BR Fernsehen - Wir in Bayern


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Bücher Buchtipps von der Frankfurter Buchmesse

Buchhändlerin Sabine Abel hat sich auf der größten Buchmesse der Welt, der Frankfurter Buchmesse, nach spannenden Neuerscheinungen umgesehen, die sie den "Wir in Bayern"-Zuschauer*innen für die Herbsttage empfehlen kann. Natürlich sind auch Buchtipps aus Norwegen, dem diesjährigen Gastland, dabei.

Stand: 21.10.2019

Buchcover: Dror A. Mishani: Drei  | Bild: Diogenes Verlag

Mona Hovring: Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Sabine Abel: "Dicke Wälzer, die den Leser mit in eine ganz eigene Erzählwelt nehmen, sind nicht die Stärke dieser norwegischen Autorin. Ursprünglich schrieb sie Lyrik und auch ihr erster und dieser zweite Roman bestechen durch genaue Formulierungen und ihre eher kurzgefassten Geschichten, die beim Lesen viel Spielraum für die eigene Fantasie lassen. Schauplatz dieses neuen Romans ist ein Hotel in den norwegischen Bergen. Tief verschneit liegt es bei der Ankunft der beiden Hauptfiguren da. Die Schwestern Ella und Martha wollen mehrere Wochen hier verbringen. Martha, die ältere der beiden, hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten und soll sich an der frischen Bergluft erholen. Auf Anraten einer Ärztin wird sie von ihrer jüngeren Schwester begleitet. Ella, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, hat zwar große Bedenken, lässt sich aber trotzdem zu der Reise überreden. Schnell wird klar, dass das Verhältnis der Schwestern schwierig ist. Martha ist es gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Ellas Rolle besteht darin, die große Schwester zu bewundern und sich um sie zu kümmern. Im Hotel verändert sich die Situation aber plötzlich, als Ella sich in die junge, attraktive Dani verliebt und schnell eine erotische Nacht verbringt. Martha ist beleidigt, weil man ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenkt und ist von einem Moment auf den anderen verschwunden. Genau so plötzlich ist sie wieder da, verliebt sich in ihren Tanzpartner und reist mit ihm Hals über Kopf am nächsten Tag ab. Ella bleibt verwirrt zurück.

Die Handlung dieser Geschichte scheint schnell erzählt. Allerdings passieren die entscheidenden Dinge in diesem Roman auf einer anderen Ebene. Auf den knapp 130 Seiten macht Ella eine ihr Leben verändernde Entwicklung durch. Sie sieht endlich, wie sie sich selbst immer im Weg gestanden ist. Nicht zuletzt wird einem beim Lesen dieser Geschichte wieder deutlich, wie komplex und undurchschaubar familiäre Verflechtungen sein können."

Erik Fosnes Hansen: Ein Hummerleben

Sabine Abel: "Auch in diesem Roman aus Norwegen ist der Schauplatz der Geschichte ein Hotel. Es gehört Sedds Großeltern. Doch in den 1980er Jahren wollen immer mehr Norweger Urlaub in südlichen Ländern verbringen, die Lage für das Hotel wird zunehmend schwieriger. Sedd erzählt dem Leser die Geschehnisse aus seiner Sicht. Er ist 11 Jahre alt und trotz seiner Kindlichkeit ein scharfer Beobachter der Ereignisse. Viel wird in diesem Buch vom Hotelalltag erzählt, von den an- und abreisenden Gästen, die stets im Mittelpunkt des Interesses von Sedds Großeltern stehen. Außerdem gibt es noch den Koch Jim, der früher zur See gefahren ist und seit Jahren zur Familie gehört. Er ersetzt Sedd oft Freunde oder Geschwister. Was mit Sedds Eltern passiert ist, bleibt sehr lange im Unklaren, wie auch sonst einiges in der Hoteliersfamilie. In fast plauderhaftem Ton erzählt Sedd, was er sieht, hört und aus den Gesprächen der Erwachsenen meint erschließen zu können. Nach dem Tod des Bankiers, der dem Hotelbesitzer sehr zugetan war, spitzen sich die Ereignisse zu, Sedds Großvater soll keinen neuen Kredit bekommen. Schnell wird dem Leser klar, dass die Geschichte einem unentrinnbaren Fiasko zusteuert. Doch zuvor gilt es noch, das Geheimnis um Sedds Eltern zu lösen.

Dieser Roman erzählt sehr viele Geschichten auf einmal. Die Geschichte der Großeltern, die sich in Österreich kennengelernt hatten, Sedds Alltagsbeobachtungen, das Rätsel um seine Eltern und natürlich auch den Untergang des Hotels. Obwohl sich die Ereignisse gegen Ende hin dramatisch zuspitzen, ist der Grundton des Romans eher heiter. Besonders die Passagen, in denen Sedd aus dem Hotelleben plaudert, und dem Leser fast unabsichtlich so die Geheimnisse seiner Familie verrät, fand ich großartig."

