BR Fernsehen - Unser Land


6

Kontroverse Studie Zu viel Geläut auf der Alm?

Kuhglocken auf der Alm: perfektes Alpenidyll oder einfach nur Lärm? Und wie kommen eigentlich die Kühe selbst mit dem Gebimmel zurecht? Eine Schweizer Studie ist dieser Frage nachgegangen und hat damit für viel Aufregung gesorgt.

Von: Henning Biedermann

Stand: 24.07.2015

Das Ergebnis der Studie, die von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich publiziert wurde, bringt die Leiterin der Studie schnell auf den Punkt: Kuhglocken können das Verhalten der Tiere deutlich einschränken.

"Sie liegen weniger, sie fressen und wiederkauen weniger und sie bewegen den Kopf weniger, als wenn sie keine Glocke tragen."

Dr. Edna Hillmann, ETH Zürich

Zwischen Motorsäge und Martinshorn

Die Lautstärke der in dem Versuch verwendeten Glocken lag zwischen 90 und 110 Dezibel. Entsprechende Werte erreichen Motorsägen, Martinshörner oder Orchester. Beim Menschen führt eine solche Lärmbelastung auf Dauer zu Gehörschäden.   

Die Schlagzeilen ließen nicht lange auf sich warten: "Glocken lassen Kühe leiden!", "So laut wie ein Presslufthammer!" oder: "Wie tierquälerisch sind Kuhglocken?", um nur einige Beispiele zu nennen.

Verschleuderung von Steuergeldern?

Entsprechend fielen die Gegenreaktionen aus: Der Schweizer Bauernpräsident Ritter erregte sich dagegen, die Wissenschaftlerinnen hätten zu große Kuhglocken verwendet. Der Direktor des Bauernverbands beschwerte sich beim Schweizer Bundesrat über die Verschleuderung von Steuergeldern für unsinnige Forschung. Auch Johann Hinterreiter, Senner aus Ruhpolding, kann das Studienergebnis nicht nachvollziehen:

"Ich bin jetzt schon 40 Jahre lang auf der Alm heroben als Bauer und jetzt auch als Senner. Ich wüsste jetzt nicht, dass da was Nachteiliges entstanden wär, dadurch, dass die a Glocken dran hat."

Johann Hinterreiter, Bergbauer aus Ruhpolding

Wie wurde das Studienergebnis ermittelt?

Das vielleicht eigentlich Interessante an der Geschichte: Wie stellt man fest, ob sich eine Kuh mit ihrer Glocke unwohl fühlt? An der Untersuchung nahmen 19 Tiere, allesamt trockenstehende Kühe,  teil. Diese wurden zuerst an verschiedene Messgeräte gewöhnt: an einen Aktivität-Sensor am Fuß, einen Gurt zur Herzfrequenzmessung und an ein Halfter, in dem ein Sensor die Fress- und Wiederkaudauer registrierte.

Tests im Drei-Tage-Rhythmus

Dann beobachtete man jede Kuh unter drei verschiedenen Bedingungen jeweils drei Tage: ihr Verhalten mit einer läutenden Glocke, mit einer stummen Glocke, deren Klöppel festgeklebt war und ihr Verhalten ohne Glocke. Ob drei Tage ausreichend sind, um zu einem fundierten Ergebnis zu kommen, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. Während sich Bergbauer Johann Hinterreiter das nicht vorstellen kann, verteidigt Edna Hillmann diesen Zeitraum:

"Drei Tage sind unserer Meinung nach ausreichend, weil wir Vorversuche gemacht haben, mit Ziegen und in einem etwas anderen Versuchsdesign, aber da haben wir Gewöhnungseffekte gefunden nach dieser Zeit. Und darum hätten wir erwartet, dass es zumindest beginnende Gewöhnung an die Glocken in diesen drei Tagen gibt."

Dr. Edna Hillmann

Wurden die falschen Glocken getestet?

Eine Gewöhnung war nicht zu beobachten, obwohl keines der Tiere zum ersten Mal eine Glocke trug. Die waren möglicherweise wirklich zu groß: Denn für die Studie wurden 5,5 kg schwere Exemplare verwendet. So ein Gewicht würde man den Tieren nur beim Almauftrieb oder -abtrieb umhängen, aber nicht den ganzen Sommer, erklären die Bauern. Die gleiche Auskunft geben auch die Geschäftsstellen der Alm- und Alpwirtschaftlichen Vereine. Demzufolge liege das Gewicht einer Kuhglocke für den Alltagsbetrieb zwischen 800 g und maximal 2 kg. Edna Hillmann ist jedoch der Meinung, dass die im Versuch verwendeten Glocken auch auf Almen eingesetzt werden. Für die Größe gäbe es keine Norm, sagt sie.

Überraschende Erkenntnis

Unabhängig von der Größe würde man eigentlich erwarten, dass sich eine Kuh durch eine läutende Glocke mehr gestört fühlt als durch eine stumme. Doch mit der läutenden Glocke reduzierte sich die tägliche Fressdauer um circa 40 Minuten, mit der stillen Glocke jedoch um zwei volle Stunden. Die Wiederkaudauer war hingegen in beiden Fällen zweieinhalb Stunden kürzer. Für dieses widersprüchliche Verhalten liefert die Studie keine Erklärung.

Was wurde mit der Studie erreicht?

"Wenn wir jetzt noch mal so einen Versuch machen würden, über eine längere Zeit, und wir ähnliche Ergebnisse noch mal finden würden, dann sollte man sich die Frage stellen, wie Glocken und Tierwohl zusammenpassen."

Dr. Edna Hillmann

Eigene Erfahrungswerte der Bauern

Die Bergbauern lassen sich von der Studie nicht aus der Ruhe bringen.

Die Bauern auf der Haaralm bei Ruhpolding winken da nur ab. Bei ihnen tragen nicht alle Kühe Glocken, sondern vor allem die Leittiere. Die Bauern ziehen somit seit Jahren den direkten Vergleich zwischen Rindern mit und ohne Glocken. Im Rahmen eines Weidemanagementprojekts hat man auch schon die Gewichtszunahme der Tiere über den Almsommer geprüft. Das Ergebnis: Die täglichen Zunahmen waren laut Almbauer Ludwig Böddecker bei allen Tieren gleich - egal ob mit Glocke oder ohne. Und ob glockentragende Kühe häufiger erkranken, weil sie vielleicht weniger wiederkauen, konnte bislang auch nicht beobachtet werden.

GPS statt Glocke

Außerdem sind Glocken zum Auffinden verirrter oder verletzter Rinder im unübersichtlichen Almgelände unentbehrlich und dienen so dem Tierwohl, so das Argument der Bergbauern. Dass die Kuhglocken demnächst wegen einer Tierwohlinitiative von der Alm verschwinden, scheint trotz allem unwahrscheinlich. Eher werden sie allmählich dem technischen Fortschritt in Form von GPS-Ortungssystemen zum Opfer fallen.

Adressen und Links

Sämtliche Adressen und Weblinks zum Thema gibt auf unserer Seite "Adressen zur Sendung":


6