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Walchensee-Kraftwerk Der Kampf ums Isar-Wasser hat begonnen

Die Konzession für das Walchensee-Kraftwerk wird ab 2030 neu vergeben. Dabei muss auch entschieden werden, wie viel Wasser aus der Isar künftig für die Stromerzeugung ausgeleitet werden darf. Umweltschützer sehen darin eine große Chance.

Von: Michael Kraa

Stand: 28.09.2020

Das Walchensee-Kraftwerk war seinerzeit eine ingenieurtechnische Meisterleistung. Vor 96 Jahren ging es in Betrieb, damals eines der größten Wasserkraftwerke der Welt. Für die Stromerzeugung wird der Isar und zahlreichen Bächen Wasser entnommen. So werden allein am Isar-Wehr bei Krün zwei Drittel des Wassers für das Walchensee-Kraftwerk abgeleitet. Nur ein Drittel bleibt der Isar.

Neue Konzession ab 2030

Das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen hatte dem Kraftwerksbetreiber Uniper bereits im Juli angekündigt , dass die Frist der wasserrechtlichen Gestattungen zum 30. September 2030 abläuft. Damit muss die Konzession für den Betrieb neu vergeben werden. In einem wasserrechtlichen Verfahren muss dabei auch entschieden werden, wie viel Wasser aus der Isar und den angrenzenden Bächen künftig für die Stromerzeugung abgezweigt werden darf.

Saubere Energie oder intakter Gebirgsfluss?

Der Konflikt könnte deutlicher nicht sein: Auf der einen Seite ein traditionsreiches Kraftwerk, das seit 96 Jahren mit erneuerbarer Energie "sauberen" Strom produziert, praktisch emissionsfrei. Auf der anderen Seite ein einzigartiger, wilder Gebirgsfluss, der an seinem Oberlauf ständig neue Kiesbänke schafft und sie wieder mitreißt und dabei vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet - bis zur Ableitung des Wassers bei Krün. Nachdem der Isar zwei Drittel ihres Wassers genommen sind, verdrängen flussabwärts Allerweltspflanzen wie die Weide die seltenen Arten.

Umweltschützer sehen Chance

Welche Folgen die Eingriffe durch das Kraftwerk haben, sieht man nicht nur an der Isar, sondern auch am Rissbach, der komplett abgeleitet wird. Karl Probst ist Vorsitzender des Vereins "Rettet die Isar", einem Zusammenschluss von Isargemeinden und Anwohnern. Er will den Bach zurück: "Wir wollen eigentlich den Zustand, den guten ökologischen Zustand, wie er einfach für einen Bach oder einen Fluss gehört, herstellen. Und da gehört Wasser eben dazu. Alles andere widerspricht schon dem gesunden Menschenverstand und vor allem der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie.

Gewässerzustand darf sich nicht verschlechtern

Die Wasserrahmenrichtlinie bestimmt: Der Zustand eines Gewässers darf sich nicht verschlechtern. Anzustreben ist stattdessen eine Verbesserung. Gefordert wird darin auch ein "guter ökologischer Zustand". Dies könnte nur erreicht werden, wenn ab 2030 tatsächlich weniger Wasser aus der Isar und ihren Zuflüssen abgeleitet würde. Denn dann hätten es möglicherweise auch viele seltene Arten leichter, die man noch am Oberlauf der Isar findet. Wie die Gefleckte Schnarrschrecke. Die vom Aussterben bedrohte Heuschreckenart braucht sandige, schütter bewachsene Uferbereiche.

Ein Kompromiss muss her

Gefunden werden muss also ab 2030 ein Kompromiss - zwischen der Wasserkraft als sauberer Energieform, die dennoch in die Natur eingreift, einerseits und dem Fluss als Lebensraum für viele wertvolle Arten andererseits. Karl Probst vom Verein "Rettet die Isar" sieht das ganz nüchtern: "Der Kompromiss ist die Wasserrahmenrichtlinie., ganz einfach. Das heißt, die Europäische Union fordert von ihren Mitgliedsländern, dass sie den guten ökologischen Zustand herstellen. Da gehört Mindestwasser dazu. Das Mindestwasser muss durch Fachleute festgelegt werden, wann ist dieser gute ökologische Zustand erreicht. Und das ist der Kompromiss."

Betreiber Uniper gesprächsbereit

Theodoros Reumschüssel, Sprecher des Kraftwerksbetreiber Uniper, verweist indessen darauf, dass das Walchensee-Kraftwerk Strom für 100.000 Haushalte produziere. Und das praktisch emissionsfrei. Und warnt davor, dem Kraftwerk das Wasser abzudrehen: "Weniger Wasser heißt: Weniger Strom aus Wasserkraft. Ganz einfach, so ist es. Und es würde auch die Ertragsbasis des Unternehmens schmälern", gibt aber zu: "Letzten Endes ist der Kompromiss natürlich der Königsweg. Da müssen beide Seiten bereit sein zum Kompromiss. Man muss sich aufeinander zubewegen."

Jahrelanges Verfahren

Sobald Kraftwerkseigentümer Uniper einen Antrag auf eine neue Konzession stellt, beginnt das wasserrechtliche Verfahren am Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen - die Grundlage für die neue Konzession, die maximal 30 Jahre lang gelten wird. Die Umweltschützer wollen dieses Verfahren aktiv mitgestalten.

Nicht gegen das Kraftwerk

Nach Ansicht des Vereins "Rettet die Isar" muss das Walchensee-Kraftwerk auch weiterhin Bestand haben, insbesondere mit Blick auf die Energiewende. Allerdings will man erreichen, dass einige zentrale Forderungen erfüllt werden, darunter ein Mindestwasser für alle von den Ableitungen betroffenen Gewässer, insbesondere denn Rissbach. Der Verhandlungsprozess müsse zudem transparent sein und die Öffentlichkeit umfassend einbezogen werden. Und die durch das Kraftwerk erzielte Wertschöpfung in der Region bleiben.

Betrieb durch den Freistaat?

Schließlich sollten Rechte und Eigentum am Kraftwerk wieder in den Händen des Freistaates bleiben, so eine weitere Forderung der Umweltschützer. Was sich davon erreichen lässt und wie viel Wasser der Isar und ihren Zuflüssen ab 2030 zur Verfügung gestellt wird, muss das wasserrechtliche Verfahren klären. Bis es so weit ist, wird es aber wohl Jahre dauern.


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