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Psychologie Angst vor Corona? So gehen Sie am besten damit um!

Angst vor dem Coronavirus, Angst vor Klimakatastrophen, Verlustangst, Versagensangst - Angst können Sie in vielen Bereichen haben. Doch wie geht man am besten mit seiner Angst um? Tipps von Familientherapeutin Birgit Salewski.

Stand: 06.03.2020

Birgit Salewski, Familientherapeutin bei "Wir in Bayern" | Bild: Wir in Bayern

Was ist Angst genau?

Birgit Salewski: "Angst ist eines der Grundgefühle, welches prinzipiell jeder Mensch empfinden kann. Angst entsteht bei realen oder angenommenen Bedrohungen und ist ein Gefühl der negativen Erregung. Als Bedrohung wird in der Regel die Möglichkeit gesehen, zum Beispiel körperlich Schaden zu nehmen, der Verlust der Lebensgrundlage oder die Beschädigung des Selbstwertes.
Das Gefühl der Angst führt in der Regel zu einem Vermeidungs- oder Fluchtreflex. Dieser hilft aktiv, uns zu schützen. Somit hat Angst eine ganz wichtige Funktion in unserem Leben: Sie weist uns auf mögliche Gefahren hin und lässt uns innehalten, bevor wir uns in (potentiell) gefährliche Situationen begeben."

Wo ist die Grenze zwischen Sorge, Angst und Panik?

Birgit Salewski: "Wenn wir uns Sorgen machen, dann beschäftigen wir uns gedanklich mit der Zukunft und was dort möglicherweise für Herausforderungen, Bedrohungen oder Nöte auf uns zukommen könnten. Das heißt, der Fokus verschiebt sich in Richtung möglicher Bedrohung in der Zukunft und möglicher negativer Folgen. Wir versuchen, uns gedanklich schon einmal mit bestimmten Situationen zu beschäftigen und spielen verschiedene Szenarien durch, um quasi gewappnet zu sein oder schon einmal Lösungen für Probleme zu finden, von denen wir annehmen, dass sie eintreten.

Sorgen machen wir uns um uns, andere und besonders um uns nahestehende Personen. Aber auch z. B. um die aktuelle Entwicklung in Sachen Ausbreitung des Coronavirus. Emotional ist die Stimmung meist etwas gedrückt, aber wir sind noch in der Lage, Gedanken gegeneinander abzuwägen und sind emotional ablenkbar. Wichtig ist hier, zwischen realistischen und unrealistischen Sorgen zu unterscheiden.

Panik ist eine extreme Form der Angst, sozusagen die stärkste innere Alarmsirene, die wir haben. Sie tritt in der Regel in unmittelbar lebensbedrohlichen Situationen auf. Panik lässt uns emotional überreagieren, verengt unser Blickfeld und lässt uns oft irrational handeln. Panik passiert somit jenseits unseres kognitiven Einflussbereiches. Hier kann man sich nur noch mit Körperregulation beruhigen: langsames und bewusstes Atmen, Bewegung an der frischen Luft, Hautkontakt zu vertrauten Menschen oder Tieren etc."

Wie schätzt Du die Entwicklung der Angst hinsichtlich des Coronavirus ein?

Birgit Salewski: "Alles was fremd ist, ist geneigt, uns zu sorgen oder sogar Angst zu machen. Die Sorge davor zu erkranken, ist eine ganz natürliche Reaktion auf einen Virus, den wir noch nicht kennen und der sich schnell verbreitet.

Doch rate ich hier wie immer zu einem Faktencheck: Gehöre ich zu einer Risikogruppe? Was wird von offizieller Seite konkret empfohlen? Was kann jemandem wie mir nach aktuellem Wissensstand schlimmstenfalls passieren? Was kann ich konkret tun, um mich zu schützen? Die meisten Menschen sind nach so einem Faktencheck orientiert und somit beruhigt. Sie wissen, was in ihrem individuellen Fall zu tun ist, was Sicherheit gibt."

Was rätst Du unseren Zuschauern, die große Angst vor dem Virus haben?

Birgit Salewski: "Meine Meinung ist, dass die Sorgen um diesen Virus zwar nachvollziehbar, vereinzelte Reaktionen oder Handlungen allerdings übertrieben sind. Diese sollten wir aber nicht auf uns alle übertragen! Den Großteil der Menschen nehme ich als ruhig, aber vorsichtig war und nicht panisch oder kopflos.


Wenn einzelne Menschen sehr besorgt sind, rate ich dringend zu einem Faktencheck anhand der von den offiziellen Internetseiten empfohlenen Kriterien, z. B. ob ich in einem Risikogebiet war etc. Ebenso wollen die meisten Menschen aktiv etwas tun, um sich nicht ausgeliefert oder ohnmächtig zu fühlen. Auch hier gibt es ja eindeutige Empfehlungen für unser Verhalten, z. B. das regelmäßige Händewaschen oder auch der Vorräte anzulegen. Aber mehr ist oftmals gerade nicht zu tun. Und das müssen wir lernen auszuhalten.


Wer sich bezüglich einer bestehenden Vorerkrankung Sorgen macht, sollte auch auf den offiziellen Internetseiten Informationen suchen oder seinen behandelnden Arzt ansprechen. Wichtig ist, auf Informationen von Fachläuten zu hören und sich nicht von Pseudo-Experten in den Wahnsinn treiben zu lassen.


Manche Menschen verbringen viel Zeit damit, auf die neuesten Nachrichten zu lauern und ständig zu recherchieren. Umso mehr Zeit ich damit verbringe, umso präsenter wird das Thema auch in meinem Leben. Daher ist es wichtig, sich auch Auszeiten von diesem Thema zu nehmen und mit Familie und Freunden bewusst über andere Themen zu sprechen. Das hat nichts mit Ignoranz zu tun, aber es braucht auch Zeiten, in denen man von möglichen Sorgen oder Ängsten abgelenkt wird, um sich zu beruhigen."

Wie sollte man mit Kindern am besten über das Corona-Virus sprechen?

Birgit Salewski: "Für Kinder sind zunächst altersangemessene Infos wichtig, sofern sie von dem Thema in der Schule etc. mitbekommen. Wichtig ist, Kinder zu beruhigen, keine Panik auszulösen und auch bei Fragen der Kinder behutsam und ruhig Auskunft zu geben. Manche Kinder brauchen dabei etwas mehr Beruhigung als andere. Unbedingt sollte man darauf achten, auf welche Informationen Kinder und auch Jugendliche in den sozialen Medien stoßen: Hier kann man Kinder und Jugendliche aktiv befragen und ihnen alternative Informationsquellen seriöser Natur anbieten, damit sie nicht auf Fehlinformationen 'hereinfallen' und sich unnötig Sorgen machen. Mit kleineren Kindern kann man spielerisch das Händewachen üben, größere Kinder schaffen das dann schon alleine."


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