BR Fernsehen - Stolperstein


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Roll and walk Der Dirigent Benedikt Lika

Er sitzt im Rollstuhl. Seine Gelenke sind deformiert und seine Lunge braucht ständig frischen Sauerstoff aus der Flasche. Das hält Benedikt Lika jedoch nicht davon ab, ein ganzes Orchester zu dirigieren. Der 32-jährige Musiker aus Augsburg gründete die Konzertreihe "Roll and walk". Die einen kommen zu Fuß, die anderen mit dem Rolli ...

Von: Tom Fleckenstein

Stand: 28.04.2014

Benedikt Lika | Bild: picture-alliance/dpa

Benedikt Lika hat die seltene Stoffwechselerkrankung Mukopolysaccharidose (MPS). Aufgrund eines mangelnden Enzyms wird  Zucker vom Körper nicht abgebaut, sondern in die Knochen eingelagert. Das führt unweigerlich zu Behinderungen. Häufig sind es geistige Behinderungen, manchmal auch körperliche wie im Falle Benedikt Likas: Er leidet unter deformierten Gelenken. Schon früh war Musik die beste Therapie für ihn. Trotz seines Handicaps hat er versucht, so normal wie möglich zu leben. Er besuchte das musische Gymnasium, und spielte Pauke im Schulorchester. Nach dem Abitur studierte er Musik und Musikwissenschaft.

Nicht nur mit der Konzertreihe „Roll an Walk“ setzt sich Benedikt Lika für die Inklusion – also die Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben – ein. Er engagiert sich politisch vor allem für die Belange Behinderter und hat es in den Stadtrat von Augsburg geschafft.

Der Film porträtiert Benedikt Lika, der in der Musik und im sozialen Engagement seine Erfüllung gefunden hat. Er ist ein Beispiel dafür, was Menschen mit Handicaps leisten können und wie die Inklusion von schwer behinderten Menschen gelingen kann.

Das Projekt

Behinderte Menschen leiden oft nicht in erster Linie körperlich, sondern vor allem unter sozialer Ausgrenzung. Das zeigt sich zum Beispiel bei den begrenzten Zugangsmöglichkeiten zu kulturellen Ereignissen. Wenn ein Theater oder eine Opernbühne überhaupt barrierefrei zugänglich ist, dann stehen oft nur zwei bis vier Plätze für Menschen mit Handicap zur Verfügung.

Mit exzellenten Nachwuchs-Musikern aus ganz Deutschland hat Benedikt Lika eine eigene Konzertreihe gegründet, bei der es solche Probleme nicht gibt. Alle Konzerte sind barrierefrei erreichbar. Viele Musiker kannte er schon aus seiner Zeit am musischen Gymnasium in Augsburg. Das Ensemble trifft sich einmal im Jahr in Augsburg und probt eine Woche lang. Dann werden die Stücke aufgeführt – oft im Kleinen Goldenen Saal der Stadt Augsburg.

300 Besucher passen in den Kleinen Goldenen Saal. Die einen kommen im Rollstuhl, die anderen gehen zu Fuß. Daher das Motto: „Roll and walk“.

"Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurücklässt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben."

 E.T.A. Hoffmann

Mit diesem Zitat beschreibt Benedikt Lika das Gefühl, das sich bei den Konzerten einstellt. Musik vermag alle Grenzen zu überwinden, auch die körperlichen. Musik – so Lika – nimmt die Menschen mit in eine andere Welt. Bestes Beispiel ist der Dirigent Lika selbst. Vor dem Konzert wird er in seinem Rollstuhl mühsam auf das Podest gehoben. Doch wenn er den Einsatz gibt, ist er ganz in seinem Element.

"Sobald ich den Taktstock erhebe, tritt meine Behinderung völlig in den Hintergrund. Dann steht nur noch die Musik im Mittelpunkt."

Benedikt Lika

Das Projekt schlägt eine Brücke zwischen Behinderten und Nichtbehinderten, ist also gelebte Inklusion. Benedikt Lika arbeitet mit Behinderteneinrichtungen zusammen und organisiert auch Kammerkonzerte in kleinerem Rahmen an barrierefreien Orten mit kostenlosem Eintritt. Das Projekt verbindet somit hohen künstlerischen Anspruch mit sozialem Engagement. Es erhielt dafür bereits den Augsburger Kulturförderpreis.

Der Initiator

Benedikt Lika ist 32 Jahre alt und stammt aus einer Augsburger Musikerfamilie. Sein Vater ist ein bekannter Basssänger. Seine Mutter singt als Solistin im Kirchenchor. Und auch der Bruder steht am Anfang einer Sängerkarriere.

Benedikt Likas Werdegang

Als Benedikt 1 ½ Jahre ist, wird bei ihm die seltene Krankheit Mukopolysaccharidose (MPS) festgestellt. Dennoch ist aus ihm ein Vollblut-Musiker geworden. Seine Eltern schickten ihn auf die normale Schule – zu einer Zeit als es noch üblich war, behinderte Kinder in gesonderte Fördereinrichtungen zu geben. Benedikt Lika lernte Klavier und sang bei den Augsburger Domsingknaben. Später spielte er Schlagzeug und war Solopauker im Schulorchester. Überhaupt führte er ein ganz „normales“ Teenager-Leben. Er ging gern in die Disko und mit seinen Brüdern auf den Fußballplatz. „Menschen mit Behinderung werden zu sehr in Watte gepackt“, sagt er, „die werden einfach wegverwaltet. Weil es einfacher ist, steckt man sie in Behindertenzentren, wo sie dann versauern.“

Nach dem Abitur beginnt Benedikt Lika in Augsburg Musik zu studieren. Und er besucht Meisterkurse im Dirigieren. Im März 2010 macht er seinen Magister in Musikwissenschaft und fing mit seiner Doktorarbeit an. Thema: Musik und Behinderung.

Benedikt Lika macht das, was seine ganze Lebenseinstellung prägt: Er konzentriert sich nicht auf seine Schwächen, sondern auf seine Stärken. Auf das, was er am besten kann: Musik machen.

Mit Musik Barrieren überwinden

Die Konzertreihe „Roll and walk“ ist ein Geben und Nehmen zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Gerade das Medium der Musik kann helfen, Barrieren zu überwinden.

Die Krankheit MPS

Bei der Mukopolysaccharidose (MPS) handelt es sich um eine seltene Stoffwechselerkrankung, mit der in Deutschland eins von 30.000 Kindern zur Welt kommt. Derzeit leben bei uns mindestens 1000 Menschen mit MPS. Aufgrund eines mangelnden Enzyms wird vom Körper Zucker nicht abgebaut, sondern eingelagert. Dies kann sowohl zu geistigen als auch zu körperlichen Behinderungen führen. Die Knochen, das Herz sowie die Augen können geschädigt werden. Das Tückische: Die Kinder kommen scheinbar gesund auf die Welt. Erst später macht sich der Gendefekt bemerkbar und führt nicht selten zum frühen Tod. MPS ist eine tödliche Erbkrankheit. Sie wird von gesunden Eltern vererbt, die normalerweise nicht wissen, dass sie Träger dieser schrecklichen Krankheit sind. Sie tragen den gleichen rezessiven Genfehler in sich, den sie mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:4 weitervererben. MPS ist derzeit nicht heilbar. Chancen der Linderung bestehen je nach Typ im Ersatz des Enzyms (Enzymersatztherapie). In Zukunft könnte eine Gentherapie Heilung bringen.


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