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Psychologie In Zeiten des Coronavirus: Wie Familien den Alltag meistern können

Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen wegen des Coronavirus stehen derzeit Familien vor der Aufgabe, gute Nerven zu haben und kreativ zu sein. Die Kleinkinder wollen bespaßt werden, die Schulkinder müssen ihre Aufgaben erledigen, die meisten Eltern machen Homeoffice. Und das alles teilweise auf kleinstem Raum. Familientherapeutin Birgit Salewski gibt Tipps, wie Sie Ihren Alltag in dieser Ausnahmesituation am besten meistern können.

Stand: 01.04.2020

Ein kleines Mädchen tanzt mit ihrer Mutter im Wohnzimmer. | Bild: dpa / Fotografin: Christin Klose

Räumliche Enge, Homeoffice und Heimunterricht für die Kinder - für viele Familien verändert Corona den Alltag. Wir haben mit der Familientherapeutin Birgit Salewski gesprochen, die derzeit Online-Beratungen anbietet und uns Tipps für einen gelungenen Familienalltag gibt. Außerdem hat Birgit Salewski wichtige Internetadressen und Telefonnummern von Ansprechpartnern zusammengestellt, die Eltern, aber auch Kinder und Jugendliche kontaktieren sollten, wenn sie Unterstützung brauchen.

Wir arbeitest du derzeit? Machst du deine Beratungen online?

Birgit Salewski: "Ich kann gerade das meiste über Telefon oder Videochat erledigen. Das klappt ganz gut, ist aber aktuell noch eine Umstellung für alle Beteiligten."

Was bewegt deine Klienten derzeit am meisten? Mit welchen Fragen/Problemen wenden sie sich an dich?

Birgit Salewski: "Da ist die Palette ziemlich breit: Häufig ist momentan die veränderte räumliche Nähe durch die Ausgangsbeschränkungen. Das ist für viele Familien nicht nur eine Herausforderung, sondern eine echte Belastung. Der Alltag muss neu strukturiert werden, Eltern müssen auf einmal Lehrer sein und sich dazu auch noch von zu Hause aus um den Job kümmern.

Für Familien, die sowieso schon ein belastetes Familienleben haben, kommt diese Herausforderung noch oben drauf. Dazu kommt, dass viele Ältere, Behinderte oder Kranke Hilfe brauchen. Das kann für Familien schnell in Stress ausarten.

Daneben geht es auch um die Sorge vor einer Ansteckung oder Erkrankung, was insbesondere Menschen der sogenannten Risikogruppen Sorgen bereitet. Dazu kommen echte Existenzängste, Ängste im Umgang mit Ungewissheit und auch Sorgen um nahe Angehörige oder Freunde, wenn diese beispielsweise nicht mehr im Seniorenheim besucht werden können."

Nehmen wir mal als Beispiel eine vierköpfige Familie: Vater und Mutter arbeiten beide im Homeoffice, das eine Kind ein Schulkind, das andere ein Kleinkind. Wie lässt sich arbeiten, während die Kinder bespaßt werden wollen?

Birgit Salewski: "Es ist unser Wunschdenken, dass das alles 'mal eben' unter einen Hut passt. Das tut es aber oftmals nicht.

Ein Schulkind hat aktuell nicht frei, sondern bekommt seine Lernaufgaben trotzdem von der Schule gestellt. Da die Kinder Unterstützung dabei brauchen, sind natürlich die Eltern hier zusätzlich gefordert.

Und ein Kleinkind kann ich nicht einfach 'parken' und entspannt vier Stunden am Stück arbeiten. Der Rhythmus von Kleinkindern hat seine eigenen Regeln, die wird auch der Bedarf an Homeoffice oder Homeschooling nicht einfach aushebeln können.

Das heißt: Man muss als Erwachsener sehr schnell Prioritäten und neue Strukturen schaffen, damit der Alltag einigermaßen zu bewältigen ist. Zwei Erwachsene können sich hier in der Kinderbetreuung gut abwechseln, das ist ein Vorteil."

Wie lässt sich mit dieser Mehrfachbelastung und der räumlichen Enge am bestem zurechtkommen?

Birgit Salewski: "Wir alle haben diese Erfahrungen noch nicht gemacht, daher ist dies Neuland für Familien, aber auch für uns als Gesellschaft.

Als Erstes brauchen die Eltern eine innere Gelassenheit, nach dem Motto: Ungewöhnliche Zeiten fordern uns, wir schauen mal, wie wir es hinbekommen! Das heißt: Keine Ansprüche auf Perfektion, das erzeugt nur weiteren Stress!

Wie immer hilft Struktur in einer solchen Zeit:

  1. Entwickeln Sie gemeinsam einen geregelten Tagesablauf mit einem Teil Pflichtprogramm, gemeinsamen Aktivitäten im Haushalt (Kochen, Aufräumen, Putzen, Einkaufen) und natürlich Spiel und Freizeit.
  2. Legen Sie Arbeitszeiten, Schulzeiten, Essenszeiten und Medienzeiten fest.
  3. Legen Sie die Nutzung der Räume fest. Wenn es z. B. nur ein Kinderzimmer, aber drei Kinder gibt, dann müssen andere Orte für die Schularbeiten und auch für das Spielen gefunden werden, damit die räumliche Enge auch mal entlastet wird.
  4. Wichtig sind auch Zeiten, in denen sich jeder zurückziehen kann und auch solche, in denen die Familie zusammen ist.
  5. Planen Sie Zeit für Bewegung an der frischen Luft ein, allein und zusammen.
  6. Planen Sie Zeit für Entspannung ein. Das brauchen Erwachsene, Jugendliche und auch Kinder.
  7. Bleiben Sie mit Freunden und Angehörigen aktiv in Kontakt und fördern Sie auch die Kontakte der Kinder per Telefon, Chat oder Videochat.
  8. Vielleicht ergeben sich Gelegenheiten für neue und kreative Dinge, wie z. B. etwas Neues lernen (Instrument oder Sprache), das Zimmer umgestalten etc.
  9. Besondere Zeiten wie diese sind nicht die Zeit für Grabenkämpfe mit (Ex-)Partnern, Kindern oder anderen Familienmitgliedern: Jeder ist aufgerufen, hier mitzuhelfen, Streit zu schlichten und zu vermeiden!

