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Psychologie Ängstliche Kinder unterstützen und stärken

Angst gehört zu unserem Leben. In neuen oder gefährlichen Situationen ängstlich zu sein, ist Teil einer ganz normalen Entwicklung. Es schützt davor, sich vorschnell Gefahren auszusetzen oder Fehler zu wiederholen. Doch wie verhalte ich mich, wenn ich ein ängstliches Kind oder Enkelkind habe? Tipps von Familientherapeutin Birgit Salewski.

Stand: 11.06.2019

Birgit Salewski, Familientherapeutin bei "Wir in Bayern" | Bild: Wir in Bayern

Familientherapeutin Birgit Salewski wird in der Sendung auf folgende Fragen eingehen:

Welche Ängste sind denn normal bei Kindern und Jugendlichen?

Birgit Salewski: "Kinder und Jugendliche zeigen Ängstlichkeit beispielsweise in den klassischen Übergangsphasen, wenn sie in den Kindergarten oder in die Schule kommen. Auch gibt es - je nach Alter - normale Ängste: Bei Kleinkindern die Dunkelangst, die Angst vor dem Monster unterm Bett oder alleine in den Keller zu gehen. Bei Jugendlichen ist es z. B. normal, Angst vor Prüfungen oder Referaten in der Schule zu haben oder in bestimmten sozialen Situationen zurückgewiesen zu werden."

Wenn die Angst "normal" ist, wie gehen Kinder mit Angst um?

 "In der Regel haben Kinder einen spielerischen Umgang mit ihren Ängsten. Sie nähern sich Situationen an, probieren etwas aus, um ihre Ängstlichkeit zu überwinden und machen so einen Schritt nach dem anderen und trauen sich so nach und nach immer mehr zu. Wenn am Spielplatz beispielsweise ein schönes, großes und sehr hohes Klettergerüst steht, dann ist dies in der Regel zum einen faszinierend, aber auch ein bisschen ängstigend. Die Kinder lassen sich von ihrem Interesse leiten und versuchen, das Gerüst zu erobern. Dabei gehen sie in Etappen vor und erreichen so bei jedem Versuch etwas mehr. Im Laufe der Zeit und wenn sie vielleicht auch ein bisschen älter geworden sind, klettern sie mühelos das Gerüst rauf und runter. Das nennt man das 'gewagte Spiel'. Dieses gewagte Ausprobieren und immer wieder neu zu versuchen und damit Weiterkommen ist für Kinder zur Entwicklung ihrer Selbstwirksamkeit und auch für ihre soziale Kompetenz und Integration extrem wichtig."

Wie kann ich meinem Kind/Enkelkind am besten helfen, wenn es Angst vor etwas hat?

"Eltern sind oft hilflos, wie sie ihre Kinder bei Ängsten oder Zaghaftigkeit gut unterstützen können. Manchmal ignorieren sie auch die Ängste der Kinder oder spielen sie herunter. Zwei Wege sind nicht so hilfreich: Manche Eltern glauben, die maximale Konfrontation mit der angstauslösenden Situation würde die Kinder von ihren Ängsten befreien. Die Eltern schmeißen quasi das Kind ins kalte Wasser und überlassen es sich selbst, damit es sich selbst aus der Situation befreit. Hier wird das Kind alleine mit der Situation gelassen, es wird damit erneut überfordert und erhält keine Unterstützung der Eltern oder Großeltern.

Der andere extreme Weg ist, das Kind vor allem und jedem zu beschützen, zu warnen und zu schonen. Kinder lernen so, Situationen, die ihnen Angst machen, zu vermeiden oder sich in die rettenden Arme von Mama und Papa zu flüchten, die es dann trösten. So lernen Kinder jedoch nicht, mit den Ängsten umzugehen, sondern laufen davon und brauchen ständig Trost und eine Sonderbehandlung. Dadurch wird eine Weiterentwicklung beim Kind verhindert, die Ängstlichkeit kann sich verstärken.

Was den Kindern aber wirklich hilft, sind aus meiner Erfahrung zwei Dinge: Erstens müssen die Eltern lernen, die Ängstlichkeit ihrer Kinder anzunehmen und auszuhalten und nicht in die zwei oben genannten Muster zu verfallen. Das Kind bekommt so die Rückmeldung, dass es nichts falsch macht und in seiner Ängstlichkeit angenommen wird. Dies vermittelt dem Kind die Sicherheit, die es braucht, um seine Ängste zu überwinden.

Das Zweite ist, dass Kinder Erfahrungsmöglichkeiten brauchen, in welchen sie ihre Ängste schrittweise überwinden können. Dafür brauchen Kinder die Hilfestellungen und die Zuversicht der Eltern, dass die Angst zu überwinden ist. Erst wenn die Eltern dem Kind vermitteln, 'Ich traue es Dir zu, Du schaffst das, wir bleiben bei Dir', kann das Kind selbst die Zuversicht entwickeln, die es zur Überwindung von ängstigenden Situationen braucht.

Wichtig ist also, das Kind nicht zu ignorieren, es nicht zu überfordern, nicht falsch zu beschützen, sondern stark an seiner Seite zu stehen und es zu unterstützen."

Wie kann ich meinem Kind helfen, wenn ich selbst Ängste habe?

"Eltern, die selbst ängstlich sind, schaffen es oftmals nicht, ihre Kinder adäquat zu unterstützen. Ihnen nimmt die Angst die Möglichkeit, daran zu glauben, dass eine Situation für das Kind zu überwinden möglich ist. Daher ist es als Eltern notwendig, die eigene Ängstlichkeit zu überwinden, um so auch die eigenen Kinder besser unterstützen zu können."

Ab wann sind diese Ängste nicht mehr "normal" und wann spricht man von einer Angststörung?

"Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Ca. 10 Prozent leiden in einer Phase ihrer Kindheit oder Jugend darunter. Dies muss jedoch von einem Kinder- und Jugendpsychiater oder -psychotherapeuten diagnostiziert werden. Wenn Ängste intensiv sind, über mehrere Monate anhalten und einen normalen Alltag deutlich verhindern, kann man von einer Angststörung sprechen. So ist es dem Kind beispielsweise unmöglich, in den Kindergarten oder die Schule zu gehen. Kinder vermeiden soziale Situationen mit Gleichaltrigen, bestimmte Situationen und Orte. Man unterscheidet verschiedene Ängste, z.B. Trennungsangst, Phobien, soziale Ängste und die generalisierte Angststörung. Viele Kinder sprechen nicht ausdrücklich über ihre Angst, sondern berichten über Bauchweh, Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schwindel. Sie verhalten sich auch auffällig bei Angst, hier gilt es also ebenfalls genau hinzusehen. Die Kinder wirken in sich gekehrt, laufen weg, verstecken sich, weinen, klammern, andere Kinder werden auch aggressiv. Das alles können Anzeichen von Ängsten sein. Ängste sollten Sie ernst nehmen und rechtzeitig Hilfe holen. Eine Angststörung muss dringend behandelt werden, da es eine hohe Komorbidität (Begleiterkrankung) mit anderen Erkrankungen gibt wie Depression oder Substanzmittelabhängigkeit."


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