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Buchtipps Lektüre für die Quarantäne: Diese Bücher müssen Sie lesen!

Was tun mit der ganzen Zeit daheim? Vermutlich haben auch Sie sich diese Frage bereits gestellt. Unser Tipp: Lesen Sie doch mal wieder ein Buch. Wir zeigen vier Neuerscheinungen, bei denen Ihnen garantiert nicht langweilig wird.

Stand: 18.03.2020

Buchcover | Bild: Verlag

Das gesellschaftliche Leben in Deutschland steht still. Im Kalender kann man getrost nahezu sämtliche Veranstaltungen streichen. Stattdessen ist man dazu angehalten, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakte zu meiden. Was sorgt da für bessere Kurzweil, als eine gute Lektüre? Buchhändlerin Sabine Abel zeigt Ihnen gleich vier Romane. Bestimmt ist für Sie etwas mit dabei.

Buch 1: Tiefe Einblick in die Gesellschaft Englands

Buchcover | Bild: Verlag

Jonathan Coe - Middle England

Jonathan Coe zählt zu den aktuell bedeutendsten Schriftstellern Großbritanniens und veröffentlichte nun mit "Middle England" seinen dritten Roman. In diesem nimmt er englische Gesellschaft ganz genau unter die Lupe. Hauptfigur dieser Geschichte ist Benjamin Trotter. Er ist Schriftsteller, bisher leider nur mäßig erfolgreich. Nach seiner Scheidung verkauft er seine Wohnung in London, zieht aufs Land und kauft sich dort eine alte Mühle. Mit Blick auf einen kleinen Fluss möchte er endlich sein Opus magnum vollenden. Doch was ihm da auf dem Land begegnet, ist bei weitem nicht so idyllisch, wie er sich das in der Großstadt immer ausgemalt hat.

Auf der Suche nach dem echten England

Die Menschen hier sind frustriert von der Politik, fühlen sich seit der Finanzkrise abgehängt, haben Angst vor der Zukunft und vor allem vor dem Fremden. Diese Feststellung muss auch Benjamins Nichte machen, eine Kunsthistorikerin, die es ebenfalls aufs Land gespült hat. Woher diese Sehnsucht nach dem "echten England" - unverfälscht und ohne den Einfluss der Festlandeuropäer - rührt, dieser Frage geht Jonathan Coe in seinem Roman auf den Grund.

Einblicke in die Britische Seele

Coe verwebt in dem Buch zahlreiche kleine Geschichten, Anekdoten und Erlebnisse seiner Figuren zu großem Stoff. Sei es, indem er Benjamin und seine alten Freunde über ihre eigenen und die Befindlichkeiten des ganzen Landes philosophieren lässt, oder auch, indem er eine völlig missglückte Liebesszene schildert.

Stichwort Brexit

Benjamins alte Freunde sind ein ehemaliger Lehrer und ein Journalist. Beide befinden sich in einer Art Krise. Der Lehrer versteht die Welt schon lange nicht mehr. Und der Journalist hat immer wieder Angst vor der Veröffentlichung seiner Artikel, weil es in diesen schwierigen Zeiten so leicht ist, mit einem kleinen Fehler ungeahnte politische Erdbeben auszulösen.

"Dieser Roman eröffnet einen neuen und erweiterten Blick auf die Geschehnisse rund um den Brexit und die dem Brexit vorangegangenen Ereignisse. Wäre das Buch nicht zwischendurch derartig lustig und voll von schwarzem britischen Humor, könnte man fast verzweifeln. Aber genau das macht den Charme von Jonathan Coes Geschichten aus!"

