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Bücher Bayerische Geschichten

Bayerische Heimatkrimis haben in den vergangenen Jahren einen richtigen Hype erlebt. Doch Bayerns Literaturlandschaft hat weit mehr zu bieten. Buchhändlerin Sabine Abel stellt ihre Lieblingsbücher aus und über Bayern vor - und zwar solche, die noch nicht jeder kennt.

Stand: 30.04.2018

Buchcover "Rosalie" (Berni Mayer) | Bild: DuMont Buchverlag

Ambach: Die Auktion/Die Tänzerin (Jörg Steinleitner/Matthias Edlinger)

Sabine Abel: "Ursprünglich waren die Krimis der Ambach-Reihe ausschließlich als E-Book geplant. Wegen ihres großen Erfolgs im Netz wurden sie nun aber auch im Buchformat veröffentlicht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein sehr ungleiches Brüderpaar mit dem Familiennamen Ambach. Christian Ambach ist ein äußerst erfolgreicher und europaweit geschätzter Kunsthistoriker. Felix Ambach hingegen will im Leben nichts so richtig gelingen. Das einzige, was er wirklich beherrscht, ist die Kunstschnitzerei. Gerade dafür wird er aber von seinem berühmten Bruder am meisten belächelt. Als Christian seinem Bruder dann auch noch die Freundin ausspannt, ist das Maß voll.

Felix heckt einen Plan aus, wie er seinen Bruder ein für alle Mal vernichten kann. Er fälscht Heiligenfiguren des berühmten Renaissance-Bildhauers Tilmann Riemenschneider. Sobald sein Bruder deren Echtheit zertifiziert hat, will er die Bombe platzen lassen und ihn so vor der gesamten Kunstwelt blamieren. Doch dann kommt alles anders. Ein zwielichtiger Kunstvermittler bietet ihm einen unfassbar hohen Geldbetrag, wenn er sich auf Geschäfte mit ihm einlässt. Ein verlockendes Angebot, das für den naiven Felix aber mehr Gefahren birgt, als er zunächst vermutet. Dann lernt Felix auch noch ein äußerst attraktives Nacktmodell kennen, dessen Charme er sofort erliegt. Auch eine erste Leiche lässt nicht lange auf sich warten. Schnell muss Felix feststellen, dass er die Situation nicht mehr im Griff hat.

Die Geschichte spielt zwischen bayrischer Provinz und Paris und hat einfach alles, was zu einem spannenden Thriller gehört. Außerdem erfährt man ganz nebenbei so einiges über die Kunstwelt und deren Figuren.

Für mich sind die insgesamt sechs Teile der Ambach-Reihe ein echtes Muss für alle Krimifans, nicht nur für Liebhaber bayerischer Lokalkrimis. Jedes Buch enthält zwei Teile, die jeweils mit einem Cliffhanger aufhören. Da muss man einfach weiterlesen!"

Rosalie (Berni Mayer)

Sabine Abel: "Das Dorf Praam liegt tief in der bayrischen Provinz. Es gibt dort eine Kirche, ein Wirtshaus und einen Sportplatz. Als wichtigste Instanz gelten der Pfarrer und danach die Großbauern der Gegend. In dieser Umgebung wächst Konstantin Wolff als Sohn der Wirtsleute auf. Er leidet an der Enge und Engstirnigkeit seiner Umgebung, hat dauernd Streit mit seinen Eltern und seinem tyrannischen Großvater. Wenn er nicht gerade mit seinen Freunden Böhmi und Bartl und einer Flasche selbstgemachtem Likör die Zeit totschlägt, träumt er von der Zeit nach der Schule, wenn er endlich aus Praam verschwinden kann. Doch dann taucht eines Tages Rosalie auf. Sie ist mit ihrem alleinerziehenden Vater aus München in das Dorf gezogen. Rosalie ist anders als alle Mädchen, die Konstantin bisher gekannt hat. Sie ist frech, aufmüpfig, sagt laut, was sie denkt, selbst wenn sie sich damit immer wieder viel Ärger einhandelt. Jedes Mal, wenn die beiden sich treffen, wird Konstantins Welt ein Stückchen offener, entfernt er sich ein Stückchen weiter von der Enge seiner Heimat. Natürlich verliebt Konstantin sich in Rosalie und die beiden erleben ihre erste große Liebe ...

Als die beiden einen Ausflug zu einem nicht weit entfernten Wasserschloss machen und durch eines der Fenster einsteigen, entdecken sie die Leiche des Schlossherrn.

