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Jetzt im Winter machen es sich viele daheim gemütlich und widmen sich einem guten Buch. Für alle, die noch ein paar Anregungen brauchen, stellt Buchhändlerin Sabine Abel vier neu erschienene Romane vor, die ihr besonders gut gefallen.

Stand: 20.02.2020

Buchcover der vier Bücher "Eine fast perfekte Welt" von Milena Agus,  "Der Freund" von Sigrid Nunez, "Die Bagage" von Monika Helfer und "Dunkle Wut" von Niko Tackian | Bild: dtv Verlag, aufbau Verlag, Hanser Verlag und PIPER Verlag

Familienroman - "Eine fast perfekte Welt" von Milena Agus

Sabine Abel: "Raffaele und Ester kommen beide aus sehr armen Verhältnissen und wachsen in einem kleinen Dorf auf Sardinien auf. Raffaele verliebt sich als junger Mann in Ester, weil ihr Mund immer so aussieht, als würde sie lächeln. Doch bevor die beiden heiraten können, muss Raffaele in den Krieg ziehen. Als er wiederkommt, hat er sich so sehr verändert, dass Ester ihn kaum wiedererkennt. Raffaele hat in der Zwischenzeit viel erlebt und Schreckliches durchgemacht. Als Ester ihn bei seiner Heimkehr vom Bahnhof abholt, ist sie richtig erschrocken. Dann geht ihr Verlobter auch noch nach Mailand, da es auf Sardinien für ihn keine Arbeit gibt. Eine gemeinsame Zukunft scheint aussichtslos. Das empfindet Ester symptomatisch für ihr ganzes Leben, sie hat einfach kein Glück. Vielleicht besteht sie gerade deshalb so trotzig auf die Hochzeit und wagt den Schritt nach Mailand, obwohl sie sich ein Leben in Norditalien nicht vorstellen kann und weiß, dass sich Raffaele in Mailand in eine andere verliebt hat. Auch in Mailand ist Ester wieder nicht glücklich. Sie mag weder die Stadt, noch die dortigen Menschen. Ihr einziger Lichtblick ist ihre Tochter Felicitas. Im Gegensatz zur Mutter lässt sie sich von nichts und niemandem ihre Zuversicht und ihr Recht auf Glück streitig machen.

Tochter Felicitas ist es schließlich auch, die in Milena Agus Roman im Mittelpunkt steht. Weder besonders hübsch, noch besonders klug, findet sie zunächst in Mailand, später wieder auf Sardinien immer den richtigen Weg für sich, auch wenn die Lebensumstände oft schwierig sind und gegen sie sprechen. Immer an ihrer Seite ist ihr Vater Raffaele, der wie sie ein Talent zur Zufriedenheit zu haben scheint.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Familie und besonders einer jungen Frau in unruhigen Zeiten. Dabei wirft Milena Agus die große Frage nach dem halbleeren oder halbvollen Glas auf. Wie sehr liegt es an einem selbst, ob man glücklich oder unglücklich ist? Kann man an jedem Ort der Welt sein Glück finden? Liegt es an den Menschen, mit denen man lebt? Felicitas scheint die Antwort auf diese Fragen zu kennen.

´Eine fast perfekte Welt´ ist ein wundervolles Buch, das die Geschichte klug und einfühlsam erzählt. Ich fand es durchgehend interessant und spannend, oft eigenwillig und immer wieder lustig."

Roman über Freundschaft - "Der Freund" von Sigrid Nunez

Sabine Abel: "Über Jahrzehnte waren eine New Yorker Schriftstellerin und Universitätsdozentin, die Ich-Erzählerin des Buches, und ihr einstiger Lehrer und Mentor befreundet. Er war gutaussehend, sehr charmant und unglaublich klug. Seine Wirkung auf die Frauenwelt wusste er auch stets zu seinen Gunsten zu nutzen. Er war dreimal verheiratet und pflegte zahlreiche Affären mit seinen Studentinnen, ein Macho wie man ihn sich vorstellt. Trotzdem verliert die Ich-Erzählerin weder über ihn, noch über die vielen Frauen in seinem Leben ein schlechtes Wort. Sie teilte mit ihm auf gewisse Weise das Leben, Pläne, Gedanken und Ideen. Umso größer ist der Schock für sie, dass der Freund ihr seinen letzten Plan, nämlich sich das Leben zu nehmen, nicht offenbart hat. Zwar hatte er ihr immer wieder von seinen Schwierigkeiten mit dem Altwerden erzählt und geklagt, dass Altern einer langsamen Kastration gleichkommt. Dass es ihm tatsächlich so schlecht ging, war ihr nicht klar. Sie bleibt in tiefer Trauer zurück. Ebenso groß ist die Trauer von Apollo, der Harlekindogge des Freundes, die sie 'erbt' und mit der sie fortan ihr winziges Apartment teilt - obwohl dort die Hundehaltung verboten ist und sie den Rauswurf riskiert. Nicht nur aufgrund der Enge in der Wohnung kommen sich beide Stück für Stück näher und finden gemeinsam wieder zurück ins Leben. Und mehr: Apollo wird ihr zum Freund. So meint im letzten Kapitel des Buches das 'Du', das bislang dem toten Freund gegolten hatte, nun den zum Freund gewordenen Hund.

Sigrid Nunez erzählt nicht einfach eine Geschichte über den Tod eines geliebten Menschen, sondern verknüpft ihr Erzählen mit dem Nachdenken über Freundschaft, zu Männern und zu Frauen, über das Leben und den Tod.
Auch die Literatur und das Schreiben als Prozess zur Verarbeitung des Lebens stehen im Mittelpunkt dieses Romans.