Sabine Abel, Buchhändlerin

Buch 2: Ländliche Idylle werden Sie hier vermissen

Helena Adler: Die Infantin trägt den Scheitel links

Die Hauptfigur dieser Geschichte mit dem etwas sperrigen Titel "Die Infantin trägt den Scheitel links" ist das jüngste Kind einer Bauernfamilie im Salzburger Land. Sie nennt sich selbst die Infantin. Ihre Familie besteht aus den Urgroßeltern, die im oberen Stockwerk des großen Bauernhauses wohnen, dem Vater, der dem Alkohol nicht widerstehen kann und ein Faible für Esoterik und Naturheilkunde hat, der bigotten Mutter und zwei älteren Zwillingsschwestern, die die Hauptfigur nur "Eisprinzessinnen" nennt. Die beiden Schwestern haben sehr viel Spaß daran, ihre kleine Schwester zu ärgern und auch körperlich zu misshandeln.

Ein Brand ändert alles

Von ländlicher Idylle ist man hier meilenweit entfernt. Eines Nachts tobt ein Gewitter, alle Familienmitglieder sind im Haus und das jüngste Kind hat schreckliche Angst vor Blitz und Donner. In einem unbedachten Moment stößt es eine Kerze um, aber traut sich nicht, den anderen Bescheid zu geben. Außerdem empfindet das Mädchen eine seltsame Faszination beim Beobachten der Flammen. Die Infantin verhindert nicht die Ausbreitung des Feuers, bei dem der elterliche Hof schließlich komplett abbrennt. Wider Erwarten ist der Vater weder wütend noch am Boden zerstört. Im Gegenteil: Er rechnet mit einer großen Summe von der Versicherung. Die Familie zieht vorerst in eine Wohnung im Dorf - damit verändert sich das Leben aller von Grund auf.

Demontage der ländlichen Idylee

"Noch nie zuvor habe ich ein Buch gelesen, welches es schafft, in nur knapp 130 Seiten das idyllische Bild vom Leben auf dem Land und in einer Großfamilie so grundlegend zu demontieren. Helena Adler, die selbst aus ganz ähnlichen, ländlichen Verhältnissen stammt, lässt buchstäblich keinen Stein auf dem anderen. Mit einer schnellen, oft witzig sarkastischen Sprache zerstört sie die Idylle und amüsiert ihre Leser. Großartig!"

Sabine Abel, Buchhändlerin

Buch 3: Eintauchen in die Nachkriegszeit in Oberbayern

Michael Frank: Schmalensee

Nachkriegszeit in Deutschland. Schauplatz des Romans "Schmalensee" ist ein kleines Dorf in Oberbayern in der Nähe von Mittenwald. Der Held der Geschichte ist ein Junge im Grundschulalter, der Teil einer sehr großen Familie ist. Der Vater verdient sein Geld als Geigenbauer und bewirtschaftet gemeinsam mit seiner Frau einen kleinen Bauernhof, damit die Familie mit dem Nötigsten versorgt ist.

Die Geschichte, in der die Hauptfigur über seine Kindheit erzählt, beginnt im Winter. Gemeinsam müssen die Kinder einen sehr langen und extrem anstrengenden Schulweg zu Fuß zurücklegen. Endlich in der Schule angekommen, sind sie komplett nass von den Schneemassen und bis auf die Knochen durchgefroren. 

Sittengemälde der Nachkriegszeit

Nebenbei erfährt der Leser schon jetzt viel aus dem Familienleben des Jungen. Er hat viele Geschwister, die zum Teil schon erwachsen sind, aber noch zu Hause bei den Eltern leben. Der Vater ist das unangefochtene Familienoberhaupt. Er ist wortkarg, verteilt seine Zuneigung nur sporadisch und reagiert oftmals jähzornig.

Mutter als Gegenpol

Dann kommt die Mutter ins Spiel. Sie ist die ausgleichende Kraft im Familienleben und hält auf diese Weise auch alle zusammen. Sie ist sehr gläubig und erzieht auch ihre Kinder dazu, im Glauben an Gott zu leben. Das glückt ihr nicht immer. Selbstverständlich haben die Jungs der Familie jede Menge Blödsinn im Kopf.

