die Konflikte zwischen der weißen und der dunkelhäutigen britischen Bevölkerung sind ein genauso wichtiger Teil des Romans, wie die ganz privaten Differenzen, die Lucie und Joseph miteinander ausfechten müssen ehe sie miteinander glücklich werden können. ‚Just like you‘ war ein Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte."

Viel Spaß beim Lesen wünschen Sabine Abel und "Wir in Bayern"!


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