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Mitmachen Buchtipps: Neuerscheinungen 2021

Die Leipziger Buchmesse findet nun schon das zweite Jahr in Folge coronabedingt nicht statt. Aber unsere Buchhändlerin Sabine Abel hat keine Mühen gescheut und für Sie viele aktuelle Neuerscheinungen gelesen. Ihre vier Favoriten stellt Sie vor.

Stand: 02.03.2021

4 Bücher | Bild: BR/Sabine Abel

Romanneuerscheinungen gibt es jedes Jahr wie Sand am Meer. Da ist es manchmal nicht ganz leicht, sich zu entscheiden. Deswegen hat unsere Buchhändlerin Sabine Abel für Sie eine Vorauswahl an Neuerscheinungen getroffen, die ihrer Meinung nach sehr zu empfehlen sind. Da ist für jeden Geschmack bestimmt das passende Buch dabei.

Claudia Durastanti: Die Fremde

Sabine Abel: "Claudia Durastanti ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie wurde in den 1960er Jahren in Brooklyn geboren, wuchs in Italien auf und lebt mittlerweile in London. In diesem Roman erzählt sie die Geschichte ihrer Familie.

Ihre Eltern sind beide gehörlos. Sie lernen sich in den Straßen New Yorks kennen und auf sehr eigene Weise lieben. Beide leben in eigenen Welten, geprägt von jeweils ganz eigenen Erfahrungen mit ihrer Behinderung. Während Claudias Mutter mit mehreren Geschwistern aufwächst, die wenig bis gar keine Rücksicht auf die Gehörlosigkeit der Schwester nehmen, wächst der Vater sehr behütet auf.

Beide scheinen zumindest anfangs der Rettungsanker für den anderen zu sein, allerdings hält ihr Glück nicht lange. Bei Claudias Geburt ist die Beziehung bereits zerrüttet. Als sie sechs Jahre alt ist, geht ihre Mutter mit Claudia und ihrem älteren Bruder zurück nach Italien. Den Vater sehen die Kinder selten, meist in den Ferien, die sie in den USA verbringen.

Aber wo ist ihr Zuhause? Wo fühlt sich Claudia wirklich daheim? Eigentlich nirgends. In Italien wird sie von den anderen Kindern ausgelacht, weil sie die Vokale falsch betont. Ihr Bruder wird langsam erwachsen und kümmert sich immer weniger um sie. In Brooklyn wird sie für ihre vielen Cousins und Cousinen nie richtig dazu gehören. Ihre Mutter ist Claudia keine Hilfe. Sie ist dauernd auf der Flucht, vor sich selbst und vor der Realität. Auch auf den Vater ist kein Verlass, stürzt er doch von einer Lebenskrise in die nächste.

Trost findet Claudia in der Sprache und dem Schreiben, so kann sie alle noch so verwirrenden Erlebnisse und Eindrücke verarbeiten.

Was es heißt, in verwirrenden italoamerikanischen Familienverhältnissen mit einer Mutter, die in einer ganz eigenen Welt lebt, aufzuwachsen - das ist das Thema dieses Romans. Claudia Durastanti schreibt darüber oft leicht amüsiert, teils verzweifelt, manchmal zynisch. Wie wichtig ihr die Familie und der Zusammenhalt ist, wird trotzdem in jeder Zeile sichtbar. 'Die Fremde' ist ein großartiger Roman über die Suche nach der eigenen Identität und dem eigenen Platz in der Welt."

Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

Sabine Abel: "Nike lebt in Ostberlin. Sie ist Anfang dreißig und bei ihrer Mutter und Großmutter aufgewachsen. Verlässt sie morgens ihre Wohnung, um zur Arbeit zu gehen, führt ihr Weg sie am Stolperstein ihrer Urgroßmutter vorbei. Diese Stolpersteine erinnern an die jüdischen Bewohner Berlins, die von den Nationalsozialisten verschleppt und getötet wurden.  Auf ihnen stehen Name, Adresse und, falls bekannt, die Todesursache.