Michael Frank erzählt in seinem Roman aber auch vom Lehrer und seinem seltsamen Verhältnis zum erst kürzlich vergangenen Nationalsozialismus. Ebenfalls eine interessante Figur ist der Hausmeister der Schule, vor dem sich die Kinder allesamt fürchten. Von ihm erzählt man sich im Dorf und in der nahen Stadt seltsame Dinge, die sich die Kinder nicht erklären können.

Im Schatten des Nationalsozialismus

"Dieses Buch ist eine wunderbare Lektüre. Man taucht tief in eine Welt ein, die geprägt ist von einer geradezu übermächtigen Natur, wunderschön und schrecklich zugleich. Man taucht auch in eine Zeit ein, die noch lange nicht mit dem Nationalsozialismus abgeschlossen hat und in der jeder seine ganz eigene Art hat, mit dem Geschehenen umzugehen. Und man taucht in eine Familienwelt ein, mit viel Liebe, viel Zuwendung, aber auch sehr strengen Erwartungen an die Kinder. In dieser Welt bewegt sich der junge Held des Romans und entführt uns aus unserem Alltag."

Sabine Abel, Buchhändlerin

Buch 4: Jenseits des Patriachats in Nigeria

Oyinkan Braithwaite - Meine Schwester, die Serienmörderin | Bild: Verlag

Oyinkan Braithwaite: Meine Schwester, die Serienmörderin

Sehr lesenswert ist auch der Roman "Meine Schwester, die Serienmörderin" von Oyinkan Braithwaite. Ayoola und Korede sind zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ayoola ist das Lieblingskind: engelsgleiches Äußeres, unwiderstehlich für alle Männer, denen sie begegnet. Aber nicht nur das: Auch die Frauen, inklusive der Mutter, liegen ihr zu Füßen. Wie es scheint, reicht ihre Art und Ausstrahlung aus, um sich ein angenehmes Leben zu finanzieren. An Arbeit denkt Ayoola jedenfalls nicht.

Im Schatten der Schwester

Ganz anders dagegen ist ihre Schwester Korede. Sie findet sich selbst unattraktiv und verschwindet in der Regel im Schatten ihrer jüngeren Schwester. Dafür steht Korede mitten im Leben. Sie arbeitet als Krankenschwester. Ihr Beruf macht ihr viel Spaß - vor allem, seit sie mit einem sehr attraktiven jungen Arzt zusammenarbeiten darf.

Düstere Geheimnisse

Aber die schöne Ayoola hat auch eine sehr dunkle Seite: Bisher hat sie drei ihrer Freunde und Liebhaber umgebracht, erstochen mit dem Jagdmesser ihres verstorbenen Vaters. Jedes Mal aus Notwehr - behauptet sie jedenfalls. Ihre Schwester Korede ist nach jedem Toten zur Stelle. Sie kennt sich mit Blutflecken aus. Und ihr Kofferraum ist groß genug, um darin Leichen zu transportieren.

Serienmörderin oder Notwehr?

Korede macht ihrer Schwester jedes Mal große Vorwürfe und erklärt ihr, dass man ab drei Morden als Serienmörderin gilt. Ayoola lächelt dazu und versichert der Schwester, sie hätte keine andere Wahl gehabt, war sie doch immer diejenige, die sich in großer Gefahr befand.

Der nächste Tote?

Noch viel komplizierter wird Koredes Leben in dem Moment, als Ayoola sie im Krankenhaus besucht, um sie zum Mittagessen einzuladen. Wie es der Teufel will, begegnet Ayoola bei dieser Gelegenheit dem jungen Arzt, Koredes heimlichen Schwarm. Und natürlich verliebt dieser sich sofort in die jüngere Schwester. Jetzt muss Korede handeln, wenn der Arzt nicht das Schicksal seiner drei Vorgänger teilen soll.

"Dieses Buch ist schnell, spritzig, lustig und sehr spannend. Außerdem ist es sehr interessant, einen weiblichen Blick auf die männlich dominierte Gesellschaft Nigerias zu werfen."

Sabine Abel, Buchhändlerin


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