Robert Harris: Der zweite Schlaf

Sabine Abel: "Robert Harris ist berühmt für seine historischen Romane und Thriller. Egal, ob er sich in seiner Cicero-Trilogie mit dem alten Rom befasst, oder ob er sich mit Nazi-Deutschland beschäftigt, immer zieht er seine Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in den Bann seiner Geschichten. Diesmal, so kommt es einem am Anfang des Romans vor, hat er sich das Mittelalter oder die frühe Neuzeit vorgenommen. So heißt es gleich auf den ersten Seiten des Romans, er spiele im Jahr 1468. Man begleitet einen einsamen Reiter auf dem Weg zu einem verstorbenen Freund und Pfarrer. Er reitet durch einen entlegenen Teil Englands, um seinen Freund zu beerdigen. Bald aber erkennt man, dass Fairfax, ein junger Priester, keine Figur aus dem Mittelalter ist. Im Arbeitszimmer seines Freundes angekommen, entdeckt er in einer Vitrine Dinge aus der Vergangenheit, Spielzeug aus Plastik und ein Mobiltelefon. Wir befinden uns zwar im 15. Jahrhundert, allerdings ist dieses Jahrhundert Teil einer neuen Zeitrechnung. Nach einer schrecklichen Katastrophe wurde die Zeitrechnung auf null zurückgesetzt. In dieser neuen Welt hat die Kirche die absolute Kontrolle übernommen, alle technischen Errungenschaften unserer Zeit gehören der Vergangenheit an. Die kirchlichen Oberhäupter haben ein sehr strenges System aus Regeln und Gesetzen eingeführt. Zum Beispiel gilt es als Todsünde, die Vergangenheit erforschen zu wollen. Doch genau das hat Fairfax vor. Schnell ahnt er, dass sein Freund keines natürlichen Todes gestorben ist. Je mehr er nachforscht und je mehr er in Erfahrung bringen kann, desto mehr gerät sein eigenes Leben in Gefahr. Zu mächtig sind seine Gegenspieler.

Dieses Buch kann man eigentlich nur in einem Rutsch lesen. Einmal damit angefangen, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Die Figuren und die von Harris erschaffenen Zukunftsvisionen sind so lebhaft und plausibel dargestellt, dass man die Spannung kaum aushalten kann."

Dror A. Mishani: Drei

Sabine Abel: "Im Mittelpunkt dieses Romans stehen drei Frauen, jeder von ihnen ist ein eigener Teil gewidmet. Im ersten Teil geht es um Orna. Sie ist Anfang vierzig und Mutter eines neunjährigen Jungen. Die Trennung von ihrem Ehemann, der sie wegen einer anderen verließ, hat sie noch nicht wirklich überwunden. Auch ihr Sohn leidet sehr darunter. Als sie dann auch noch erfährt, dass ihr Exmann wieder Vater wird, meldet sie sich aus Frust bei einem Onlinedating-Portal an. Dort trifft sie Gil. Er ist zwar nicht ihr Traummann, aber nett, gepflegt und ein guter Zuhörer. Im zweiten Teil geht es um Emilia, einer Lettin, die in Israel als Altenpflegerin arbeitet. Emilia kümmert sich in einem Privathaushalt um einen dementen Mann, ihre einzige Bezugsperson. Als der stirbt, ist sie völlig allein in einem ihr fremden Land. Sie kann sich keine Wohnung mehr leisten und zieht irgendwann zu ihrer neuen Patientin in ein kleines Zimmer im Altenheim. Sie wird schlecht bezahlt, respektlos behandelt und hat schreckliches Heimweh. Da tut es ihr sehr gut, endlich den Rechtsanwalt Gil kennenzulernen, der sich um ihre Arbeitspapiere kümmern will und ihr ein Freund zu werden scheint. Im dritten Teil des Romans steht die Polizistin Ella im Mittelpunkt, eine junge Mutter, die erst vor kurzem ihre Babypause beendete und voller Ehrgeiz ihren Polizeidienst wiederaufnimmt. Bei den Ermittlungen zu einem Todesfall in Tel Aviv stößt sie immer wieder auf einen Mann namens Gil.

Ich habe selten einen so ausgeklügelten Thriller gelesen. Bis zum Schluss blieb es mir ein Rätsel, wie die drei Teile des Romans zusammenhängen. Der rote Faden in dieser Geschichte ist die Stadt Tel Aviv als Schauplatz und Gil, die Person, die in allen drei Teilen eine wichtige Rolle spielt. Mehr wird nicht verraten!"

Verlosung

Einsendeschluss ist Sonntag 27.10.2019 um 23:59 Uhr

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