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Schattenseiten des Tourismus Der Ansturm auf Berge und Seen

Die Sehnsucht der Menschen nach Natur, Bergen und Seen - gerade zu Coronazeiten - ist eine extreme Belastung für die Umwelt. Ranger versuchen, die Besucherströme zu lenken - zum Schutz der einzigartigen Natur. Dabei erfahren sie oft Anfeindungen.

Von: Brigitte Kornberger

Stand: 20.07.2020

Der Naturpark Nagelfluhkette übt einen besonderen Reiz auf Wanderer aus mit seinen bizarren Formen, die sich die Natur hier ausgedacht hat. Kein Wunder, dass die Menschen sich magisch angezogen fühlen von dieser Landschaft und sie allzu gerne betreten wollen - dort, wo sie zugänglich ist. Auch für seine üppige Pflanzenvielfalt ist der Naturpark Nagelfluhkette im Allgäu bekannt.

Doch die Sehnsucht der Menschen nach der Schönheit der Berge hat eine Kehrseite: Die Massen von Touristen und Tagesgästen sind eine extreme Belastung - für die Wanderwege, für die Anwohner, für die Gemeinden und für die Infrastruktur im Tal, wenn es zu massiven Staus kommt. Deshalb sind eine Lenkung der Besucher und Informationen für die Gäste extrem wichtig, meint Florian Heinl, Ranger im Naturpark Nagelfluhkette.

Vor allem jetzt in Corona-Zeiten nimmt der Ansturm der Besucher auf die schönen Ziele zu. Solange die Menschen auf den ausgeschilderten Wegen bleiben und der Natur nicht in die Quere kommen, ist Florian Heinl beruhigt. Doch nicht alle Besucher lassen sich so gut lenken, immer wieder gibt es "Ausreißer".

Internet verbreitet Touren durch geschützte Gebiete

Vor allem das Internet bereitet den Betreibern des Naturparks Sorgen. Regelmäßig durchforstet Florian Heinl deshalb Outdoor-Portale, auf denen Menschen beispielsweise Mountainbike-Touren veröffentlichen, die durch sensible und auch verbotene Gebiete führen. In diesem Fall schreibt der Ranger die Autoren an und bittet sie, ihre Routen zu ändern. Damit versucht er zu verhindern, dass aufgrund von Touren-Vorschlägen oder Instagram-Beiträgen innerhalb kurzer Zeit Hot Spots in geschützten Bereichen der Natur entstehen.

Soziale Medien machen "Geheimtipps" zu Hot-Spots

Ein anders Problem sind die Sozialen Medien. Bekanntes Beispiel: Die Aufnahmen einer Influencerin am Königssee, die auf Instagram im Juni hohe Wellen geschlagen haben. Sie zeigte sich in einem Bikini beim Plantschen in der Gumpe eines Wasserfalls hoch über dem Königssee im Nationalpark Berchtesgaden. Ein Blick über die Kante zeigt, dass es Dutzende Meter in die Tiefe geht. Das Ganze wurde verbotenerweise via Drohne gefilmt, weswegen auch die Polizei ermittelt. Ein lebensgefährliche Aktion - die so oder anders immer wieder Nachahmer findet. Damit gefährden sie nicht nur ihr Leben, sondern tragen auch zur Zerstörung unberührter Natur bei. Ein extremes Beispiel, aber auf der Suche nach spektakulären Aufnahmen wird auf die schützenswerte Natur keine Rücksicht genommen. Ein besorgniserregender Trend, findet Rolf Eberhardt, Leiter des Naturparks Nagelfluhkette:

"Was uns Sorge macht, ist der Trend, einsame Erlebnisse über soziale Medien, über Instagram, einer breiten Community zu vermitteln. Informationen über einen tollen Spot, über einen tollen Sonnenaufgang auf einem Berggipfel - das führt dazu, dass diese Punkte viel stärker genutzt werden, zu Randzeiten genutzt werden. Das macht mir tatsächlich Sorge."

Rolf Eberhardt

Walchensee - Sehnsuchtsort völlig überlaufen

Dass die Menschen sich angezogen fühlen von den "Perlen der Natur", ist allzu verständlich. Auch der Walchensee ist so ein Sehnsuchtsort - im Moment mehr denn je. Es ist ein Spagat, den Schutz der Natur in Einklang mit den freizeithungrigen Besuchern zu bringen – und ein Kraftakt für die Ranger. Je näher eine Naturoase an der Großstadt ist, desto höher ist der Druck. Vor allem auch die Tagesausflügler aus dem Raum München setzen dem Walchensee an schönen Sommertagen zu.

Ranger - beschimpft und bedroht

Inzwischen sind die Ranger am Walchensee nur noch zu zweit unterwegs. Der Widerstand, mit dem sie es zu tun haben, ist stärker geworden, der Ton rauer. Viele Menschen haben kein Verständnis für das Anliegen der Ranger. Sie werden beschimpft und bedroht, dabei wollen sie bloß aufklären, was manches Fehlverhalten für die Natur bedeutet. Denn in den Natur- und Landschaftsschutzgebieten rund um den See wachsen schützenswerte Pflanzenarten wie zum Beispiel der Sumpf-Stendelwurz, der auf der Roten Liste steht. Auch in so sensiblen Gebieten machen die Menschen immer wieder verbotenerweise Feuer oder werfen Zigarettenstummel weg, durch die Giftstoffe in die Umwelt gelangen. Oft wissen die Besucher gar nicht, was sie umgibt. Deswegen wünschen sich manche von ihnen Informationstafeln - ein wichtiges Feedback für die Ranger auf ihrem Streifzug am Wasser.

Buchenegger Wasserfällen vor dem Besucherkollaps

Je heißer der Sommer, desto mehr Menschen suchen das kühle Nass. An den Buchenegger Wasserfällen bei Oberstaufen im Allgäu sind es bis zu 1.000 Besucher an starken Tagen. In einem äußerst sensiblen Bereich mit sehr seltenen Pflanzenarten, die zertrampelt oder sogar mit Abfall bedeckt werden. Was den Naturpark-Mitarbeitern Sorgen bereitet: Je beliebter dieser Ort wird, desto gefährlicher wird es für den streng geschützten Kies-Steinbrech. So werden Absperrungen unvermeidbar. Besucherlenkung kann in so einem Fall viel bewirken.

Ihre Sehnsucht nach der Schönheit der Natur kann man den Menschen nicht verwehren. Solange sie noch aufpassen auf dieses kostbare Gut.


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