In diesem Moment verändert sich der Roman. Statt in einer Geschichte über eine junge Liebe und das Erwachsenwerden in der bayrischen Provinz, befinden wir uns plötzlich in einer Kriminalgeschichte. Gemeinsam mit seinem Onkel, der Journalist bei einer Lokalzeitung ist, recherchiert Konstantin die Geschichte des Schlosses und seiner Bewohner. Zusammen führen sie dem Dorf vor Augen, welch menschenverachtenden Zweck das Schloss während des Dritten Reiches erfüllte. Wie sehr die älteren Dorfbewohner darin verwickelt sind und wie sehr sie über Jahrzehnte versucht haben, die Geschichte einfach wegzuschweigen.

Berni Mayer, der selbst aus einem niederbayerischen Dorf stammt und wahrscheinlich in ganz ähnlichen Verhältnissen großgeworden ist, wie seine Hauptfigur, erzählt eigentlich vier Geschichten auf einmal. Eine Liebesgeschichte, eine Geschichte übers Erwachsenwerden, eine Krimigeschichte und eine Geschichte über das Leben in der bayerischen Provinz. Obwohl alle diese Themen ein echtes Minenfeld an Klischeefallen sind, tritt Berni Mayer in keine einzige. In einer wunderbar lakonischen Sprache schildert er Konstantins Erlebnisse und seine Umgebung und wird dabei nie kitschig oder vereinfachend. Ein großartiges Buch für alle, die einen bayrischen Roman lesen wollen und dabei gern auf Lokalkitsch verzichten."

Bayerische Seeungeheuer (Karl-Heinz Hummel)

Bayrische Seeungeheuer (Karl-Heinz Hummel) | Bild: Chiemseebild-Verlag

Sabine Abel: "Diese aquadämonische Legendensammlung ist der zweite Teil einer insgesamt auf vier Teile angelegten Sagenreihe aus Bayern. Im diesem zweiten Band ist der Autor Karl-Heinz Hummel auf der Suche nach ungeheuren und sagenhaften Kreaturen in bayerischen Seen und Gewässern. Und hier ist einiges geboten. Hummel nimmt seine Leser mit zu gemeinen Wetterhexen, lustigen Wassernixen und scheußlichen Seeschlangen. Selbstverständlich dürfen auch verborgene Schätze nicht fehlen. In den über zwanzig Sagen, die in diesem Buch erzählt werden, stoßen wir auch auf das 'Unleidl', ein geistartiges Wesen, das - ganz seinem Namen entsprechend - gern schlechte Stimmung und Missgunst unter den Menschen verbreitet. Zuhause ist es im Schilf der Krautinsel auf dem Chiemsee, einer kleinen Insel zwischen der Frauen- und der Herreninsel. Dort trafen sich in früheren Zeiten gerne die Mönche und Nonnen, um das triste Klosterleben ein wenig zu vergessen. Das passte dem Unleidl natürlich nicht und so streute es Gerüchte, die bis zu den Kirchenobersten nach München getragen wurden. Da war natürlich schnell Schluss mit den lustigen Treffen auf der Krautinsel.

Dieses Buch ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Sagen und Legenden werden so eindringlich erzählt, dass man sofort das klare bayerische Wasser gurgeln hört. Dazu ergänzen die aufwändig gestalteten Bilder die Geschichten geradezu perfekt. Ganz besonders: Jedem Band ist ein Lesezeichen beigelegt, das man am besten gut aufhebt. Hat man nämlich alle vier Lesezeichen und legt sie aneinander, erhält man eine echte Schatzkarte."

Neubayern (Florian F. Scherzer)

Sabine Abel: "Florian Scherzer hat in einem Interview gesagt, dass er jeden Tag eine Stunde an seinem Debütroman Neubayern geschrieben hat und zwar nachdem er seine Tochter in die Schule gebracht hat und bevor er zur Arbeit musste. Was er in dieser einen Stunde pro Tag fabriziert hat, ist ein spannender, manchmal gruseliger, manchmal auch komischer Roman.