Wie erlebt man eine Kindheit, die vom Zusammenleben mit Erwachsenen geprägt ist, die die Traumata ihrer Familie noch lange nicht überwunden haben? Das ist eine der vielen Fragen, die Mirna Funk in diesem Roman aufwirft. Was es heißt, als junge Jüdin im heutigen Deutschland zu leben, ist ein weiteres Thema.

Doch Nike zieht es weg aus Berlin, weg aus Deutschland, weg von einer unglücklichen Liebe. Sie bekommt die Gelegenheit, in Tel Aviv zu arbeiten, und da sie Jüdin ist, kann sie sich einbürgern lassen. Warum nicht?

Nach einigen schwierigen Tagen in der fremden Stadt scheint sich alles zum Guten zu wenden. Nike lern Noam kennen. Er ist Journalist und steht wie sie beruflich und privat vor einem Neuanfang. Er hat seinen alten Job bei einer Tel Aviver Zeitung gekündigt und will sich neu orientieren. Außerdem hat er genug von den schnelllebigen, meist rein sexuellen Beziehungen zu Frauen, wie er sie bisher immer hatte. Eine Liebesgeschichte nimmt ihren Anfang, aber auch Noam kämpft mit den Dämonen der Vergangenheit.

Mir gefällt besonders, dass Mirna Funk mit diesem Roman eine sehr vielschichtige Geschichte erzählt, die abwechselnd aus Nikes und Noams Perspektive geschildert wird. Sie geht dabei den Fragen nach, ob die Liebe und der Neuanfang die beiden aus ihrer Orientierungslosigkeit retten kann, wie sehr alte Traumata in den Leben junger Menschen weiter wirken und was es bedeutet, als Jude oder Jüdin in der heutigen Zeit zu leben."

Polly Samson: Sommer der Träumer

Sabine Abel: "London 1960. Erica ist 17 Jahre alt, als ihre Mutter schwer krank wird. Sie pflegt sie bis zu ihrem Tod. Anschließend kümmert sich Erica um ihren tyrannischen Vater.

Eines Tages kommt mit der Post ein kleines Paket, adressiert an die Mutter. Darin befindet sich der kürzlich veröffentlichte Roman einer alten Freundin. Erica ist fasziniert von der Geschichte und vor allem von Charmian Clift, der Frau, die ihn geschrieben hat.

Im Buch liegt auch eine Einladung an Ericas Mutter, sie solle jederzeit zu ihrer Freundin auf die griechische Insel Hydra kommen und sie dort besuchen. Erica hat ein wenig Geld geerbt, also trifft sie die kühne Entscheidung, an ihrem 18. Geburtstag den Vater zu verlassen und mit ihrem älteren Bruder Bobby und ihrer großen Liebe Jimmy nach Griechenland zu reisen.

Dort angekommen, tauchen die drei in eine völlig neue Welt ein. Charmian lebt mit ihrem Ehemann, der ebenfalls Schriftsteller ist, und ihren drei Kindern auf der kleinen Insel in einer Art Künstlerkolonie. Schnell gehören die drei Neuankömmlinge dazu. Das Leben ist einfach, sie wohnen in einem uralten Steinhaus, leben von dem, was die Insel zu bieten hat und erleben ein ganz neues Gefühl von Freiheit. Jimmy und Bobby, die schon in London auf einer Kunsthochschule waren, malen und schreiben.  Nur Erica weiß nicht so recht, was sie mit sich anfangen soll. Sie klammert sich an Charmian und hofft, durch sie mehr über ihre Mutter zu erfahren. Nach und nach scheint es ihr, als hätte ihre Mutter ein zweites, ein geheimes Leben geführt.

