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Buchtipps Die besten neuen Krimis 2021

Buchhändlerin Sabine Abel stellt vier aktuelle Krimi-Neuerscheinungen vor, die von ganz unterschiedlichen, faszinierenden Geschichten handeln. Nichts für schwache Nerven!

Stand: 15.10.2021

James Sallis: Sarah Jane

Sabine Abel: "Sarah Jane wächst im Niemandsland von Amerika auf. Ihre Eltern versuchen sich mit allen möglichen Jobs und diversen Einnahmequellen über Wasser zu halten. Sarahs Mutter kommt und geht, wie es ihr gerade gefällt. Ihr Vater ist mit der Situation derart überfordert, dass er sich immer mehr in den Alkohol flüchtet. Keine gute Ausgangssituation für die junge Frau, und so flieht sie mit 17 Jahren aus ihrer Familie.

Sie gerät in schlechte Gesellschaft, wird mit Drogen erwischt und geht daraufhin zum Militär, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Im Einsatz in Afghanistan erlebt sie Schreckliches und wird nach einem Granatenanschlag, bei dem ihr Kollege und ein Kind ums Leben kommen, aus dem Dienst entlassen. Zurück in den USA hat Sarah Jane niemanden, der sich um sie kümmert. Sie schlägt sich mit verschiedenen Anstellungen, meist als Köchin in Schnellrestaurants und Diners, und etlichen unglücklichen Liebschaften durchs Leben. Bis die Beziehung zu einem Polizisten ein tödliches Ende in Sarah Janes Badezimmer nimmt. Sie kauft sich einen billigen Mietwagen und macht sich aus dem Staub. Wohin es sie verschlägt ist ihr egal.

Über viele Umwege wird Sarah Jane Sheriff in einer Kleinstadt - und keine schlechte. Doch eines Tages taucht der ehemalige Polizist Pryor Mills auf. Was weiß er über Sarah Jane? Was weiß er über den Vorfall in ihrem Badezimmer? Kurz darauf wird Pryor Mills tot aufgefunden und Sarah Jane gerät unter Druck.

James Sallis lässt in seinem neuen Roman die Hauptfigur selbst erzählen. Das ermöglicht uns einen ganz intimen Blick auf das Leben und die Weltsicht Sarah Janes‘. Vieles wird dabei im Unklaren gelassen und wir sind ganz und gar auf ihre Erinnerung angewiesen. Wie zuverlässig die ist, oder auch nicht, bleibt ebenfalls offen. Sehr spannend und stellenweise fast schon philosophisch."

Tana French: Der Sucher

Sabine Abel: "Cal Hooper war lange Jahre Polizist in Chicago. Als seine Ehe scheitert und er sich auch in seinem Beruf überhaupt nicht mehr zuhause fühlt, bricht Hooper in Chicago seine Zelte ab und kauft sich ein kleines, stark renovierungsbedürftiges Haus im Westen von Irland. Hier, weit weg von seinem alten Leben, hofft er, noch einmal ganz neu anfangen zu können. Er stürzt sich Hals über Kopf in die Renovierung seines Hauses und freundet sich langsam mit den Bewohnern des Dorfes und seinen Nachbarn an.

Da wäre zum Beispiel der Nachbar Mat, der eine echte Plaudertasche ist und Cal dauernd neue Geschichte aus dem Ort erzählt. Oder auch Noreen, die Besitzerin des einzigen Lebensmittelladens im Dorf. Sie würde am liebsten alles über den Neuen erfahren und ihn auch gleich noch gern mit ihrer Schwester verkuppeln. Aber Cal will nichts über sich und sein früheres Leben erzählen, vor allem nichts über seinen alten Beruf. Er genießt es, nach getaner Arbeit auf der Stufe vor dem Haus zu sitzen, ein Bier zu trinken und die wunderbare, verwunschene Landschaft zu betrachten. Fischen gehen und seine Ruhe haben – mehr wünscht Cal sich nicht mehr vom Leben.

Eines Abends hat Cal plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Wie sich schnell herausstellt, ist der Beobachter Trey, ein 13-jähriger Junge aus dem Ort. Als die beiden sich ein wenig angefreundet haben, rückt Trey auch mit dem Grund für seine Besuche heraus. Sein älterer Bruder ist verschwunden. Trey glaubt nicht, wie alle anderen, dass er sich nach London abgesetzt hat, weil er genug hatte von der Provinz. Er glaubt, dass seinem Bruder etwas zugestoßen ist. Von irgendwem hat Trey gehört, dass Cal früher Polizist war. Was liegt also näher, als ihn um Hilfe zu bitten?

Tana Frenchs erzählerische Leistung besteht darin, dass sie ihre Leser ab der ersten Seite in eine ganz eigene Welt entführt. Dabei ist die Suche nach dem vermissten Jungen eher Beiwerk. Vielmehr geht es um alte Geheimnisse, Familienfehden im Dorf, die großartige Landschaft und das Leben als Ganzes. Viel Stoff, aus dem Tana French einen großartigen Kriminalroman gestrickt hat."