Wer gerne klassisch, linear erzählte Roman liest, muss sich hier vielleicht ein wenig umgewöhnen. Wer sich aber auf den Stil der Autorin einlässt, hat ein außerordentliches Lesevergnügen vor sich. Die Sprache von Sigrid Nunez ist punktgenau, elegant, amüsant und ernsthaft zugleich. Schade, dass es bisher nur ein Buch von ihr in deutscher Übersetzung gibt."

Thriller - "Dunkle Wut" von Niko Tackian

Sabine Abel: "Tomar Khan hat einen Spitznamen, der ihm allem Anschein nach mehr als gerecht wird. Unter seinen Kollegen bei der Pariser Mordkommission kennt man ihn nur als der ´Pitbull´ Er verbeißt sich tatsächlich so lange in einen Fall oder einen Verdächtigen, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Tomar Khan selbst ist auch nicht gerade das, was man einen gesetzestreuen, unbescholtenen Bürger nennen könnte. Nicht nur bei seinen Ermittlungen, auch privat, schreckt der Kommissar nicht davor zurück, das ein oder andere Gesetz zu brechen. Mit "Dunkle Wut" nimmt uns Niko Tackian bereits das zweite Mal mit in das Paris des Ermittlers. Es ist das Paris der Banlieus, der Vororte, wo die arme Bevölkerung lebt, ohne Perspektive auf ein besseres Leben. Hier ist der perfekte Nährboden für kriminelle Aktivitäten, die Polizei traut sich dort schon fast nicht mehr hin. Trotzdem ist Tomar Khan mit seinem Team sofort zur Stelle, als im Keller eines riesigen, heruntergekommenen Wohnblocks eine schlimm zugerichtete Leiche gefunden wird. Schneller als dem Kommissar lieb ist, gehen Gerüchte um, wonach der Mörder ein unberechenbares, höchst grausames Monster ist, das man nicht aufhalten kann. Tatsächlich finden die Ermittler am Tatort keinerlei Hinweise auf den Täter, gesehen hat sowieso niemand etwas. Doch Khan hat einen Verdacht. Diesmal muss er aber bei seinen Ermittlungen aufpassen. Immerhin ist bereits ein interner Ermittler auf ihn angesetzt, der seine oft illegalen Ermittlungsmethoden aufdecken soll.

Mir gefällt, dass Paris von seiner dunklen Seite gezeigt wird. Tomar Khan ist kein heldenhafter Ermittler, er kämpft mit seinen eigenen Dämonen, hat einige Geheimnisse, die niemals ans Licht kommen dürfen. Insofern ist dieses Buch eine Mischung aus spannendem Thriller und einem Roman noir, der sich auch sehr viel mit der sozialen Ungerechtigkeit in Frankreich und Europa auseinandersetzt. Beste Unterhaltung, aber nichts für zarte Seelen."

Gesellschaftsroman - "Die Bagage" von Monika Helfer

Sabine Abel: "Monika Helfer erzählt in diesem Roman eine Geschichte, die sich sehr an ihre eigene Familiengeschichte anlehnt. Schauplatz der Ereignisse ist ein kleines Dorf im Bregenzer Wald. Am Rand des Dorfes, abseits der Dorfgemeinschaft, wohnt Maria Moosbrugger mit ihrer großen Familie. Gemeinsam mit ihrem Mann Josef bewirtschaftet sie einen kleinen Bauernhof. Die Familie Moosbrugger gilt in der Gemeinde als die 'Bagage': arm, kinderreich und randständig. Das Geld reicht nie und als Josef dann noch in den ersten Weltkrieg ziehen muss, bleiben Maria und die Kinder in bitterer Armut zurück. Maria ist eine wunderschöne Frau und aus der Not heraus gerät sie sehr schnell in Abhängigkeit zum Bürgermeister des Dorfes. Der gibt vor, Maria und ihren Kindern helfen zu wollen, eigentlich geht es ihm aber nur darum, mit Maria ein sexuelles Verhältnis zu beginnen. Als sie ihn abweist, kippt die Situation und aus Hilfsbereitschaft wird pure Verachtung. Zur gleichen Zeit kommt ein Fremder in das Dorf. Er sieht gut aus, ist lustig, ungebunden und natürlich verliebt auch er sich in Maria. Sie werden zusammen gesehen und schnell gibt es viele üble Gerüchte über Marias angebliche Untreue. Selbst als Josef auf Heimaturlaub nach Hause kommt, werden die Stimmen, die Maria ein Verhältnis nachsagen, nicht leiser. Als Josef wieder einrücken muss, ist Maria schwanger. Jetzt brechen alle Dämme im Dorf und eines Tages steht der Pfarrer mit ein paar Gefolgsleuten vor Marias Haus und stemmt den Jesus am Kreuz von der Hauswand.

Dieser Roman schafft es, die Leser schon von der ersten Seite an ins Geschehen einzubeziehen. Man fühlt die Enge des Dorfes und die Engstirnigkeit der meisten Bewohner fast körperlich. Umso schöner ist es dann zu lesen, dass sich die ´Bagage´ kein bisschen darum kümmert, was die Leute denken. Der Zusammenhalt in der Familie ist so groß, dass das ganze Gerede und die schlimmen Unterstellungen den Mossbruggers nichts anhaben können. Ein wunderbares Buch über Familie, Liebe und das große Glück, sich auf die wichtigen Menschen im Leben verlassen zu können."


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