Angesiedelt ist das Geschehen in dem kleinen Dorf Oberpfaffing irgendwo im bayerischen Voralpenland. Das Dorf und seine Umgebung, die Landschaft und die Bewohner scheinen auf den ersten Blick einem waschechten Heimatroman entsprungen. Doch schon nach wenigen Seiten merkt der Leser, dass das Idyll trügt. Irgendetwas stimmt nicht in Oberpfaffing! Ein Junge ist verschwunden, nachdem er wegen angeblichem Viehfieber mehrere Tage beim Dorfarzt verbringen musste. Der einzige, der sich wirklich Sorgen um ihn macht, ist sein bester Freund, Johann Schwarz. Der hat zufällig ein Gespräch mit dem Gendarm aus dem Nachbarort und einem Regierungsbeamten aus der Stadt mitgehört, in dem es darum ging, was mit Benno passieren soll. Für Johann ist klar, dass man seinen Freund ins weit entfernte München gebracht hat und ihm dort natürlich nichts Gutes widerfahren wird. Er vertraut sich Joseph Kiener an, der als Fischer in Oberpfaffing lebt. Der wird vom Rest der Dorfgemeinschaft sowieso nur ausgelacht oder ignoriert, weil er weder Land noch Vieh besitzt. Deswegen scheint er für eine geheime Mission der Geeignetste zu sein.

Oder sind am Ende doch die Perchteln an allem schuld? Das glauben zumindest die anderen in Oberpfaffing. Die Perchteln sind kleine, dämonenhafte Lebewesen, die im Aberglauben der Dorfbewohner hinter einer massiven Felswand leben und ab und zu hervorkommen, um den Menschen Unheil zu bringen. Joseph Kiener macht sich auf den Weg, das Rätsel zu lösen. Spätestens jetzt wird klar, dass in Neubayern überhaupt nichts so ist, wie man zu Beginn des Romans vielleicht gedacht hat.

Dieses Romandebüt ist ein kleines Meisterwerk. Es vereint gleich mehrere Genres miteinander. Man fühlt sich zeitweise wie in einem Buch von Oskar Maria Graf. Immer dann, wenn Scherzer das harte, unerbittlich schwere Leben der Bauern beschreibt oder von dem ganzen Dreck und dem recht lieblosen Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern erzählt. Dann ist dieses Buch wiederum schauerlich und düster und unheimlich wie eine Spukgeschichte von Edgar Allan Poe. Manchmal befindet man sich als Leser in einem wilden Road Movie durch das Bayern des 19. Jahrhunderts."

Mittersendling (Olaf Maly)

Sabine Abel: "Olaf Maly erzählt in seinem Buch Geschichten einer Kindheit und Jugend in München. Der Held der Geschichten heißt Hansi und wächst im Stadtteil Mittersendling in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg als Sohn einer alleinstehenden Mutter auf. Mittersendling war in diesen Jahren ein sehr einfaches, eher armes Arbeiterviertel. Es waren also recht bescheidene Verhältnisse, in denen Hansi aufwächst. Aber es gibt dort einiges zu erleben. Ganz in der Tradition Ludwig Thomas werden die Leser Zeuge der größeren und kleineren Streiche der Buben. Zum Beispiel wenn sie mit dem Fußball Fensterscheiben einschießen oder in Raufereien geraten. Auch der dauernde Hunger und die Geldnot der Eltern treiben die Buben immer wieder in halblegale Abenteuer. An einem besonders kalten Wintertag beschließen Hansi und ein Freund, herumliegende Kohlen zu stehlen, damit ihre Mütter die Wohnungen richtig warm bekommen. Als sie vom Hausmeister erwischt werden, müssen sie sich schnell eine richtig gute Entschuldigung einfallen lassen.

Aber Olaf Maly schlägt von Zeit zu Zeit auch nachdenklichere Töne an. Vor allem dann, wenn es um Hansis Mutter geht, von der man erfährt, dass sie nicht ganz freiwillig nach München gekommen ist. Als Tochter armer Bauern aus der Nähe Münchens hat man sie einfach weggeschickt als klar wurde, dass sie schwanger war. Oder wenn Hansi versucht, seiner Mama eine Freude zu machen und einen wildfremden Mann bittet, für sie Geige zu spielen. Trotz aller Untaten muss man Hansi und seine Spetzln einfach gern haben.

Für jeden, der gerne lustige und unterhaltsame Geschichten mag, ist dieses Buch hervorragend geeignet. Dazu kommt, dass man als Leser in eine längst vergangene Zeit eintaucht und die Fünfziger Jahre in München aus Sicht eines echten Lausbuben miterleben kann. Vieles aus den Geschichten, die wir von Hansi erzählt bekommen, kennen wir vielleicht aus den Geschichten unserer Eltern und Großeltern. Umso gemütlicher und heimeliger wird das Gefühl beim Lesen."


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