Doch es gibt auch Schattenseiten auf der Insel. Zwischen den Künstlern gibt es Affären, Eifersüchteleien und offene Rivalität. Kann sich Erica dem dauerhaft entziehen? Hält ihre Liebe zu Jimmy all den Versuchungen stand?

Dieser Roman kommt sommerlich leicht daher, er zieht den Leser aber ab der ersten Seite mitten ins Geschehen. Mir gefällt, dass Polly Samson trotz der Leichtigkeit nicht darauf verzichtet, ernste Themen anzusprechen, zum Beispiel die Rolle der Frauen in der Künstlergemeinschaft, die meistens eher die Versorgerinnen oder Musen der Künstler sind und sich nicht genug ihrer eigenen Kreativität widmen können. Für mich ist 'Sommer der Träume' ein wunderbarer Roman über unterschiedliche Lebensentwürfe, Kunst, Kreativität und den eigenen Platz in der Welt."

Robin Felder: Verzerrte Gesichter

Sabine Abel: "Marc Staiger ist Notar in München mit einer Kanzlei in der Innenstadt, mit einer schicken Villa in Grünwald, mit einer Frau und mit einem Sohn im Teenager-Alter. Nach außen hin scheint alles gut bürgerlich und fast schon langweilig normal.

Doch Marc Staiger verfolgt seit Jahren einen ausgefeilten Racheplan. Ungefähr alle drei Jahre schlägt er zu. Er tötet seine Opfer nicht, das wäre zu einfach. Stattdessen verstümmelt er sie so, dass sie sich den Rest ihres Lebens sicher nicht mehr davon erholen werden.

Was genau hinter diesem perfiden Plan steckt, weiß nur er selbst. Das Verhältnis zu seinen Mitmenschen ist kühl und unnahbar, auch das zu seinem Sohn Max und seiner Frau Lotte, für die er eigentlich nur noch Verachtung übrig hat.

Eines Tages ruft Staigers Sekretärin bei Lotte an und äußert Vermutungen über angebliche Affären ihres Ehemannes. Jetzt reicht es seiner Frau. Sie hat genug davon, immer nur Vermutungen darüber anzustellen, was ihr Mann nach Büroschluss treibt. Sie überredet Max, seinem Vater nachzuspionieren. Eines Abends verfolgt er seinen Vater und beobachtet ihn dabei, wie er sich mit einer Frau in einem Restaurant trifft, mit dieser im Hotel verschwindet und ein paar Stunden später wieder herauskommt. Doch das ist bei weitem noch nicht das Schlimmste, das Max an diesem Abend sehen wird. Nach seinem Date im Hotel steigt Marc ins Auto, Max fährt mit seiner Vespa hinterher. Plötzlich findet sich Max vor dem Haus seiner Tante wieder und muss beobachten, wie sein Vater sich in der Garage versteckt. Als kurz darauf die Tante heimkommt, wird sie niedergeschlagen und bleibt bewusstlos liegen. Max ist völlig erschüttert. War der Mann in der Garage wirklich sein Vater? Was ist da gerade passiert?

Ohne es zu wollen, wird Max in die Anschlagserie seines Vaters verwickelt, und damit gerät die Situation nicht nur für Max und Marc völlig außer Kontrolle. Milena Novak, eine junge Polizistin, wird mit der Lösung des Falls beauftragt. Zusammen mit Staigers Frau kann sie vielleicht die Geschehnisse der vergangenen Jahre entwirren.

Dieser Krimi ist nichts für sanfte Gemüter. Die Geschichte ist sehr spannend, manchmal auch brutal, und trotzdem habe ich mich beim Lesen immer wieder beim Lachen ertappt. Zu absurd und bizarr sind die Wendungen, zu komisch sind manche Dialoge. Und das beste: Man weiß wirklich bis zum Schluss nicht, welches Ende diese Geschichte nehmen wird."

Viel Freude beim Lesen wünschen Sabine Abel und "Wir in Bayern"!


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