Anne Holt: Ein Grab für zwei

Sabine Abel: "Selma Falck ist erfolgsverwöhnt. Zuerst war sie Leistungssportlerin, dann erfolgreiche Anwältin. Auch in ihrem Privatleben lief es rund, ein Ehemann und zwei Kinder sind der Beweis dafür. Doch schon im ersten Kapitel des neuen Krimis von Anne Holt wird deutlich, dass damit Schluss ist. Selma packt gerade die Umzugskartons in ihrer neuen Wohnung aus, die mehr einem zugigen, verschimmelten Loch gleicht. Sogar ihr alter Kater fühlt sich unwohl. Selma sieht keinen Ausweg aus ihrer Misere.

Da kann sie natürlich nicht Nein sagen, als ihr der reiche Unternehmensberater Jan Morell ein Angebot macht. Morells Adoptivtochter ist auch Leistungssportlerin. Sie ist die Vorzeigeathletin des norwegischen Skilanglaufverbandes. Die olympischen Spiele stehen kurz bevor und gerade jetzt sieht sie sich mit massiven Dopingvorwürfen konfrontiert. Bei ihren Ermittlungen stößt Selma auf allerlei Lügen und kompliziert gesponnene Intrigen im norwegischen Leistungssport. Als dann auch noch ein Mannschaftskamerad von Morells Tochter tot und mit jeder Menge Dopingmittel im Blut aufgefunden wird, spitzt sich die Situation zu.

Immer wieder wechselt Anne Holt die Erzählperspektive. Einmal erzählt Selma, dann wieder Morells Tochter. Außerdem wird aus der Perspektive eines zunächst unbekannten Mannes berichtet, der sich in einem alptraumhaften Gefängnis befindet. In dem Raum ist alles aus Beton, er ist nackt, die einzige Wasserquelle ist ein kleines Rinnsal an der Wand, eine Toilette gibt es keine und seine sporadischen Mahlzeiten bekommt er durch eine Luke gereicht. Im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, wie die einzelnen Figuren und ihre Erzählstränge zusammenhängen.

Ein unglaublich spannender, düsterer Krimi der norwegischen Autorin. Absolut nichts für schwache Nerven!"

Tanja Weber: Betongold

Sabine Abel: "Der Moni, der Schani und der Smokey sind alte Jugendfreunde. Smokey ist ein frühpensionierter Mordkommissar, der schlimme Rückenprobleme hat, weswegen er Cannabis auf Rezept bekommt, daher der Name. Der Moni betreibt eine kleine Eckkneipe in Giesing, die nach seiner verstorbenen Frau Monique „Monis Eck“ heißt. Daher sein Spitzname. Und dann ist da eben noch der Schani, der sich vom einfachen Handwerker zum Immobilienhai gemausert hat. Er spricht nicht viel mit seinen Freunden über seine Geschäfte, wenn sie sich, wie üblich, ein paarmal die Woche beim Moni treffen. Vielmehr erzählen die Drei am liebsten von den guten alten Zeiten und philosophieren bei viel Bier und gelegentlich auch Cannabis über Giesing, München und die Welt.

Eines Tages wird der Schani tot in einer Baugrube gefunden. Alle glauben an einen Unfall. Nur Smokey will es genauer wissen. Seine eingerosteten Instinkte sagen ihm, dass hier etwas nicht stimmen kann. Seine Nachforschungen ziehen ihn hinein in einen Sumpf aus schmutzigem Geld, Spekulanten und das Immobilien-Investment-Geschäft in der bayrischen Hauptstadt.

Dass diese Geschichte in München spielt, merken auch diejenigen unter den Lesern, die nicht aus Bayern kommen. Sprachlich sind die Dialoge sehr an die bayerische Mundart angelehnt, ohne dass sie jemals gewollt oder künstlich klingen. Und auch die Schauplätze, die sich vor allem in Giesing befinden, lassen keinen Zweifel. Freundschaft ist ein anderes großes Thema in diesem Kriminalroman. Die drei Hauptfiguren kennen sich ein Leben lang und trotzdem wissen sie so vieles nicht voneinander.

Der neue Roman von Tanja Weber zeigt auf eindrückliche Weise die dunklen Seiten Münchens, weit weg von Oktoberfest und Hofbräuhaus. Trotzdem liest man aus jeder Zeile die tiefe Zuneigung, die Smokey und Moni für ihre Heimatstadt empfinden. In die bayrische Kulisse eingebettet wird ein aufregender Kriminalfall erzählt, bei dem man immer wieder denkt, die Lösung schon zu kennen. Immer wieder hat man sich getäuscht."

Viel Spaß beim Lesen wünschen Sabine Abel und "Wir in Bayern"!


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