Kinder und Jugendliche haben ihrem Alter entsprechend im Tagesablauf natürlich Mitspracherechte, aber auch Pflichten. Eltern sollten sich unbedingt erlauben, situativ Prioritäten zu setzen.

Kommt es zu Konflikten, ist es wichtig, erstmal die Situation zu deeskalieren, indem man die Streithähne trennt und dann in Ruhe nach Lösungen sucht. Eltern sind hier besonders gefordert, da sie öfter als sonst Kompromisse finden müssen."

Wie sollte der Tagesablauf am besten aussehen?

Birgit Salewski: "Geregelte Zeiten und Routinen helfen. Das fängt schon beim Aufstehen und den morgendlichen Routinen (z. B. Zähneputzen, Bett machen, gemeinsames Frühstück) an: Wann steht wer auf? Was folgt als nächstes?

Wichtig sind ausreichend Zeiten für Bewegung, Spiel und Entspannung. Das sollte auf keinen Fall zu kurz kommen, da es eine wichtige Basis für die psychische Gesundheit und den Abbau von Stress ist - für Eltern wie für Kinder. Bewegung an der frischen Luft und auch drinnen ist wichtig.

Auch sollte ein Unterschied zwischen Wochentagen und dem Wochenende beibehalten werden.

Das Thema Corona sollte zu Hause nicht überrepräsentiert sein, ein oder zweimal am Tag Nachrichten hören reicht aus und verhindert die Fixierung auf negative Nachrichten."

Omas, Opas, Tanten und Onkel fallen nicht nur als Hilfe aus, sondern sie fehlen auch. Welchen Tipp hast du hierfür?

Birgit Salewski: "Halten Sie unbedingt Kontakt per Telefon/Video und tauschen Sie sich über den Alltag aus. Auch kreative Ideen sind möglich: Musizieren per Videochat, gemeinsam singen, sich von Oma und Opa per Telefon vorlesen lassen. Oder den Angehörigen etwas malen/basteln und dann per Post versenden.

Vielleicht können Angehörige auch per Telefon Vokabeln abfragen, bei den Schularbeiten helfen oder Kochrezepte durchgeben, die die Kinder und Jugendlichen dann zur Entlastung der Eltern kochen."

Die Kinder vermissen ihre Freunde und leiden unter der Isolation. Wie sollte man damit am besten umgehen?

Birgit Salewski: "Hier ist es wichtig, die Kontakte zu fördern, zum Beispiel per Videochat oder Telefon. Manche Kinder machen auch zusammen per Telefon die Hausaufgaben oder spielen am Computer oder im Internet Spiele zusammen."

Was rätst du Eltern, wie sie jetzt am besten die Nerven bewahren?

Birgit Salewski: "Ruhe bewahren, alle Fünfe grade sein lassen und tief durchatmen. Achten Sie auch auf Ruhe und Entspannung bei sich selbst, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Bewegung.

Ich weiß, dass dies vor allem für Alleinerziehende und Eltern von kranken Kindern oder Eltern, die auch noch Verantwortung für den Partner oder die eigenen Eltern tragen, sehr viel sein kann.

Daher fragen Sie in ihrem Umfeld nach Unterstützung, Nutzen Sie Angebote der Notbetreuung, falls Sie darauf Anspruch haben, und holen Sie sich gegebenenfalls professionelle Hilfe bei den Erziehungsberatungsstellen oder Jugendämtern."

Einige Psychologen warnen jetzt schon, dass es vermehrt zu Streit und auch Gewalt in den Familien kommen wird. Wie lässt sich das verhindern?

Birgit Salewski: "Das lässt sich verhindern, indem man seine eigenen Emotionen konsequent reguliert und so nicht überreagiert. Außerdem hilft räumliche Distanz.

Wenn der Partner gewalttätig ist, egal ob gegen Kinder, Gegenstände oder einen selbst, ist das keine Lösung und muss nicht ertragen werden. Im Zweifelsfall oder bei extremen Situationen sollte man Hilfe holen.

Auch wenn man von derartigen Situationen in anderen Familien erfährt, ist es wichtig, Hilfe anzubieten oder zu holen."

Was kann man tun, damit einem nicht die Decke auf den Kopf fällt?

Birgit Salewski: "Wichtig ist eine Tagesstruktur mit sinnvollen Aufgaben, Abwechslung, Bewegung und sozialen Kontakten. All das beugt negativen Gefühlen vor und kann helfen, Krisen zu überwinden.

Und Hände weg von Alkohol und Drogen! Lenken Sie sich lieber mit etwas Spannendem im Fernsehen oder einem guten Buch ab."

Familien sind nun längere Zeit zusammen. Bei all den Herausforderungen - kann das nicht auch eine große Chance sein?

Birgit Salewski: "Ja natürlich! Diese Situation ist für uns als Gesellschaft eine riesige Chance, unser bisheriges Leben neu zu bewerten, einzuordnen und auch unser Leben in der Familie möglicherweise mit neuen Ideen, Gewohnheiten und schlicht mehr Nähe wirklich zu bereichern."

Hier bekommen Eltern, Jugendliche und Kinder Hilfe und Unterstützung


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